"Nora, Hedda und ihre Schwestern" am Badischen Staatstheater Karlsruhe Schmerzen in der Puppenhaus-Idylle

"Nora, Hedda und ihre Schwestern" am Badischen Staatstheater Karlsruhe Schmerzen in der Puppenhaus-Idylle

Nora, Hedda und ihre Schwestern in Karlsruhe (Foto: Badisches Staatstheater Karlsruhe - Felix Grünschloß)
Von Marie-Dominique WetzelAnna Bergmann, die neue Schauspieldirektorin des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, hat eine Vorliebe für starke und außergewöhnliche Frauenfiguren – und ein Faible für Skandinavien. Typisch für sie daher die Eröffnungspremiere in ihrer ersten Karlsruher Spielzeit: „Nora, Hedda und ihre Schwestern“ hat Dramaturgin Ulrike Syha für Anna Bergmann aus den drei Ibsen-Stücken: „Nora oder ein Puppenheim“, „Hedda Gabler“ und „Die Frau vom Meer“ montiert.Auf der Bühne steht ein Reihenhaus, mit drei Parteien, jeweils drei Etagen. Wie ein aufgeklapptes Puppenheim, hat es Bühnenbildnerin Katharina Faltner gestaltet. Aber die Einrichtung ist nicht niedlich verspielt, sondern kühl. Hier wohnt Nora mit ihrer Familie im 50er Jahre Ambiente, Hedda mit ihrem Jörgen im 80er Jahre Stil und Ellida mit Dr. Wangel und seinen Töchtern etwas unspezifisch im Heute. Badisches Staatstheater Karlsruhe - Felix Grünschloß
Spotlightartig springt das Geschehen von einer Familie - von einer Geschichte zur anderen. Wegen sprunghafter Szenenwechsel weiß man manchmal nicht, wo man hinschauen soll, doch das rasante Tempo bringt die drei Geschichten nah zueinander: Die naive Nora, die von ihrem Mann Torvald wie ein Püppchen behandelt wird und wegen eines alten Schuldscheins und einer gefälschten Unterschrift von Krogstad erpresst wird. Hedda, die sich erhofft hatte, durch die Anerkennung und Karriere ihres Mannes die Leere in ihr kompensieren zu können. Doch kaum aus den Flitterwochen zurück, wird ihr klar, dass die Rechnung wohl nicht aufgeht. Badisches Staatstheater Karlsruhe - Felix Grünschloß
Und Ellida, die Frau vom Meer, steht zwischen zwei Männern und ist in tiefer Trauer um ihre verstorbene Tochter versunken. Schöne, ergreifende Bilder wenn Ellida (Anna Gesa-Raija Lappe) im Pool dahin treibt, wie ein Geschöpf, das in dieses andere Element gehört. Eine echte Verschränkung, oder gar Interaktion gibt es zwischen den drei Frauen nicht. Sie bleiben durch die drei Zeitebenen getrennt. Aber die Paralellen sind offensichtlich: alle drei Frauen leiden an dem Leben, das sie führen. Alle drei sehnen sich nach echter Liebe und einem selbstbestimmten Leben. Badisches Staatstheater Karlsruhe - Felix Grünschloß
Doch durch die schnellen Wechsel von einer zur anderen Geschichte und durch die Verdichtung der Texte entstehen im Laufe des Abends beim Zuschauer unwillkürlich neue Verbindungen.  Am Ende, wenn das Puppenhaus schon auseinander gefallen ist, nehmen alle drei Frauen ihr Leben selbst in die Hand: Hedda (Sina Kießling) weiß keinen anderen Ausweg als den Freitod. Badisches Staatstheater Karlsruhe - Felix Grünschloß
Nora macht einen harten Schnitt und verlässt Mann und Kinder. Nur Ellida entscheidet sich noch einmal ganz bewusst für ihren Mann und scheint einen Neuanfang versuchen zu wollen. Ein kleiner Verweis darauf, dass sich in den letzten 50 Jahren in Sachen Emanzipation doch etwas verändert hat! Badisches Staatstheater Karlsruhe - Foto: Sebastian Pircher
Während der ganzen Aufführung doppeln Videokameras das Bühnengeschehen auf mehrere Leinwände und holen die Protagonistinnen noch näher heran. Übrigens spielen und singen alle drei Schauspielerinnen hervorragend! Ein Abend, der das ganze, neu zusammen gestellte Karlsruher Schauspielensemble in Hochform zeigt – ein guter Einstand, der Lust auf mehr von Anna Bergmann und starken Frauen macht."Nora, Hedda und ihre Schwestern" von Ulrike Syha, nach Vorlagen von Henrik Ibsen. Badisches Staatstheater Karlsruhe. Nächste Vorstellungen: 14.10., 19.10. und 26.10. Badisches Staatstheater Karlsruhe - Felix Grünschloß
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