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Ein Arzt schaut sich ein MRT-Bild an.

Gehirnoptimierung Was bringen "Neurotools"?

Eine Katze weiß genau, wie es der anderen Katze gerade geht, sie kann das ablesen, unter anderem an den Ohren. Menschen können das nicht. Doch da gibt es jetzt etwas ganz Neues: Gehirnaktivitäten messen und verbessern mit Neuro-Technologie – das gibt es jetzt für jedermann. Was taugen die Geräte?

Ein Haar-Reif mit Ohren, darunter kleine Servo-Motörchen, an der Seite: ein Ohrclip und über der linken Augenbraue: Eine Elektrode.
Necomimi-Brainwave-Cat-Ears – Neuro-Technologie für jederman. Neurofeedback-Öhrchen, die meine Gehirnwellenmuster erkennen und sie interpretieren. "Zeige der Welt, was in deinem Kopf vor sich geht und beeindrucke deine Freunde", sagt die Werbung.

Neues Technik-"Spielzeug"? Necomimi-Brainwave-Cat-Ears-Werbevideo


Wackeln fürs Verständnis

Aber die Öhrchen sind nur ein winziger Teil des Ganzen. Bei der vielbeschworenen "Neuro-Revolution" geht es um Peak-Performance-Training für Spitzensportler und Manager, es geht darum, ADHS zu behandeln oder Psychosen und Schlafstörungen in den Griff zu bekommen. Es geht um einen beachtlichen Markt, und die Marketing-Leute wissen das.

Stress runter, persönliches Potential rauf, mit Neuro-Gadgets. Ich bestelle im Netz und nach wenigen Tagen liegt ein Paket auf meinem Schreibtisch. Ein Neurofeedback-Gerät. Es soll mir helfen mein Gehirn zu manipulieren.

Die Katze Paul O'Malley

Eine Katze weiß genau, wie es der anderen Katze gerade geht, sie kann das ablesen, unter anderem an den Ohren..

Neurosky-Brainlink kommt mit Links und Apps und Faltblättern und vielen Versprechen. "Steigere deine Leistungsfähigkeit wie ein Top-Sportler verbessere deine Konzentration" heißt es. Sehr gut. Aber, bevor ich mir das auf den Kopf setze, möchte ich verstehen, was da überhaupt passiert.

Messbare Reize

Ich bin nach Tübingen gefahren, an die Eberhard-Karls-Universität, Fachbereich Neuropsychologie, zu Kerstin Mayer. Kerstin Mayer platziert kleine Messsonden auf meinem Kopf. Vor mir ein Bildschirm.

Wir wollen etwas sichtbar und erfahrbar machen, was unser Gehirn tut, wir aber nicht direkt spüren können: Langsame Corticale Potentiale, Slow-Cortical Potentials oder kurz SCPs. Sie entstehen, wenn Zellverbünde in meinem Cortex auf bestimmte Weise agieren.

Wenn mein Gehirn etwa einen Reiz empfängt, dann können diese Zellverbünde ein negatives SCP-Spannungssignal erzeugen. Die Folge: Andere Nervenzellen sind nun leicht erregbar, ich bin bereit, zielgerichtet zu handeln.

Eine Sonne als Belohnung

Und das geht auch anders: positive Spannung, die Erregbarkeitsschwelle wird höher. Und genau dieses Senken und Erhöhen meiner Erregungsschwelle, das kann ich mit Kerstin Mayer trainieren. Denn auf dem Bildschirm vor mir erscheinen verschiedene Symbole, die ich allein mit Kraft meines Gehirnes steuern kann.

Ein Mann zeichnet auf eine Glasscheibe die groben Umrisse eines menschlichen Gehirns.

Langsame Corticale Potentiale, Slow-Cortical Potentials oder kurz SCPs entstehen, wenn Zellverbünde im Cortex auf bestimmte Weise agieren


Ich konzentriere mich und tatsächlich schiebe ich diesen kleinen Fisch auf dem Bildschirm vor mir, hoch über die Linie. Weil ich das so toll gemacht habe, bekomme ich eine lachende Sonne und ein dickes Lob von Kerstin Mayer, beides zusammen fühlt sich sehr gut an. Nüchtern betrachtet bin ich aber nur ein Opfer der operanten Konditionierung.

Spannend daran: Ich muss gar nicht mal verstehen wie ich das lerne, mein Gehirn tut es einfach. Zumindest anfangs. Zurück aus Tübingen probiere ich mein Heim-Neurofeedback-Gerät aus.

Lass’ die Erdbeere platzen!

Neurosky Brainlink klette ich mir wie ein Schweißband um den Kopf, eine Elektrode sitzt jetzt direkt auf meiner Stirn, eine kleine Wäscheklammer clipse ich mir ans linke Ohr. Das Gerät ist über Bluetooth mit meinem Smartphone verbunden, dort bekomme ich meine Mission: Ich soll mich konzentrieren. So stark und so lange bis eine Erdbeere erst zittert und dann platzt.

In der nächsten Übung muss ich per Gehirn eine Feder steigen lassen, durch Entspannung. Das mit der Feder funktioniert auf Anhieb, die App nennt mich nach einigen Minuten Zen-Meister, was komisch wirkt. Bei Kerstin Mayer war ich noch blutiger Anfänger. Ob das Gerät wirklich das anzeigt, was es anzeigen soll?

Hirnschrittmacher - eingepflanzte Elektroden geben Reize an Nervenzellen ab

Anwendung aus der Medizin: Hirnschrittmacher - eingepflanzte Elektroden geben Reize an Nervenzellen ab.

Niels Birbaumer ist Psychologe, Neurobiologe und Neurofeedback-Spezialist. Birbaumer teilt mein Misstrauen. Mangelhafte Technik sei das, sagt er. Denn man kann auch einfach mit den Augen wackeln oder die Stirn in Falten ziehen: Und die Erdbeere platzt. Birbaumer sagt, ein Gerät für 200 Euro kann auch gar keine Hirnströme messen.

Suche nach Belegen

Es ist schwierig zu zeigen, dass Neurofeedback ADHS-Patienten hilft. Es ist noch schwieriger, Belege dafür zu finden, dass Neurofeedback Gesunden beim Selbst-Optimieren nützt.

Die Erfahrung hat auch Axel Kowalski gemacht. Der Psychotherapeut und Neurofeedback-Experte nutzt Neurofeedback therapeutisch. Das Selbst-Optimieren, mit App und Gadget vorm heimischen PC, sieht auch er kritisch.

Nach einigen Wochen mit dem Neurofeedback-Tool kommt noch ein zweites Paket: ein transkranielles Gleichstrom-Stimulationsgerät, kurz tDCS. Durch kleine Elektroden wird mein Gehirn unter Strom gesetzt, über die Hirnhaut soll so die Erregbarkeit meiner Nervenzellen erhöht oder gedämpft werden.

Lassen sich Hirnfunktionen von außen überwachen und steuern?

Lassen sich Hirnfunktionen von außen überwachen und steuern?


Gehirn unter Strom

Der kleine weiße Kasten braucht zwei 9-Volt-Batterien. Die Elektroden liegen daneben, alles bereit. Was ich nicht im Netz finde: einen Hinweis, was ich eigentlich genau machen soll, wenn ich unter Strom stehe. Im Tutorial wird von möglichen Nebenwirkungen gesprochen, hin und wieder Hautirritationen und Müdigkeit, in seltenen Fällen Panikattacken und gestörtes Zeitempfinden.

Dann lese ich noch von einer Studie, die tDCS-Geräte untersucht hat, die Gamer beim Computerspielen besser machen, ihre Arbeitsgedächtnisleistung erhöhen sollen. Ergebnis: es funktioniert nicht. Die Arbeitsgedächtnisleistung der Gamer war nicht gestiegen, sondern am Ende sogar vermindert.

Der US-Wissenschaftler Barry Stermann hat vor mehr als 40 Jahren gezeigt, dass er mit Neurofeedback Katzen so trainieren kann, dass sie epileptische Anfälle unterdrücken können, es gibt vielsprechende Studienergebnisse, die zeigen, dass die Technik im therapeutischen Bereich sinnvoll eingesetzt werden kann. Und: Es gibt die klare Empfehlung an alle Selbstoptimierer, dass sie ihre Erwartungen an die Macht von Neurogadgets lieber dämpfen sollten.

Im Programm

Hans Fährmann:
"Die mit Tränen säen", Motette für gemischten Chor op. 56
Leitung: Frieder Bernius
Ton de Leeuw:
"Car nos vignes sont en fleur" für 12 gemischte Stimmen
Leitung: Peter Dijkstra
Hans Fährmann:
"Sieben Sprüche" für gemischten Chor op. 45
Leitung: Frieder Bernius
Max Reger:
"Ach, Herr, strafe mich nicht!", Motette für 5-stimmigen gemischten Chor op. 110 Nr. 2
Leitung: Frieder Bernius
Hans Fährmann:
"Fünf Sprüche und Psalmen" für gemischten Chor op. 34
Leitung: Frieder Bernius
Martin Smolka:
"The name Emmanuel" für 12-stimmigen gemischten Chor
Leitung: Peter Dijkstra
Max Reger:
"Schweigen" op. 39 Nr. 1
Leitung: Marcus Creed

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