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Gespräch zu den Öffentlichen Symposien "Zukunftskonferenzen" für die Musikhochschulen

Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer im Gespräch über das neue Dialogverfahren zur Weiterentwicklung der baden-württembergischen Musikhochschullandschaft


Seit vergangenem Sommer stehen die Musikhochschulen in Baden-Württemberg in der öffentlichen politischen Diskussion. Der Landesrechnungshof Baden-Württemberg empfahl in einem Bericht, an den Musikhochschulen Stuttgart, Trossingen, Freiburg, Karlsruhe und Mannheim rund 500 Studienplätze einzusparen. Ausländische Musikstudentinnen und -studenten gerieten besonders ins Visier. Die Empfehlungen waren ein Sparkonzept nach dem Gießkannenprinzip.

Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst favorisierte ein anderes Konzept: Nur noch Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart sollten alle Studienfächer anbieten, Mannheim und Trossingen sollten sich auf besondere Schwerpunkte spezialisieren. Doch die beiden betroffenen Hochschulen liefen Sturm gegen die Pläne, und selbst Politiker aus den eigenen Reihen der Grünen und der SPD lehnten sie ab. Schließlich meldete sich sogar Ministerpräsident Kretschmann persönlich zu Wort: Keine Musikhochschule solle abgeschafft werden - alles sei neu zu diskutieren.

Jetzt hat Wissenschaftsministerin Theresia Bauer ein Dialogverfahren entwickelt und will auf öffentlichen Symposien über die Zukunft der Musikhochschulen diskutieren. Die erste dieser "Zukunftskonferenzen" findet am 15. Februar in Mannheim statt. Thema: "Das Musikstudium im Kontext der beruflichen Perspektiven".

Frau Bauer, Ziel des Dialogverfahrens soll sein, "eine zukunftsorientierte Struktur für eine exzellente Ausbildung in den künstlerischen wie pädagogischen Studiengängen zu schaffen". Geht das denn eigentlich noch mit allen beteiligten Musikhochschulen, die doch teils erheblich zerstritten sind?

Baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Bündenis 90 / Die Grünen)

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer

In der Tat sind alle Musikhochschulen mit am Tisch. Ich habe ja auch alle Rektorinnen und Rektoren in den Dienstbesprechungen im Ministerium mit am Tisch, übrigens inklusive der Popakademie in Mannheim, die wir ja auch auf dem Weg in Richtung Hochschulstatus begleiten wollen. Also, wir reden mit allen. Es sind ja auch sensible, heikle und schwierige Fragen, um die es da geht. Es ist auch viel Emotion damit verbunden; denn wir müssen Dinge diskutieren und Ziele zusammenbringen, die nicht ganz einfach zusammengehen.


Wie haben Sie es denn geschafft, die Menschen wieder an einen Tisch zu bekommen?

Alle wissen, dass viel auf dem Spiel steht, und deswegen haben alle auch ein Interesse, sich an der Debatte über den besten Weg zu beteiligen. Ich gehe fest davon aus und erlebe die Musikhochschulen auch so, dass sie in der Lage sind, nicht nur bis zur eigenen Nasenspitze zu denken, sondern die Fachfragen miteinander zu diskutieren. Auf den Zukunftskonferenzen sollen ja nicht Standortfragen diskutiert werden, sondern Fragen, die die Qualität der Musikhochschulen insgesamt betreffen.

Sind denn jetzt die alten Pläne auf Eis gelegt oder gar vom Tisch? Beginnen Sie also die Diskussionen gewissermaßen von Null an?

Ein Plakat mit der Aufschrift "Rettet die Musikhochschulen" am 14.10.2013 an der Musikhochschule in Trossingen

Protestplakat in der Musikhochschule Trossingen

Wir gehen ergebnisoffen in diese Zukunftskonferenzen, sonst müssten wir sie ja nicht machen. Aber unsere früheren Vorschläge basieren ja auf genau solchen Fragen, die wir damals schon diskutiert haben, auch mit externen Experten. Diese Vorschläge sind jetzt erst mal zurückgestellt, aber werden sicher eine Weiterentwicklung und weitere Berücksichtigung finden. Ich habe immer gesagt: Wer zur Beantwortung dieser Fragen neue und bessere Konzepte vorlegt, wird selbstverständlich berücksichtigt werden.

Zur Struktur der ersten Zukunftskonferenz in Mannheim: Wer ist beteiligt und wie wird diskutiert?

Wir werden diese erste Zukunftskonferenz rund um das Thema "Arbeitsmarkt Musik" machen. Wir stellen also die Frage: Welche beruflichen Perspektiven haben Absolventen von Musikhochschulen heute? Wie hat sich der Arbeitsmarkt Musik verändert, die Orchesterlandschaft, die pädagogischen Bereiche, die Schulmusik? Was wissen wir eigentlich über Bedarfe, und Arbeitsplätze, und was bedeutet das für die Gestaltung der Studiengänge? Also: was müssen unsere Studierenden lernen, damit sie gut aufgestellt sind für ihre weitere berufliche Existenz?

Wir wissen noch viel zu wenig über unsere Absolventen und wo sie bleiben, aber so viel ist schon mal klar: Ein deutlich höherer Anteil als früher geht in die Freiberuflichkeit mit all den Risiken und Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Es sind häufig auch prekäre Existenzen damit verbunden, und ich finde, wir haben die Verantwortung, die jungen Menschen zu rüsten für das, was auf sie zukommt.

Nun ist es ja immer schwierig, die Bildungspolitik auf den Arbeitsmarkt zuzuschneiden. Das merkt man ja auch in der Schulpolitik, plötzlich fehlen da viele Tausend Lehrer oder es zu viele. Wie wollen sie das denn eruieren?

Musikstudenten proben  ein Cello-Stück

Cello-Probe in Trossingen

Man kann das sicher nicht 1:1 festlegen, das ist für keine Hochschulart sinnvoll. Ein junger Mensch, der ein künstlerisches Studium ergreift, weiß auch, dass er ein gewisses Risiko damit eingeht. Und er tut es aus einer inneren Motivation und einer großen Leidenschaft heraus. Dennoch gibt es ein paar Dinge, die man weiß: Wir wissen, wie sich die Orchesterlandschaft verändert, dass es wachsende Herausforderungen gibt im Bereich der kulturellen Bildung, gerade für die Kleinen oder auch für die Senioren. Wir wissen, in welchen Bereichen Mangel und in welchen Bereichen ein Überangebot herrscht.

Aber die Musikhochschulen und Universitäten sind ja immer mehr international aufgestellt. Die Ausbildung richtet sich nicht nur am deutschen Markt aus. Inwieweit werden diese internationale Tendenzen mit berücksichtigt?

Das tun wir in der Tat. Insbesondere, wenn es um die künstlerische Ausbildung geht, um die Gewinnung von Nachwuchskünstlern und Solisten für die klassischen Orchester. Wir schauen natürlich, dass wir auch in Zukunft die Musikhochschulen international aufstellen, denn wir wollen ja international die besten Köpfe gewinnen.

Schön ist es natürlich, wenn ein relevanter Anteil der internationalen Studierenden dann auch im Land bleibt. Das ist keine Bedingung, aber durchaus ein gewünschter Effekt. Und wir müssen auch darüber reden, dass es einen Unterschied macht, ob man alle Musikhochschulen mit künstlerischem Schwerpunkt aufstellt, oder verstärkt die Musikvermittlungsaspekte berücksichtigt. Dann werden wir wahrscheinlich auch die Bewerberlage verändern. Es macht einen Unterschied, ob wir Schulmusiker ausbilden, Musikpädagogik oder den Schwerpunkt überall auf die künstlerische Ausbildung legen.

Ihre Ausführungen sind auch Teil des Grundsatzreferats, das Sie auf der Zukunftskonferenz halten, oder?

Die Themen der Zukunftskonferenzen:
-Berufliche Perspektiven und Berufsfähigkeit
-Kulturelle Bildung
-Schulmusik
-Jazz, Pop und Weltmusik
-Qualität/Vollangebot
-Vermittlung und Bewahrung der klassischen Musiktradition

In der Tat. Ich versuche am Anfang noch mal den Zweck der Zukunftsforen zu erläutern. Und ich versuche auch noch mal, ein Stück weit Verständnis für die schwierigen Zielkonflikte, die wir da auch miteinander diskutieren müssen, zu erwecken. Wir wollen ja auf der einen Seite Qualität sichern für die Zukunft an unseren fünf relativ kleinen Musikhochschulstandorten. Wir wollen auf der anderen Seite überlegen, welche regionalen und kulturpolitischen Faktoren zu berücksichtigen sind. Wir müssen sehen, dass die staatlichen Ressourcen begrenzt sind, und dass wir heute schon in den Musikhochschulen eine schwierige Ausgangslage haben. Die Studierendenzahlen sind gewachsen, aber die Finanzen sind auf einem niedrigen Niveau geblieben. Und nicht zuletzt: Wir müssen darüber reden, welche neuen Aufgaben den Musikhochschulen zuwachsen und welche anderen womöglich weniger bedeutend sind.

All diese Dinge stehen auch im Konflikt und im Spannungsverhältnis zueinander, und ich möchte in meinem Eingangsreferat motivieren, sich mit diesen schwierigen Fragen konstruktiv auseinanderzusetzen.

Jetzt haben Sie öfter von "wir" gesprochen. Wie sind diese Zukunftskonferenzen aufgebaut? Es kann jeder hinkommen, der Interesse daran hat. Wie ist aber die Diskussionsstruktur aufgebaut?

Teilnahme an der Zukunftskonferenz:
Die Online-Anmeldung ist nicht mehr möglich. Kurzentschlossene können sich aber am 15.2. noch bis 9.30 Uhr vor Ort in der Universität Mannheim anmelden.

Also erstens: kommen dürfen alle. Man kann sich anmelden. Es gibt ein Online-Portal, bei dem man sich registrieren kann. Und wir haben auch Platz an Universität Mannheim. Es gibt Einführungsreferate und danach Arbeitsgruppen zu Teilaspekten, die etwas besser für Debatten geeignet sind. Am Ende werden wir die Ergebnisse aus den Workshops noch einmal zusammentragen im Plenum und die Diskussion bewerten. Und gibt die Möglichkeit, im Nachhinein seine Stellungsnahmen nochmal schriftlich einzuspeisen.

Können Sie denn schon verraten, was am 2. April in Trossingen das Thema der Zukunftskonferenz sein wird?

In Trossingen werden wir im Schwerpunkt über kulturelle Bildung reden. Es geht darum, den Auftrag der Musikhochschulen in Verbindung mit Laien- und Amateurmusik auszuleuchten und die Aufgaben "Musikalische Bildung" "Pädagogische Arbeit" in Hinblick auf die elementare Musikpädagogik zu diskutieren.

Jetzt noch eine private Frage: Mit welchen Gefühlen gehen Sie nach dem ganzen Wirbel in diese Zukunftskonferenz in Mannheim?

Ich freue mich drauf. Ich habe ja jetzt wirklich viel Gelegenheit gehabt, über die Fragen zu diskutieren. Je länger ich darüber nachdenke und je häufiger ich darüber diskutiere, desto klarer wird mir: Es ist es wert, diese Diskussion zu führen. Ich freue mich auf einen guten Diskussionsrahmen, der es uns ermöglicht, an der Sache entlang eine Tiefe zu gewinnen in der Diskussion, und ich glaube, wir tun das ein Stück weit wirklich auch stellvertretend für die Musikhochschulen in ganz Deutschland und für alle Menschen, die an Musik, an dem Studium der Musik und an künstlerischen und musikalischen Existenzen Interesse haben.


"Zukunftskonferenz Musikhochschulen"
15. Februar 2014, 10-18 Uhr, Universität Mannheim, Bismarckstraße 42
Thema "Das Musikstudium im Kontext der beruflichen Perspektiven"
Die Frist für die Online-Anmeldung ist bereits vorbei. Kurzentschlossene können sich laut Auskunft des Wissenschaftsministeriums aber noch bis 9.30 Uhr vor Ort anmelden.
Weitere Informationen online: zukunftskonferenz-musikhochschulen-bw.de

Die nächste Zukunftskonferenz findet am 2. April in Trossingen statt. Thema: Kulturelle Bildung/Musikvermittlung

Das Gespräch führte Burkhard Egdorf, Sendung am 14.2.2014, 15.05 Uhr in SWR2 Cluster.

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