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Musikhochschulen auf dem Prüfstand Studiengebühren Pro und Kontra

Was in England seit vielen Jahren normal ist, wird nun auch an der ersten deutschen Musikhochschule eingeführt. Ab dem Wintersemester sollen Studierende, die nicht aus einem EU-Mitgliedsland stammen, an der Hochschule für Musik in Leipzig Studiengebühr zahlen. Immerhin zählen die Studienplätze an Musikhochschulen nach der Zahnmedizin zu den teuersten im Land. Jeder Studierende hat Anspruch auf seinen Individualunterricht, die verbeamteten Professoren und ein Heer von Lehrbeauftragten kostet den Steuerzahler viele Millionen. Die Politik in Sachsen sieht keinen Grund mehr, diese Bildungsinvestitionen Studierenden aus aller Welt kostenlos bereit zu stellen. Die Diskussion hat begonnen: Pro oder Kontra Studiengebühren. Ein Kommentar von Georg Waßmuth.

Die Nachricht wurde den Studierenden mit einer lapidaren E-Mail mitgeteilt: Ab Herbst 2013 wird die Hochschule für Musik in Leipzig von allen, die nicht aus einem Mitgliedsland der Europäischen Union stammen, 1800 Euro Studiengebühr pro Semester verlangen, vorab zu zahlen auf das Konto der Hochschule, sonst wird die Studienzulassung verweigert. Wer nach vier Jahren seinen Bachelor-Abschluss macht, hat dann über 14.000 Euro gezahlt, für einen Master verdoppelt sich die Summe auf gut 28.000 Euro. Die Empörung ist natürlich groß. Vom Dammbruch in der Kulturnation spricht etwa der Studentenrat in Leipzig.

Die Elbphilharmonie Hamburg mit zwei Baukränen

Geld für teure Konzerthäuser statt für den musikalischen Nachwuchs?

In einem Land, in dem für den Neubau der Elbphilharmonie in Hamburg 789 Millionen Euro zugesagt sind und die Stadt Köln eine Viertelmilliarde in die Renovierung des Musiktheaters steckt - in diesem wohlgenährten Musikland sollen nun plötzlich arme Asiaten und Osteuropäer gnadenlos zur Kasse gebeten werden, nur weil sie in Leipzig Fagott oder Klavier studieren möchten?

Multiplikatoren und Vermittler zwischen den Kulturen

Bisher galt der Satz: Eine Kulturnation ist nur wahrnehmbar, wenn sie außer Schrauben und Autos einen ideellen Mehrwert liefert. Unsere Musikausbildung ist da eindeutig ein Exportschlager. An den Hochschulen sind Studierende aus Korea ebenso willkommen wie aus Polen, Frankreich oder den USA. Sie nehmen den Brahms- und Beethoven-Kanon hierzulande auf und tragen ihn weiter in ihre Heimatländer. Dort sind sie als Multiplikatoren und Vermittler zwischen den Kulturen tätig. Ein reiches Land, das von ihnen hohe Studiengebühren verlangt erweist sich letztendlich einen Bärendienst - so lautet das Hauptargument "Kontra Studiengebühren".

Bessere Entlohnung der Lehrenden durch Studiengebühren

Steigt man aber etwas tiefer in die Materie "Pro oder Kontra Studiengebühren" an deutschen Musikhochschulen ein, gibt es natürlich mindestens ebenso viele Argumente, außereuropäische Studierende in Zukunft zur Kasse zu bitten. Die Musikhochschule in Leipzig sieht sich zum Beispiel durch das Land Sachsen zu der Maßnahme gedrängt. Ihre Lehrbeauftragten verlangen nach zehn Jahren endlich eine Anpassung ihrer mickrigen Gehälter. Der Staat will allerdings den Etat der Hochschule nicht erhöhen, sondern hat ihr ein neues Instrument in die Hände gegeben: Das "Sächsische Hochschulfreiheitsgesetz" mit 115 Paragrafen und vielen Gestaltungsmöglichkeiten. Es erlaubt der Hochschule, eine eigene Gebühren- und Entgeltordnung auf- und durchzusetzen.

So wollen die Verantwortlichen mit der Studiengebühr nun ihre Lehrbeauftragten endlich besser entlohnen: An der Hochschule für Musik in Leipzig stammt fast ein Viertel aller Studierenden nicht aus Europa. Sie werden mit ihren Studiengebühren ab Herbst den Hochschuletat mit rund 450.000 Euro jährlich aufstocken.

Teure Studienplätze für Hochtalentierte aus Asien

Die Argumentationslinie "Pro Studiengebühr" hat sich damit aber noch lange nicht erschöpft. Die Spatzen pfeifen es von Dächern: der Anteil außereuropäischer Studierender an den Musikhochschulen ist in den letzten zehn Jahren überproportional angestiegen. Zum einen mangelt es hierzulande an talentiertem Nachwuchs. Zum anderen schwindet das Interesse am Musikstudium, da sich die Berufsaussichten in Deutschland zunehmend verdüstert haben. Die Kapazitäten der 24 deutschen Musikhochschulen sind aber stets ausgebaut und erweitert worden.

Eine Frau steht in den  Arcaden des Hofgartens in München und singt

Singen für's Studium?

Mehr als 20000 Studienplätze stehen mittlerweile zur Verfügung. Jeder Master-Absolvent kostet den Steuerzahler laut Rechnungshof allein in Baden-Württemberg rund 100.000 Euro. Diese teuren Plätze werden zu hunderten an Hochtalentierte vorwiegend aus Asien vergeben und es sind beileibe nicht die Söhne und Töchter der verarmten Landbevölkerung, die dann Klavier oder Flöte in Deutschland studieren. Eine Studiengebühr würde zumeist Familien der Mittel- und Oberschicht treffen. Für Härtefälle gibt es dann immer noch die Möglichkeit, Stipendien oder ein Frei-Kontingent einzurichten.

In anderen Ländern ist es viel teurer

Ein Blick über den Tellerrand relativiert vielleicht die Debatte "Pro oder Kontra Studiengebühren". Woanders sind die nämlich ganz normal. Schon bei unseren niederländischen Nachbarn werden deutsche Studierende mit 1800 Euro pro Semester zur Kasse gebeten. In Großbritannien müssen selbst EU-Bürger jährlich 10.000 Euro auf den Tisch des Rektors blättern, sonst folgt die Exmatrikulation.

Wer auf die Idee kommt, am Berklee College of Music in den USA studieren zu wollen, wird bis zu seinem Master-Abschluss um 130.000 Euro erleichtert – ohne Essenmarken für die Hochschulkantine wohlgemerkt. Wenn nun die Musikhochschulen hierzulande für außereuropäische Studierende nach und nach eine vergleichsweise geringe Gebühr einführen, wird sich auch die Qualität der Ausbildung am Markt neu behaupten müssen. Einige Erbhöfe könnten so ins Wanken geraten. Hochdotierte Professorenstellen stünden bei schlechter Auslastung zur Disposition und das doppel- und Dreifachangebot einiger Musikhochschulen auf engstem Raum käme endlich unter die Lupe.

Im Programm

darin bis 8.30 Uhr:
u. a. Pressestimmen, Kulturmedienschau und Kulturgespräch

Musikliste:

Domenico Scarlatti:
Klaviersonate A-Dur K 209
Yasuko Matsuda (Klavier)
Peter Tschaikowsky:
Nr. 3 Mélodie Es-Dur aus den "Souvenir d'un lieu cher" op. 42
Vadim Gluzman (Violine)
Bergen Philharmonic Orchestra
Leitung: Andrew Litton
Edward Finch:
The cuckoo für Violine und Basso continuo
Ensemble Schirokko Hamburg
Mathias Georg Monn:
2. Satz Allegro aus der Sinfonia B-Dur
L'Arpa Festante
Leitung: Michi Gaigg
Hugo (Stähle:
3. Satz Scherzo aus dem Klavierquartett A-Dur op. 1
Mozart-Klavierquartett
François Couperin:
Le Gaillard-Boiteux (Der Lustige Hinkende) aus den pièces de clavecin
Angela Hewitt (Klavier)
Gigi Gryce:
Satellite
Bill Charlap Trio
Georg Philipp Telemann:
2. Satz Vitement aus dem Konzert für 2 Flöten, Fagott, Streicher und B.c. D-Dur TWV 53:D1
La Stagione Frankfurt
Leitung: Michael Schneider
Franz Liszt:
"Die Forelle", Bearbeitung des Schubert-Liedes
Alexander Krichel (Klavier)
Hubert Giraud:
Sous le ciel de Paris, bearbeitet Klarinette und Orchester
Daniel Ottensamer (Klarinette)
Münchner Symphoniker
Leitung: Stephan Koncz
Felix Mendelssohn Bartholdy:
1. Satz Allegro aus der Streichersinfonie Nr. 2 D-Dur
Heidelberger Sinfoniker
Leitung: Thomas Fey
Fazil Say:
Kumru op. 12 Nr. 2
Fazil Say (Klavier)
Richard Strauss:
Wirbeltanz aus der Tanzsuite nach Klavierstücken von François Couperin
Sinfonietta de Montréal
Leitung: Charles Dutoit
Johann Sebastian Bach:
7. Satz Badinerie aus der Orchestersuite Nr. 2 h-Moll BWV 1067
English Chamber Orchestra
Leitung: Raymond Leppard
Franz Schubert:
2. Satz Scherzo aus dem Streichquartett Es-Dur D 87
Leipziger Streichquartett
Dave Grusin:
New Hampshire Hornpipe
Dave Grusin (Klavier)
Johann JosephFux:
6. Satz "Pour la caille" aus der Ouvertüre d-Moll
Freiburger Barockorchester
Leitung: Gottfried von der Goltz

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