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Musikhochschulen auf dem Prüfstand Nur noch drei Voll-Musikhochschulen im Land?

Am 15. Juli hat der baden-württembergische Rechnungshof seine "Beratende Äußerung" veröffentlicht. Er fordert eine Reduzierung der Studienplätze und Gebühren für Studenten aus Nicht-EU-Ländern. Was tut die Regierung mit den Vorschlägen? SWR2 Cluster-Redakteurin Wibke Gerking hat dazu Ministerin Theresia Bauer befragt.

Frau Bauer, jetzt ist die Katze aus dem Sack: 500 Studienplätze werden Sie abbauen an den Musikhochschulen im Land. Die Schulmusik bleibt unberührt, vor allen Dingen die künstlerischen Fächer sind betroffen. Es gibt ja keine richtigen Bedarfszahlen, wie viele Musiker man braucht. Warum sind Sie mit dem Landesrechnungshof der Meinung, dass man da soviel abbauen muss?

In der Tat ist das keine ganz neue Diskussion, aber der Arbeitsmarkt für Musiker hat sich verändert. Wir haben weniger Möglichkeiten, qualifizierte Absolventen in Orchestern unterzubringen, und wir haben einige Anzeichen dafür, dass es für Absolventen von Musikhochschulen schwierig ist, auch freiberuflich ordentlich zu verdienen und gut durchs Leben zu kommen. Deswegen glauben wir in der Tat, das es auch im Interesse der Studierenden ist, dass wir einen vertretbaren Rückbau vornehmen von 500 Studienplätzen im Bachelor-Master-Bereich, 2.000 bleiben erhalten.

Sie haben jetzt entschieden, die Einsparungen durch Schwerpunktbildung vorzunehmen. Wir werden also nur noch drei Voll-Musikhochschulen haben, nämlich Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg. Mannheim wird zu einer Pop- und Jazz-Hochschule, die bisherige Pop-Akademie wird sozusagen der Musikhochschule einverleibt. Trossingen ist vielleicht der Verlierer dabei, dort gibt es nur noch Alte Musik und elementare Musikpädagogik, also ein stark beschnittenes Angebot. Da frage ich mich, wäre es nicht ehrlicher gewesen, diesen Standort ganz zu schließen anstatt ihn so vor sich hindümpeln zu lassen?

Schloss Gottesaue in der Abendsonne - ein kleines Schlösschen mit runden Türmen

Die Musikhochschule Karlsruhe bleibt Vollhochschule

Nein. Ich bin überzeugt davon, dass wir eine überzeugende Konzeption vorgelegt haben, die die Qualität unserer Standorte, und zwar aller Standorte, erhält, mit unterschiedlichen Profilen und Schwerpunktbildungen. Ich bin davon überzeugt, dass wir auch für Trossingen ein sehr gutes Angebot entwickelt haben. Denn es bleiben, wie Sie sagten, zwei Bereiche, erhalten: die Alte Musik und die elementare Musikpädagogik. Darüber hinaus werden wir aber eine neue Einrichtung schaffen: eine Hochschul-Musik-Akademie in Trossingen, die bespielt wird und bestückt wird von allen anderen Standorten. Dort werden Meisterkurse stattfinden, Dirigierkurse, Blockseminare, auch viele Konzerte, die von den Studierenden an den Musikhochschulen der anderen Standorte auch mitkommen werden, so dass sowohl für die Region als auch für den Standort der Musikhochschule selber ein attraktives neues Angebot entstehen wird, das bundesweit ohne Beispiel ist. Von daher ist es ein neuer Leuchtturm, der auch in Trossingen errichtet wird.

Und der dann auch die Investitionen rechtfertigt in die Gebäude von Trossingen?

In der Tat. Wir werden diese Gebäude nicht leer stehen lassen, sondern wir werden eine sehr gute Verwendung dafür finden. Es werden viele Studierende kommen, auch von den anderen Standorten, es werden weiterhin Studierende in Trossingen studieren; und wir werden attraktive Konzerte für die Region anbieten.

Nun haben wir ja eigentlich Freiheit der Lehre und autonome Musikhochschulen. Inwieweit können Sie jetzt als Ministerin das einfach so beschließen, und inwiefern muss der Landtag da noch sein Wörtchen mitreden?

Mehrere junge Leute kommen aus dem Gebäude der PopAkademie Mannheim

Die Popakademie in Mannheim

In der Tat können und wollen wir das als Ministerium nicht beschließen. Die erste Voraussetzung für ein Gelingen dieses Veränderungsprozesses besteht darin, dass die Musikhochschulen selber mitmachen. Und deswegen bin ich jetzt zunächst mal sehr dankbar dafür, dass der Vorschlag, den wir heute präsentieren, keiner ist, der sozusagen am "grünen Tisch" entworfen wurde, sondern er ist gemeinsam erarbeitet worden mit den Hochschulen und mit externen Experten, die wir mehrfach eingeladen haben, mit denen wir diskutiert haben, wie wir die Qualität des Musikhochschulstandorts Baden-Württemberg weiter entwickeln können bei begrenzten Finanzen. Und wir haben eine einstimmige Unterstützung für dieses Konzept erhalten, wir haben verschiedene Varianten diskutiert. Dieses Konzept ist einstimmig von den Experten unterstützt worden und von der Mehrheit der Musikhochschulen.

Von der Mehrheit der Musikhochschulen – das heißt, Trossingen hat da wahrscheinlich nicht zugestimmt.

In der Tat, Trossingen hat nicht zugestimmt, auch Mannheim hat nicht zugestimmt, die anderen drei Standorte waren dafür.

Das heißt, Sie müssen jetzt aber darauf setzen, dass Sie die noch überzeugen können von dem Konzept?

Ja, wir werden alles dafür tun. Klar, wir muten Veränderungen zu, aber wie bieten etwas Attraktives, etwas, was im bundesweiten Vergleich sich wirklich sehen lassen kann, weil das eine neue Qualität bietet – auch für Mannheim. Ich bin mir sicher, das wird ein Leuchtturm werden, der über die Landesgrenzen hinaus sichtbar sein wird und seine Wirkung entfalten wird.

Der zweite große Kritikpunkt des Landesrechnungshofs war ja, dass zu viele Nicht-EU-Ausländer bei uns studieren. Welchen Standpunkt hat das Ministerium? Werden Sie auch da was unternehmen?

Ich finde, das ist eine legitime Frage, darüber nachzudenken, wie viel Geld des Steuerzahlers wir einsetzen wollen, um Studierende aus aller Welt in Baden-Württemberg auszubilden. Ich bin aber überzeugt davon, dass diese Menschen, die hier bei uns studieren, auch hervorragende Botschafter für europäische Kultur sind in der Welt, ein Teil davon bleibt ja auch nach dem Studium hier. Deswegen lehne ich es ab, über Quoten zu reden. Ich glaube, es würde die Qualität der Musikhochschulen begrenzen, es wäre ein falsches Signal. Die Internationalität unserer Musikhochschulen ist ein Teil der Qualität und der Exzellenz, die sie bieten. Deswegen möchte ich an dem Punkt die Quotendiskussion wirklich zurückweisen. Ich halte sie für einen falschen Schritt.

Gilt das auch für Finanzierungsquoten? Der Rechnungshof schlägt ja vor, dass man nur eine bestimmte Anzahl von ausländischen Studienplätzen dann finanziert.

Nein, wir denken jetzt erst einmal über die Frage nach und prüfen, ob es und in welchem Umfang, in welchem Format es möglich ist, Gebühren für Nicht-EU-Ausländer zu erheben. Wir prüfen dieses unter dem Gesichtspunkt der Verfassungskonformität, wir prüfen dies unter dem Gesichtspunkt der wettbewerblichen Vor- und Nachteile bundesweit, aber auch in der baden-württembergischen Hochschullandschaft. Und wir prüfen natürlich die sozialen Fragen, die damit verbunden sind - können wir solche Modelle auflegen, die Komponenten enthalten, die die Sozialverträglichkeit einer solchen Maßnahme sicherstellen?

Das heißt, es geht nur um Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer, aber es geht nicht um irgendwelche Quoten, auch nicht um Finanzierungsquoten?

Ich halte die Quote für verkehrt, weil die Quote einfach ein anderes Instrument ist, das die Eignung in den Hintergrund treten lässt. Und ich finde, es muss ganz klar sein, es ist die Eignung, die den Ausschlag gibt, an einer Musikhochschule zu studieren.

Jetzt gibt es ja ein weiteres Problem, das damit zusammenhängt, nämlich: Warum sind die deutschen Studenten nicht konkurrenzfähig? Sie werden, wenn Sie durchkommen mit dieser Schwerpunktbildung, sicherlich auch Geld einsparen. Was machen Sie mit dem Geld? Wäre es nicht sinnvoll, dieses Geld in die Früherziehung und in die musikalische Breitenbildung zu stecken, damit die Deutschen wieder besser konkurrenzfähig sind im Kampf um die Studienplätze?

Junge Hornbläser spielen in einem Orchester

Junge Orchestermusiker

Sie sagen es. Wenn sich der Landtag dafür entscheidet, solche Gebühren einzuführen, habe ich große Sympathien dafür, dass man erstens eben eine wichtige der Sozialverträglichkeit einsetzt, die zweite Komponente wäre die Förderung des eigenen Nachwuchses. Da sind in den vergangenen Jahrzehnten große Versäumnisse entstanden. Das kann man auch von heute auf morgen nicht verändern, sondern es geht nur dadurch zu verbessern, dass man früh und systematisch in die Förderung unserer jungen Talente investiert.

Gibt’s da Pläne?

Nein, ich glaube, wir werden und wir wollen zunächst mal den Schritt gehen, Qualitätsverbesserung durch Profilbildung, wie eben beschrieben, herzustellen, Verbesserungen übrigens auch für Lehrbeauftragte und einen Konsolidierungsbeitrag für den Landeshaushalt zu erbringen von etwa vier Millionen Euro jährlich. Darüber hinaus, sofern wir uns dafür entscheiden, Gebühren für Nicht-EU-Ausländer einzuführen, sollten wir aus diesen Gebühren auch innovative Konzepte zur Förderung des Nachwuchses aufsetzen.

Ist damit zu rechnen, dass vor der Sommerpause noch ein Beschluss gefasst wird?

Ich glaube, heute haben wir das Konzept vorgestellt, das müssen wir jetzt ein bisschen wirken lassen, die Fraktionen müssen die Möglichkeit haben, sich jetzt damit zu beschäftigen, und von daher gehen wir die weiteren Schritte nach der Sommerpause an.

Wann rechnen Sie mit ersten Entscheidungen über die Musikhochschulen im Land?

Ich wünsche mir, dass wir die Diskussionen jetzt intensiv führen, die Sommerwochen dafür nutzen. Die Umsetzung dieser Schritte ist ja auch nochmal ein eigener großer Aufwand. Deswegen, es hilft allen Beteiligten, wenn wir die Entscheidungen jetzt möglichst zügig im Herbst fällen.

Mehr zum Thema im SWR:

Im Programm

Robert Schumann:
Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38 "Frühlings"-Sinfonie
hr-Sinfonieorchester
Leitung: Hugh Wolff
Johannes Brahms:
Klavierquintett f-Moll op. 34
Lucia Huang (Klavier)
Hába Quartett
Paul Hindemith:
Kammermusik Nr. 7 op. 46 Nr. 2
Rosalinde Haas (Orgel)
hr-Sinfonieorchester
Leitung: Werner Andreas Albert
Ermanno Wolf-Ferrari:
Streicherserenade Es-Dur
hr-Sinfonieorchester
Leitung: Alun Francis

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