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Ethnologische Forschungen zu Rhythmuswahrnehmung Rhythmen lernen sich wie Sprachen

Kann man Musik bereits im Blut haben oder muss man mit Musik aufwachsen, um sie zu verstehen? Mit dieser Frage haben sich Musikethnologen beschäftigt.

Narren beim Jugendmaskenzug 2016 in Mainz.

Hat der Mainzer Karnevalsnachwuchs die richtigen Rhythmen schon von Geburt an im Kopf?

Bisher ging die Wissenschaft traditionell von der Annahme aus, dass es für die Wahrnehmung und das Erkennen von Rhythmus biologisch verankerte Strukturen gibt. Eine Arbeitsgruppe um den Musikethnologen Rainer Polak vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main untersuchte diese Annahme kulturübergreifend und kam zu einem anderen Ergebnis, wie das Max-Planck-Institut am Montag, 1. Oktober, mitteilte. Demnach verfügen Menschen über „kulturspezifische Strukturen der Rhythmuswahrnehmung, die sie nicht einfach von Geburt an im Gehör haben.“

„Die Wahrnehmung musikalischer Rhythmen hängt demnach nicht nur von ihrer Komplexität und der musikalischen Expertise der Hörerinnen und Hörer ab, sondern auch von deren kultureller Vertrautheit mit den jeweiligen Rhythmen.“ (Dr. Rainer Polak zu den Forschungsergebnissen.)

Bei den Untersuchungen ließen die Forscher vier verschiedene Gruppen professioneller MusikerInnen in sogenannten „Tapping“-Studien unterschiedliche Rhythmen hören, welche sie synchron mitklopfen sollten: Zwei klassisch ausgebildete Untersuchungsgruppen in Deutschland und Bulgarien sowie zwei auf Volkstanzmusik spezialisierte Untersuchungsgruppen in Bulgarien und Mali. Dabei verhielten sich nicht alle Gruppen gleich; vielmehr zeigten alle Gruppen Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung solcher Rhythmen, die in ihrer eigenen Musikkultur keine große Rolle spielen.

Klassische Ausbildung und desorientiert

Exzellent ausgebildete klassische PerkussionistInnen zeigten sich bei den Studien dabei „erstaunlich desorientiert“ angesichts eines einfachen „Swing“-Rhythmus, der in Mali gang und gäbe ist, während die malischen Versuchsteilnehmer in Bezug auf andere Rhythmen schlechter abschnitten, also im Widerspruch zu einem gängigen kulturellen Klischee nicht etwa generell über ein besseres Rhythmusgefühl verfügen.

Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass Strukturen der Wahrnehmung vor allem informell und durch sogenanntes „implizites Lernen“ in der sozialen Umgebung angeeignet werden, wie es etwa den Spracherwerb von Kleinkindern prägt. Bestimmte Rhythmen haben Menschen also nicht einfach von Geburt an im Gehör bzw. „im Blut“, sondern sie eignen sich diese an, indem sie mit ihnen in ihrer Alltagswelt aufwachsen.

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