Bitte warten...

Vor der Premiere von Cherubinis "Medea" an der Oper Stuttgart Allein gegen die Männer

Kulturbeitrag am 30.11.2017 mit Ines Stricker

Am Sonntag, den 3. Dezember feiert an der Stuttgarter Oper „Medea“ von Luigi Cherubini Premiere – ein Meisterwerk der französischen Revolutionszeit über eine der bewegendsten Sagengestalten der griechischen Antike. Nicht weniger aufsehenerregend ist das Regie- und Ausstattungsteam, bestehend aus Peter Konwitschny, dessen Stuttgarter Inszenierungen zu den bedeutendsten der vergangenen Jahre gehören, und seinem langjährigen Weggefährten, dem Bühnen- und Kostümbildner Johannes Leiacker.

Medea ist fassungslos: Ihr Ehemann Jason will sie verlassen und die korinthische Prinzessin Kreusa heiraten. Dabei hat Medea ihm einst mit ihren Zauberkünsten geholfen, das wertvolle Goldene Vlies zu rauben. Beide mussten deshalb nach Korinth fliehen. Mehr noch: Jason will ihr die gemeinsamen Kinder wegnehmen, Medea hingegen soll als Verbrecherin vertrieben werden. Ihre Rache wird furchtbar sein: Am Tag der Hochzeit tötet sie nicht nur Jasons Braut, sondern auch die Kinder.

Für Regisseur Peter Konwitschny hat der Stoff aus der Antike seine zeitlose Gültigkeit behalten. Es habe sich nichts an der grundsätzlichen Problematik geändert, weder politisch noch im Verhältnis zwischen Mann und Frau. Für ihn gibt es Medea auch heute: "Das sind wenige, aber starke Frauen, die meistens untergehen. Das verkraftet eine Männergesellschaft, die sowieso schon am Ende ist, gar nicht.“

Neue Übersetzung hebt das Politische des Stoffs hervor.

Peter Konwitschny bei den Proben zu „Medea“ an der Staatsoper Stuttgart

Peter Konwitschny bei den Proben zu „Medea“ an der Staatsoper Stuttgart

In Stuttgart wird Cherubinis „Medea“ in der ursprünglichen Form gespielt, also mit gesprochenen Dialogen statt Rezitativen. Schon allein das macht das Bühnengeschehen lebendiger. Musikalisch überzeugt Cherubinis Oper außerdem durch ihre Dramatik und ihre Ausdeutung der menschlichen Psyche, erzählt Dirigent Alejo Pérez. Das Hochzeitsgeschehen im Finale beispielsweise höre man nur: „Die Bühnenmusik spielt dazu, und auf der Bühne ist Medea zu sehen.“

Konwitschnys Dramaturgenteam hat den ursprünglich französischen Text neu ins Deutsche übertragen. Denn ältere Übersetzungen der „Medea“ empfindet der Regisseur als Entstellung der wirklichen Geschichte. „Da denke ich an die asoziale Operngesellschaft. Die steht für: sämtliche politische Aspekte ausklammern – anstelle dessen schöne Tönchen und nette Kostüme.“

Jason kauft sich mit dem Goldenen Vlies eine Aufenthaltsgenehmigung.

Die Stuttgarter „Medea“ wimmelt nur so von politischen Bezügen: Jason wird vom Helden zum Kriegsverbrecher, der dem sex- und geldgeilen korinthischen Machthaber Kreon das Goldene Vlies im Koffer überreicht. Nach langen Exiljahren will er endlich politisches Asyl finden – aber das geht nur ohne Medea, die als Hexe ausgegrenzt wird, so Peter Konwitschny. „Und dann, was macht er? Er lässt sie zurück. Und der König ist genau so ein Schwein wie heute alle. Der sagt: Also, wenn du mir das Goldene Vlies gibst, dann kriegst du eine Aufenthaltsgenehmigung, und meine Tochter kriegst du gleich noch dazu. Jason ist in der Klemme.“

Medea bleibt allein in einer Welt erbarmungsloser Sieger und Patriarchen zurück – eine überdeutliche Anspielung auf die internationale Flüchtlingsthematik und Sexismusdebatte. Mit dieser Deutung der „Medea“ will Peter Konwitschny für Freundlichkeit und Liebe statt Besitz und Tötungswahn werben. So spießig-trostlos, wie er die gesellschaftlichen Verhältnisse zeichnet, könnte ihm das auch gelingen.

Weitere Themen in SWR2