Bitte warten...

Wer bekommt den Filmmusik-Oscar? Echte Chance für Hans Zimmer

John Williams arbeitet mit Themen aus vier Jahrzenten Star Wars. Radiohead-Mitglied Johnny Greenwood ist endlich unter den Nominierten. Doch Hans Zimmers Musik ist die interessanteste. Oder gewinnt Alexandre Desplat, weil The Shape of Water wohl alles andere auch gewinnen wird? Die Entscheidung fällt in der Nacht auf den 5. März. Kai Löffler stellt die Nominierten vor.

Die fünf Nominierten in der Kategorie Filmmusik

Hans Zimmer Dunkirk

Johnny Greenwood Der seidene Faden

Alexandre Desplat The Shape of Water

Carter Burwell Three Billboards Outside Ebbing, Missouri


Wo letztes Jahr noch die leichte, swingende Musik von La La Land gewonnen hat, haben die für dieses Jahr nominierten Filme allesamt eine ernstere Grundstimmung.

John Williams – Star Wars: Die Letzten Jedi

Williams schreibt seit inzwischen 60 Jahren Filmmusik; in den 70ern hat er den großen sinfonischen, spätromantischen Hollywood-Sound in die Kinosäle zurückgeholt: mit bombastischen Themen, Leitmotiven und schmetternden Bläsersätzen. Inzwischen ist er 86 Jahre alt und komponiert zwar weniger, aber noch immer auf demselben hohen Niveau.

Bei seinem achten Star Wars-Film arbeitet Williams mit Themen aus vier Jahrzehnten und ein paar neuen, die sich nahtlos einfügen. Das Ergebnis ist ein zunehmend komplexes Geflecht aus Motiven, die er mal ein paar Takte lang andeutet, mal variiert und mal, wenn auch selten, vollständig ausspielt. Williams ist ein Meister des Leitmotivs, und in 40 Jahren Star Wars hat er sich ein gewaltiges, wiedererkennbares Repertoire geschaffen aus dem er sich nun großzügig bedient.


Hans Zimmer – Dunkirk

Der in Deutschland geborene Hans Zimmer hat in den letzten drei Jahrzehnten vor allem martialischen Blockbustern seinen Stempel aufgedrückt: Gladiator, Batman, Superman, Spider-Man und Pirates of the Caribbean.

Episch ist auch Dunkirk, trotzdem wird die Musik nicht von großen Themen beherrscht. Das Rückgrat ist nicht die Melodie, sondern der Rhythmus; Dunkirk – sowohl Hans Zimmers Musik als auch der Film selbst – laufen präzise wie ein Uhrwerk. Immer wieder ist ein konstantes Ticken zu hören, aufgenommen von einer aufziehbaren Taschenuhr, die Regisseur Christopher Nolan gehört.

Dunkirks Musik zeichnet sich aber nicht nur durch extreme rhythmische Disziplin aus. Immer wieder arbeitet Zimmer mit dem sogenannten "Shephard Tone": Parallel aufsteigenden Skalen, die die Illusion einer endlos aufsteigenden Melodie erzeugen und so, eng verzahnt mit den Bildern, die Spannung ins Unerträgliche schrauben.

Außerdem bindet Zimmer Fragmente aus Edward Elgars Enigma-Variation Nr. 9, genannt "Nimrod", in die Musik ein, arrangiert vom Britischen Komponisten Benjamin Wallfisch. Immer wieder wird das Thema im Laufe des Films angedeutet und schließlich im hochemotionalen Finale in einer Variation ausgespielt.


Johnny Greenwood – Der seidene Faden

Johnny Greenwood ist ein echter Rockstar. Vor fast drei Jahrzehnten hat er die Band Radiohead mitgegründet, in der er Gitarre und Keyboard spielt. Seit 15 Jahren schreibt Greenwood außerdem zeitgenössische Klassik- und Filmmusik. "Der Seidene Faden" ist Greenwoods achter Film, und der erste, der ihm die lang überfällige Oscar-Nomierung eingebracht hat.

Sie klingt wie Musik aus einer anderen Zeit; die spätromantischen Streicher und ihre üppige Klangästhetik spielen auf das Kino von Alfred Hitchcock an, auf die Vertigo-Musik von Bernard Herrmanns und Franz Waxmanns Rebecca.

Paul Thomas Andersons Film ist die Charakterstudie eines obsessiven Geistes. Protagonist Reynolds Woodcock ist im Inneren ein Kind geblieben und versteckt sich hinter einem komplexen Geflecht von Ritualen. Mit den stilisierten Streicherklängen hat Greenwood die perfekte musikalische Entsprechung für diese Figur gefunden, und es ist fast schockierend, wenn die Musik am Ende – genau wie Woodcock – ihre Hüllen fallen lässt und nur eine nackte Geige übrig bleibt.


Alexandre Desplat – The Shape of Water

Betont melancholisch und nostalgisch klingt auch die Musik zu Guillermo des Toros Märchen The Shape of Water. Alexandre Desplat beschwört wie Greenwood die Klänge des alten Hollywood herauf – aber bei ihm klingt das ganz anders. Desplats Themen untermalen nicht nur die Figuren sondern vor allem die Welt, die sie umgibt und das Element des Wassers. Die wichtigsten Instrumente sind dabei ein Akkordeon und ein menschliches Pfeifen.

In The Shape of Water bedient sich die Musik vor allem bei drei Quellen: Mediterranes Flair, alte Musicals und Monsterfilme. Diese scheinbaren Gegensätze bringt die Musik eindrucksvoll zusammen.


Carter Burwell – Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Der letzte nominierte Soundtrack ist Three Billboards Outside Ebbing, Missouri. In einer Kleinstadt im amerikanischen Westen verlangt eine Mutter, dass die Polizei den Mord an ihrer Tochter aufklärt. Martin McDonaghs Film ist ein moderner Western, und auch Carter Burwells Musik hat Anklänge an Morricone.

Mit kurzen, prägnanten Themen und Folk-Elementen versetzt Burwell den Hörer in eine Kleinstadt in der die Zeit stehen geblieben ist. Three Billboards ist ein Film, der Tragik mit tiefschwarzem, trockenem Humor verbindet, und Burwells aufrichtige Musik ist gleichzeitig Kontrast und Sprungbrett für diesen Humor.

Weitere Themen in SWR2