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Opernkritik | "Writing to Vermeer" in Heidelberg Lebendige Gemälde

Opernkritik am 12.5.2017 von Ursula Böhmer

Seit der Uraufführung 1999 in Amsterdam wurde die Oper „Writing to Vermeer“ von Louis Andriessen nur noch konzertant aufgeführt. Das Theater Heidelberg hat sie nun als Deutsche Erstaufführung wieder in Szene gesetzt. Ein Genuss für Augen und Ohren, findet unsere Rezensentin.

Der Maler ist verreist

Der niederländische Barockmaler Jan Vermeer ist bekannt für Bilder wie „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ oder „Ansicht von Delft“. Er gilt als Meister der lichten Farben und friedvoll-häuslichen Innenansichten.

Geräusche durchziehen den Theatersaal in Heidelberg: Eine kratzige Schreibfeder auf Papier, man muss schon die Ohren spitzen. Erst danach setzt das Orchester mit dem Vorspiel ein, zu dem ein paar Kinder in Sweatshirts und Sneakers auf die Bühne laufen. Sie finden alte Briefe – und spannen kurz darauf Seile auf der Bühne: Beziehungsfäden in vergangene Welten.

Die hervorragenden Solisten vom Kinder- und Jugendchor des Heidelberger Theaters tauchen ein in die vergangene Welt des niederländischen Barock-Malers Jan Vermeer – oder vielmehr in die Welt seiner Frauen: die schwangere Ehefrau, die besorgt-umtriebige Schwiegermutter und die kokett-verspielte Hausmagd. Die besorgen hier den Haushalt und rezitieren dabei singend ihre Briefe, die sie 1672 an den verreisten Hausherrn geschrieben haben: Berichte von der Tochter, die Poliermittel getrunken hat, Klagen über Schwangerschaftsbeschwerden und Sehnsüchte.

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"Writing to Vermeer" in Heidelberg

Bilder von der Inszenierung

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Hye-Sung Na (Catharina Bolnes)

Hye-Sung Na (Catharina Bolnes)

Elisabeth Auerbach (Maria Thins), Damenchor und Mitglieder des Kinder- und Jugendchors des Theater und Orchester Heidelberg

Damenchor des Theater und Orchester Heidelberg

Hye-Sung Na (Catharina Bolnes), Damenchor des Theater und Orchester Heidelberg

Damenchor des Theater und Orchester Heidelberg

Elisabeth Auerbach (Maria Thins)

Irina Simmes (Saskia de Vries), Mitglieder des Kinderchors

Hye-Sung Na (Catharina Bolnes), Elisabeth Auerbach (Maria Thins), Damenchor

Hye-Sung Na (Catharina Bolnes), Damenchor

Irina Simmes (Saskia de Vries), Hye-Sung Na (Catharina Bolnes), Damenchor

Irina Simmes (Saskia de Vries)

Vermeers Bilder werden lebendig

Regisseur Johannes von Matuschka zitiert im Theater Heidelberg dazu Vermeers Bilderwelten herbei – in Videoprojektionen, aber auch im Umgang mit den Sängerinnen auf der Bühne. Die Schwiegermutter hat zu tief ins Glas geschaut und ist auf einem Stuhl eingeschlafen – wie Vermeers „Schlafendes Mädchen“. Die Magd rafft ihre blaue Schürze wie die „Dienstmagd mit Milchkrug“. Die Hausfrau erinnert, himmelblaue Schwangerschaftsbluse zum gelben Rock, an die „Briefleserin in Blau“. Dabei stehen sie in einer riesigen, schwarzen Camera Obscura-Box – so eine, wie Vermeer sie zum Malen benutzt haben soll.

Die gute alte Zeit wird auch in Louis Andriessens lichtdurchfluteter Musik herbeizitiert: darunter Jean Baptiste Lullys Türkenmarsch aus Molières Theaterstück „Der Bürger als Edelmann“; ein Ausschnitt, den Andriessens niederländischer Komponisten-Kollege Michel van der Aa elektroakustisch verfremdet hat. Er sorgt in der Oper für die bedrohlichen Zwischentöne, die in die beschauliche Frauenwelt eindringen: 1672 war ein Katastrophenjahr für die Niederländer, geprägt von Kriegen und einer absichtlich herbeigeführten Flut – um den Einmarsch der englisch-französischen Invasoren zu verhindern.

Trailer: "Writing to Vermeer" in Heidelberg


Manko: politische Ebene wird ausgespart

Diese politische Komponente spart Regisseur Johannes von Matuschka in Heidelberg aus – das große Manko dieser Deutschen Erstaufführung. Denn ohne Gegensatz dümpelt der Abend bald allzu gefällig-harmlos dahin. Immerhin ist das aber schön anzusehen und anzuhören: dank der Sängerinnen Hye-Sung Na, Irina Simmes und Elisabeth Auerbach sowie des Chors und Orchesters, die Lois Andriessens Tönewelt unter Dirigent Dietger Holm zum inneren Leuchten bringen – und dank der Bilderwelt von Vermeer.



Im Programm

Welcher Musiktitel hatte für Sie eine besondere Bedeutung?
Gast: Stefan Weiller, Frankfurter Autor und Leiter des Projektes "Letzte Lieder"
Moderation: Martin Gramlich
Redaktion: Petra Mallwitz

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