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Opernkritik | "Don Giovanni" in Mannheim

Mozart im Schwimmbad

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Vor zwei Jahren schrieb das Nationaltheater Mannheim einen Opernregiewettbewerb für Mozarts Don Giovanni aus. Gewonnen hat ein junges, russisches Team: die Regisseurin Ekaterina Vasileva und die Bühnenbildnerin Sonya Kobozeva. Am 14. Juli erlebte diese Siegerarbeit ihre Premiere im Rahmen des "Mannheimer Sommers", Reinhard Ermen hat sie sich für SWR2 angesehen.

Im Bild: Estelle Kruger als Donna Anna und Statisterie des NTM.

Vor zwei Jahren schrieb das Nationaltheater Mannheim einen Opernregiewettbewerb für Mozarts Don Giovanni aus. Gewonnen hat ein junges, russisches Team: die Regisseurin Ekaterina Vasileva und die Bühnenbildnerin Sonya Kobozeva. Am 14. Juli erlebte diese Siegerarbeit ihre Premiere im Rahmen des "Mannheimer Sommers", Reinhard Ermen hat sie sich für SWR2 angesehen.

Im Bild: Estelle Kruger als Donna Anna und Statisterie des NTM.

In der Inszenierung ist der Swimmingpool der Mittelpunkt einer hedonistischen, männlichen Welt, in der sich alles um die Frauen dreht und wie man sie gewinnt.

Im Bild: Patrick Zielke (l.) als Leporello und Nikola Diskić (r.) als Don Giovanni.

Im Pool schwimmen Luftmatratzen und andere Wassermöbel, die als Partysitze dienen, aber auch so aussehen können wie Leichenbahren, die sanft im Halbdunkel wippen.

Im Bild: Nikola Diskić als Don Giovanni.

Wasserstoffblonde Östrogenbomben bilden eine Art erotisches Dekor, das durch die ganze Oper geistert. Zu Anfang muss Leporello (Patrick Zielke) einige von diesen verbrauchten Leibern beiseite räumen, um Platz zu schaffen für neue Eroberungen seines Herrn.

Gelegentlich, wenn’s ganz ernst wird, schreitet ein Riese durch die Szene. Nur die Beine dieser allmächtigen Marionette sind zu sehen. Zum Schluss wird ihr Fuß den Wüstling Don Giovanni zertreten.

Im Bild (v.l.n.r.): Amelia Scicolone als Zerlina, Ludovica Bello als Donna Elvira und Estelle Kruger als Donna Anna.

Trashig, quietschbunt und respektlos kommt die szenische Arbeit von Ekaterina Vasileva und Sonya Kobozeva daher. Manches aus dieser Überfülle ist entbehrlich, aber Übertreibungen sind hier das Prinzip und die stehlen Mozart selten die Schau. Vielmehr schlüpft die Regie dankbar in die Nischen, die sich für ein turbulentes Unterhaltungstheater bieten.

Im Bild (v.l.n.r.): Statisterie des NTM, Nikola Diskić, Amelia Scicolone und Philipp Alexander Mehr.

Die Werkstätten des Nationaltheaters Mannheim leisten Außerordentliches. Das Verführungsduett Zerlina (Amelia Scicolone) / Don Giovanni (Nikola Diskić) findet z.B. auf dem Rücken einer riesigen Zuchtsau statt.

Die Figuren sind witzig charakterisiert, Donna Elvira (Ludovica Bello) etwa, die mit dem Kinderwagen auftritt.

Star des Abends ist der Leporello von Patrick Zielke (r.). Er klingt vollmundig, beweglich und sicher.

Viele von den jungen Sängern debütieren in ihren Rollen: Alle Achtung! Die kostbarste Stimme ist die von Amelia Sciolone, zuständig für Zerlina. Juraj Holly hat als Don Ottavio nur eine Tenorarie. Von ihm hätte man gerne mehr gehört.

Im Bild: Amelia Scicolone, Philipp Alexander Mehr, Estelle Kruger, Juraj Holly, Ludivica Bello (v.l.n.r.), Nikola Diskić (Mitte).

Das Orchester unter der Leitung von Alexander Soddy ist glänzend in Form. Die turbulente Inszenierung hätte freilich etwas mehr Tempo vertragen können. Die gleichsam angehaltene Zeit macht sich in den Musiknummern sehr gut, zumal die Figuren szenisch sehr sorgfältig geführt sind. In den korrekt musizierten Rezitativen, die Soddy auf dem Hammerklavier selbst begleitet, fehlte indessen das theatralisch-dialogische Feuer.

Im Bild: Estelle Kruger, Juraj Hollý, Philipp Alexander Mehr, Amelia Scicolone, Ludovica Bello (v.l.n.r.), Patrick Zielke (Mitte).

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