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Musikstück der Woche mit dem SWR Vokalensemble, Leitung Marcus Creed Die besten Ideen kommen nachts!

Alfred Schnittke: Drei geistliche Gesänge für gemischten Chor a cappella

Monatelang hatte ihn der russische Dirigent Valery Polyansky um ein Chorwerk gebeten, doch Alfred Schnittke lehnte kopfschüttelnd ab. Warum? Das weiß keiner so genau. Aber manchmal braucht es eben ein bisschen Zeit, eine zufällige Begegnung und eine ideenreiche Nacht, bis aus einer Ab- eine Zusage wird.

1983 schrieb Schnittke mit den "Drei geistlichen Gesängen" für gemischten Chor a cappella eines der schönsten Chorwerke unserer Zeit. 30 Jahre später, 2013, hat es das SWR Vokalensemble Stuttgart unter der Leitung ihres künstlerischen Leiters Marcus Creed eingesungen – unser Musikstück der Woche.

Schlummermodus – die etwas andere Kreativitätstechnik

Der weltberühmte Erfinder Thomas Edison trug manchmal tagelang eine wissenschaftliche Frage mit sich herum, bevor er eine kluge Antwort darauf fand. Als er feststellte, dass ihm die besten Ideen kurz vor dem Einschlafen in den Sinn kamen, fing er an diesen Schlummerzustand künstlich herbeizuführen: Er setzte sich auf einen Stuhl und nahm in jede Hand eine Kugel. Dazu legte er rechts und links von ihm eine Kuchenplatte auf den Boden. Danach dachte er mit geschlossenen Augen konzentriert über jene Frage nach. Je stärker er in die Trance hineingezogen wurde, desto klarer wurden seine Gedanken. Kurz bevor er einschlief, floh die Kraft aus seinen Händen und die Kugeln fielen laut scheppernd auf den Boden. Aufgeweckt von diesem Geräusch nahm er Stift und Zettel und schrieb alles auf.   

Manchmal hilft es, hartnäckig zu bleiben

Alfred Schnittke

Alfred Schnittke

Als Alfred Schnittke dem russischen Dirigenten Valery Polyansky an einem Morgen die Noten seiner „Drei Geistlichen Gesänge“ mit den Worten „schrecklicher Kerl“ in die Hände drückte, fehlten diesem die Worte. Über Nacht schien Schnittke ihm das Werk geschrieben zu haben, um das er ihn schon vor Monaten gebeten hatte. Ausgangspunkt war damals die Kantate „Seid nüchtern und wachet“ gewesen, die der Komponist 1982 angefangen und 1983 beendet hatte – ebenfalls als Auftragswerk. Polyansky war daraufhin so begeistert gewesen, dass er nach einer weiteren Chorkomposition fragte, die Schnittke aber vorerst ablehnte.  

An jenem Vorabend trafen die beiden Musiker zufällig aufeinander. Sie waren Gäste im Puschkin-Museum in Moskau, wo der russische Pianist Swjatoslaw Richter einen seiner berühmten „Dezemberabende“ leitete und klassische Musik abgestimmt auf die Bilder der aktuellen Ausstellung zusammenbrachte. Natürlich nutzte Polyansky die Gelegenheit, um den von ihm geschätzten Komponisten noch einmal an seine Bitte zu erinnern – anscheinend mit eindrücklicher Wirkung… 

Im Geiste der russisch-orthodoxen Kirchenmusik

Von Kindheit an war Schnittkes Leben von unterschiedlichen Einflüssen geprägt, Orten und Kulturen, in die er hineingeboren wurde, in denen er aufgewachsen ist, gelebt und gewirkt hat. Dazu sog er alles in sich auf, was ihm musikalisch begegnete. Egal ob das klassische Musik oder Jazz war, Melodien aus dem Zeitalter des Barock oder der Zwölftonmusik aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Er war so fasziniert davon, dass er alle Ideen mit seinen eigenen verbinden wollte. Es sei das Hier und Jetzt, das durch die Polystilistik in einen Dialog mit der Vergangenheit trete und gleichzeitig Fragen an die Zukunft stelle, sagte Schnittke einmal.

Bewusst ließ er die drei Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in seiner Musik aufeinandertreffen, um  so eine ganz neue Komposition entstehen zu lassen. Auch mit den „Drei Geistlichen Gesängen“ schuf er expressive vor allem aber zeitlose Miniaturen, auch wenn sie stark in der Tradition der russisch-orthodoxen Kirchenmusik verwurzelt sind. Dabei war Schnittke in einer deutsch-jüdischen Familie geboren und als Kind des kommunistischen Regimes sowjetisch erzogen worden. Auch später, als Erwachsener, gehörte er nicht der russisch-orthodoxen Kirche an sondern war praktizierender Katholik. Sein musikalischer Geschmack und seine Neugier waren aber losgelöst von alledem – ganz einfach überkonfessionell. 

Im ersten Gesang vertonte Schnittke die orthodoxe Fassung des „Ave Maria“ – basierend auf dem Lukas-Evangelium treffen hier zwei Chöre im Wechselspiel eindrucksvoll aufeinander. Für die musikalische Umsetzung des Gebets „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“, Gesang Nummer zwei, verwandte er ein typisches Stilmerkmal der russischen Kirchenmusik: fein nuanciert spannt er einen beeindruckenden dynamischen Bogen. Das Werk schließt mit der Vertonung des „Vater unser“ nach dem Matthäus Evangelium, dass durch den gemeinsamen Vortrag – zum größten Teil unisono – Ehrfurcht und Erhabenheit zugleich ausstrahlt.

Marcus Creed (Dirigent)

Marcus Creed

Marcus Creed

Seit 2003 ist Marcus Creed künstlerischer Leiter des SWR Vokalensembles Stuttgart. Geboren und aufgewachsen an der Südküste Englands, studierte er am King's College in Cambridge, der Christ Church in Oxford und der Guildhall School in London. 1977 kam er nach Berlin, wo er u. a. an der Deutschen Oper Berlin als Repetitor und später Chordirektor arbeitete und die Gruppe Neue Musik und das Scharoun Ensemble als Pianist und Dirigent verstärkt hat. 1987 wurde er zum künstlerischen Leiter des RIAS-Kammerchores ernannte, der unter seiner Leitung zahlreiche internationale Auszeichnungen wie den Edison Award erhielt. 

Die Zusammenarbeit mit der Akademie für Alte Musik Berlin, dem Freiburger Barockorchester und Concerto Köln wurden wesentlicher Bestandteil seiner Konzerttätigkeit. Er trat bei den Berliner Festwochen, Wien Modern, den Salzburger Festspielen und Festivals in Montreux, Edinburgh, Luzern und Innsbruck auf. 1998 folgte er einem Ruf auf eine Dirigierprofessur an der Musikhochschule Köln.

SWR Vokalensemble Stuttgart

Bereits vor 70 Jahren gründete sich das SWR Vokalensemble Stuttgart als Kammerchor von Radio Stuttgart. Dreizehn Sängerinnen und Sänger sangen von einfachen Volksliedern bis hin zu Operetten und Opern für den Sendebetrieb. Geleitet und geformt durch diverse künstlerische Leiter, arbeitete sich der Chor unter Marinus Voorberg in den 1970ern an die Spitze der A-cappella-Chöre. Das Programm änderte sich, hinzu kamen immer mehr Werke des 19. und 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, mit denen sich das Ensemble auch im internationalen Ranking einen Namen machte. 

Heute steht das SWR Vokalensemble Stuttgart für Innovation. Es erfindet sich immer wieder neu, setzt sich mit SWR Young CLASSIX für die Vermittlung von klassischer Musik bei Kindern und Jugendlichen ein und wurde sowohl im Rahmen von Wettbewerben als auch für seine Produktionen mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Echo Klassik oder dem Europäischen Chorpreis. 


Musikstücke mit dem SWR Vokalensemble

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Sendezeit

Samstags 10.05 bis 10.30 Uhr

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