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Musikausbildung in Südkorea Üben bis zum Umfallen

Südkoreas junge Talente begeistern die klassische Musikszene weltweit. Sie nehmen an fast allen internationalen Wettbewerb teil. Längst ist Korea aus dem Schatten der einst übermächtigen Nachbarländer Japan und China getreten. Bei der Ausbildung ihrer Kinder sind Koreaner gewissenhaft, gründlich – und kompromisslos, weiß die Musikjournalistin und Flötistin Dorothee Binding. Sie unterrichtete von 2012 bis 2014 Flöte in Seoul.

Die koreanischen Kinder fangen sehr früh an, mit vier oder fünf, und gehen bis zur 5. Klasse regelmäßig zum Musikunterricht. Dabei hoffen die Mütter sehr, dass ihre Kinder musikalisch begabt sind. Deshalb unterstützen sie sie fleißig – und sind sehr streng. Die Kinder müssen viel üben, jeden Tag. Am Anfang nur kurz, aber es werden sehr schnell lange Übungen daraus. Jyoo Hi Rhee

Jyoo Hi Rhee hat in den 1990er Jahren in Heidelberg studiert, Medizin und Psychologie. Inzwischen lebt sie wieder in Seoul, wo sie als Psychologin arbeitet. Jyoo Hi Rhee ist selbst Mutter von drei Söhnen. Auch ihre Kinder sollen die bestmögliche Ausbildung genießen: "Ich habe ganz früh angefangen, meinen Kinder Musikunterricht zu ermöglichen, alle haben mit drei oder vier angefangen, Klavier, Violine oder Cello zu lernen."

Üben in inspirierender Umgebung: in Deutschland

Inzwischen kommt sie regelmäßig in den Sommer- und Winterferien mit ihrer Familie für zwei Wochen nach Deutschland, damit die Kinder hier täglich intensiven Instrumentalunterricht erhalten und zusätzlich in einer inspirierenden Umgebung üben können.

Oft üben koreanische Eltern einen in Deutschland nicht vorstellbaren Druck auf ihre Kinder aus. Besonders wenn es um die Vorbereitungen auf Wettbewerbe oder Aufnahmeprüfungen geht, müssen koreanische Kinder nach ihrem langen Schultag noch stundenlang üben – oft in sogenannten Übehäusern.

Üben im "Big-Brother-Haus": in Südkorea

Die machen speziell diesen Dienst für Prüflinge. Jedes Jahr gehen sie jeden Tag dahin und üben acht Stunden. Die werden da eingeschlossen. Im Zimmer gibt es Überwachungskameras – die Kinder werden überwacht, ob sie auch wirklich die ganze Zeit üben! Jyoo Hi Rhee

Schülerinnen an der Ehwa Girls High School in Südkorea jubeln über bestandene Prüfungen

Schülerinnen an der Ehwa Girls High School in Südkorea jubeln über bestandene Eignungsprüfungen.

Keine Ablenkung soll es für die Kinder in den winzigen Übezimmern geben. Eine Klimaanlage temperiert die Räume auf unangenehm kühle 18 Grad. Die Türen haben eine langgezogene Sichtscheibe aus Gitterglas – ein Relikt aus den Zeiten, als noch keine Überwachungskameras in den Übezellen installiert waren. Fenster nach draußen dagegen sind selten, der Blick ins Freie könnte die Konzentration gefährden. Das Ziel dieser rigiden Praxis ist ein Studienplatz an einer der führenden Musikhochschulen des Landes. Wird das Kind nicht an der "Seoul University" oder einer renommierten Frauenuniversität wie der Ewha angenommen, verschlechtern sich seine Chancen auf eine erfolgreiche Zukunft rapide, vor allem für die Mädchen. Denn die sollen in der Regel gar keine musikalische Weltkarriere anstreben, sagt Jyoo Hi Rhee.

Üben für eine "gute Partie"

Gut situierte Familien wollen ihre "teuren" Töchter gerne an der Musikhochschule studieren lassen, denn dann haben sie eine gute Chance auf dem Heiratsmarkt: Eine klassisch musikalisch ausgebildete junge Frau erfüllt alle Kriterien. Jyoo Hi Rhee

Aber nicht für alle Studenten sind die Chancen auf dem Heiratsmarkt das Ziel ihrer Ausbildung. Sun Min zum Beispiel will berühmt werden, und zwar auf der ganzen Welt! Er studiert an der GSM, der German School of Music, einer deutschen Satellitenmusikhochschule am südöstlichen Stadtrand von Seoul. Die jährlich 7.000 Euro Studiengebühr nimmt seine Familie gern in Kauf, um ihrem Sohn die bestmögliche Ausbildung zukommen zu lassen.

Üben ohne nachzudenken

Eine von Sun Mins Lehrerinnen an der German School of Music in Seoul ist Viktoria Kaunzner. Seit knapp fünf Jahren leitet sie dort die Violinklasse. Sie ist beeindruckt von der Ausdauer ihrer Studenten.

Man braucht Disziplin, handwerkliches Geschick, Durchhaltevermögen. Da ist Korea durch den Konfuzianismus bestens geprägt. Der bringt Strenge und Disziplin ins gesamte Lebenskonzept. Da sind uns die Asiaten vielleicht überlegen. Weil sie einfach üben. Sie hinterfragen nicht. Viktoria Kaunzner

Es gilt unter koreanischen Studenten als unhöflich oder vorlaut, eigene interpretatorische Ideen zu erarbeiten oder gar zu präsentieren. Der Lehrer wird als große Respektsperson verehrt, seine Anweisungen werden weder hinterfragt noch kritisiert.

Sie spielen und bemühen sich, dass alles sauber ist. Und in der Regel, gerade bei Bach, ist dann alles mezzoforte, da ist alles gleich. Eine Struktur reinzubringen, fällt ihnen wirklich schwer, weil ja in der Musik von Bach nichts steht. Keine Dynamik, kein Tempo, nichts. Da eine Phantasie, eine Intuition zu entwickeln, das muss erzogen werden. Man muss es ihnen vorbeten! Viktoria Kaunzner

Üben bis zum bitteren Ende

Oft begleiten koreanische Mütter ihre Kinder ins Ausland, um ihnen in Europa oder in den USA eine Ausbildung zu ermöglichen. In Korea nennt man sie "Kranichmütter": Für ihre Kinder lassen sie ihr gesamtes soziales Umfeld und ihre Heimat zurück.

Koreanische Mütter beten für ihre Kinder, damit diese die Aufnahmeprüfung bestehen

Koreanische Mütter: Gebete sollen ihren Kindern helfen, die Aufnahmeprüfung zu bestehen.

Gijung-gi gatcho. So nennt man das auf Koreanisch. Ich glaube, die schlechteste Karte haben die Väter gezogen. Die Väter bleiben zuhause und verdienen Geld für sich und die Familie und das Studium. Schaffen, schaffen, schaffen, Geld verdienen, bis sie wegen Burn-out umfallen. Die Väter sind vielleicht stolz drauf – aber glücklich sind sie nicht. Und manche Männer sterben daran, das weiß ich. Jyoo Hi Rhee

Seit ungefähr sieben, acht Jahren hält Korea einen traurigen Rekord, weiß Jyoo Hi Rhee: Es hat unter den OECD-Ländern die höchste Selbstmordrate bei Jugendlichen.

Das ist eine der Kehrseiten: Man wünscht sich für seine Kinder eine bessere Welt und dafür macht man sich das eigene Leben zur Hölle und leider auch das Leben seiner Kinder. Was die Koreaner wirklich lieben, was sie eigentlich erreichen wollen, das ist tanzen, musizieren, singen – das liegt den Koreanern im Blut! Jyoo Hi Rhee

Und trotzallem: aus reiner Freude am Spielen

In Südkorea sind Konzerte trotz horrender Ticketpreise oft schon Monate im Voraus ausgebucht. Im Publikum sieht man vor allem Studenten und Familien mit Kindern.

Hier in Korea spüre ich eine Spielfreude, was ich in Deutschland vermisse. Hier wird Klassik gespielt, in Deutschland wird Klassik gedacht. Viktoria Kaunzner

Und deswegen müsse man die Koreaner auch einfach lieben, meint Jyoo Hi Rhee, sie machten so viel Unsinniges, aber letztendlich wollten sie das Wesentliche treffen – und das könne man nicht so einfach abtun, das dürfe man nicht ignorieren.

Im Programm

Felix Mendelssohn Bartholdy:
Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 11
Gewandhausorchester Leipzig
Leitung: Kurt Masur
Louis Spohr:
Klarinettenkonzert Nr. 4 e-Moll WoO 20
Sharon Kam (Klarinette)
MDR Sinfonieorchester
Leitung: Gregor Bühl
Christoph Graupner:
"Ich bin zwar Asch und Koth"
Klaus Mertens (Bassbariton)
Accademia Daniel
Leitung: Shalev Ad-El
Robert Schumann:
Streichquartett a-Moll op. 41 Nr. 1
Gewandhaus-Quartett
Franz Anton Hoffmeister:
Violakonzert D-Dur
Kammersymphonie Leipzig
Viola und Leitung: Antoine Tamestit

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