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Opernkritik | Monteverdis "Poppea" feiert Premiere Gewaltspektakel am Mannheimer Nationaltheater

Am 12. April hatte am Nationaltheater Mannheim Claudio Monteverdis „Die Krönung der Poppea“ Premiere. Sie wurde zu einem sehr gelungenen Opernabend mit üppiger Inszenierung: nichts für Wasserscheue und solche, die kein Blut sehen können.


Der Vorhang geht auf, und eine große Wasserfläche wird sichtbar, gerahmt von roten Vorhängen mit Rosen. Lichtreflexe spiegeln sich an der Decke des Saals – ein wunderschöner Moment. Doch sofort wird klar: In diesem schönen Wasser schwimmt Müll und Schrott. Alles ist hier dem Verfall geweiht.

Die Bühne steht unter Wasser

Claudio Monteverdis Oper „Die Krönung der Poppea“ erzählt vom römischen Kaiser Nero, der sich von seiner Ehefrau trennt, um die junge Poppea zu heiraten. Regisseur Lorenzo Fioroni hat die Handlung nach Venedig verlegt, wo 1642 die Uraufführung der Oper stattgefunden hat. Unverkennbar durch Gondeln und Wasser entsteht die Stadt auf der Bühne.

Es herrscht Hochwasser, die ganze Bühne steht knöcheltief unter Wasser. Was bedeutet, dass alle Sänger in Gummistiefeln oder Gummihosen auftreten. Auch Poppea – souverän gesungen von Nikola Hillebrand – erscheint in einem hautfarbenen Neoprenanzug; irgendwie passt das sogar zu dem Bild der giftigen Schlage, der nach Thron und Krone heischenden Poppea. Das Platschen des Wassers ist allgegenwärtig.

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Monteverdies "Poppea" in Mannheim

Die Inszenierung in Bildern

Geschminkt wie im Black-Metal

Bühne, Kostüm und Maske verfolgen eine morbide Ästhetik, alles wirkt dreckig und ausgefranst. Die Sänger sind blass geschminkt mit schwarzen Augenringen – im Black-Metal heißt das Corpsepaint. Das erinnert daran, dass im Mittelalter den Toten zur Desinfektion Kreide aufs Gesicht aufgetragen wurde. Hier soll definitv zum Ausdruck gebracht werden, dass etwas zerfällt, sei es das Römische Reich, die Ehe zwischen Nero und Ottavia oder die Person Neros selbst.

In der Inszenierung plakativ gezeigt: Nero schnupft sich eine Prise Kokain. Er bewegt sich zwischen jugendlicher Coolness und abgeklärtem Sarkasmus. Die angenehm sanfte und weiche Stimme des Tenors Magnus Staveland will nicht so recht zu diesem Kaiser Nero passen. Außerdem scheint die dicke Perücke mit langen Dreadlocks die Kopfresonanzen zu schlucken. Zum Glück nimmt er sie immer wieder demonstrativ ab.

Senecas Leiche wird auf der Bühne seziert

Die Inszenierung nimmt Bezug auf historische Quellen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Zeit Monteverdis: Leichen wurden damals oft vor großen Publikum seziert, nicht nur zu Forschungszwecken, sondern auch zur Unterhaltung. In der Oper liegt der tote Seneca auf der Bühne – als Puppe natürlich – und es wird kräftig in seinem Inneren gewühlt, Därme werden hervorgeholt, auch die Leber und die Nieren, eine liegt dann auch plötzlich auf dem Boden herum.

Man kann das geschmacklos finden, die Parallele zu Monteverdi ist aber interessant: Auch er „seziert“ die Seelen, geht den Charakteren erforschend auf den Grund. Ein sehr poetischer Moment entsteht, als Amor, der einem Gemälde von Caravaggio entsprungen zu sein scheint, auf einer Gondel sitzend, anfängt zu singen. Es ist ein Knabensopran, und wenn er davon erzählt, dass eigentlich er derjenige ist, der den Lauf der Dinge bestimmt, ist das unglaublich stark und berührend.

Integration von Musikstücken anderer Komponisten

Es wurden neun Musikstücke anderer Komponisten aus Monteverdis Zeit in den Opernabend integriert, teils um Orchester und Chor mehr zur Geltung zu bringen. Dies war auch im Barock so üblich und bereichert auch diesen Abend.

Die musikalische Leitung der Mannheimer „Poppea“ hat Jörg Halubek. Das von ihm gegründete, junge Ensemble „Il Gusto Barocco“ musiziert auf historischen Instrumenten. Es ist eine ganz kleine, aber sehr feine Besetzung: 4 Streicher, 4 Zupfer, 6 Bläser, Orgel, Cembalo und Schlagwerk; jeder spielt praktisch solistisch. Der Klang ist immer ausgewogen, es gibt viel Abwechslung: Die Zinken und die Blockflöte vollenden den barocken Klangeindruck.

Musiker sitzen im Zuschauerraum

Anfangs vielleicht noch etwas verhalten, kamen die Musiker nach der Pause richtig in Schwung, und man hätte noch lange dieser auf den Punkt gespielten Musik zuhören können. Auch deshalb, weil die Musiker nicht in einem Orchestergraben verschwinden, sondern im Zuschauerraum sitzen.

Ein Chor ist ebenfalls dabei: Er wird rhythmisch und musikalisch gelungen geführt. Und er bietet immer wieder was fürs Auge: Mal mit schwarzen Rüschenblusen und schwarzem Pelz bekleidet, mal paarweise mit barocker Handhaltung auftretend – wie bereit zum Tanz – und natürlich singend.

Eine Oper der Nebenfiguren

Monteverdis „Poppea“ ist eine Oper der Nebenfiguren. Die Verlassenen und Verratenen, die in den Suizid und in die Verbannung Getriebenen, sind bedeutsam. Von ihnen überzeugt besonders der Bass Bartosz Urbanowicz als der Philosoph Seneca. Schauspielerisch und sängerisch erstklassig ist die Mezzo-Sopranistin Marie-Belle Sandis als Ottavia. Sie singt mit wenig Vibrato und ihre Stimme ist in allen Registern präsent. Die starken Gefühle der verlassenen Ehefrau, Verzweiflung und Hass kann man richtig miterleben. Auch der Countertenor Terry Wey als Ottone sorgt für musikalisch sehr ergreifende Momente.

Im Programm

Joseph Haydn:
Klaviersonate B-Dur
Marc-André Hamelin (Klavier)
Ludwig van Beethoven:
Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR
Leitung: Stéphane Denève
Claude Debussy:
"Das Mädchen mit den flachsblonden Haaren", Bearbeitung
Andreas Ottensamer (Klarinette)
Philharmonisches Orchester Rotterdam
Leitung: Yannick Nézet-Séguin
Arvo Pärt:
"Kuus, kuus kallike"
Montserrat Figueras (Sopran)
Arianna Savall (Singstimme)
Jordi Savall (Viola da gamba)
Dimitris Psonis (Santur)
Johann Sebastian Bach:
Orchestersuite Nr. 1 C-Dur BWV 1066
Café Zimmermann
Johannes Brahms:
Klarinettentrio a-Moll op. 114
Martin Fröst (Klarinette)
Roland Pöntinen (Klavier)
Torleif Thedéen (Violoncello)

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