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Zum Internationalen Frauentag am 8.3.2018 #JazzToo

Diskussionen über Missbrauchsvorfälle am Berklee College of Music, geschlossene Männer-Netzwerke in Deutschland oder Ignoranz bei der Vergabe von Preisen wie dem "Victoires du Jazz" – die #MeToo-Bewegung ist im Jazz angekommen.

Missbrauchsvorfälle in Boston

Im November 2017 wurde eine Reihe von Missbrauchsvorfällen in der Jazzabteilung des renommierten Berklee College of Music in Boston, Massachusetts publik – und der Versuch der Hochschule, diese zu vertuschen. Einige Studentinnen hatten schwere Vorwürfe gegen mehrere Dozenten erhoben. Die wurden zwar stillschweigend entlassen, weitere Konsequenzen gab es allerdings nicht und die Beschuldigten konnten an anderen Institutionen weiter unterrichten.

Die entsprechenden Recherchen der Zeitung Bloston Globe rief eine Welle von Reaktionen hervor. Immer mehr Musikerinnen meldeten sich zu Wort, erzählten in Blogs, Posts oder Interviews davon, wie sie von Mentoren oder Bandkollegen belästigt, missbraucht oder sogar vergewaltigt wurden.

Die koreanische Jazzmusikerin Okkyung Lee

Okkyung Lee: "Einige Erfahrungen meiner Freundinnen waren wirklich erschütternd!"

Okkyung Lee ist Cellistin, lebt in New York und hat am Berklee College of Music studiert: "Einige Erfahrungen meiner Freundinnen waren wirklich erschütternd!". Außerdem sei sie erstaunt darüber gewesen, wie ein großer, vor allem männlicher Teil der Jazz-Szene diese Geschichten als Einzelfälle abgetan hätte. Dabei seien sie Zeugnisse für ein gesamtgesellschaftliches Problem, das eben auch ihre Community betrifft.

Lee sowie 13 andere New Yorker Musikerinnen haben sich, inspiriert von der #MeeToo-Bewegung, mittlerweile zum Kollektiv „We Have Voice“ zusammengeschlossen. Auf deren Plattform heißt es in einem offenen Brief: "Wir werden nicht schweigen. Wir haben eine Stimme. Wir haben Null Toleranz für sexuelle Gewalt."

Sexismus auch in Europa

In Deutschland setzt sich die Mannheimer Saxophonistin Alexandra Lehmler seit einigen Jahren für Gendergerechtigkeit in der Szene ein. Fälle von Machtmissbrauch in Form von sexueller Gewalt seien ihr hierzulande zwar noch nicht bekannt, aber sie sagt: Auch in Europa erleben Jazzmusikerinnen Sexismus. Da fallen anzügliche und herablassende Bemerkungen, der Zugang zu gut funktionierenden Männer-Netzwerken bleibt verwehrt.

JUnge Frau mit einem Saxophon vor sich / schwarz-weiß Bild

Setzt sich in Deutschland für Gendergerechtigkeit ein: Alexandra Lehmler.

Wer dagegen aufbegehrt oder das auch nur thematisiere, dürfe sich als „Emanze“ belächeln lassen, erzählt Lehmler. Gesprächsversuche werden häufig mit denselben Argumenten abgelehnt wie in den 1970er Jahren. Vor allem die etwas älteren Kollegen hätten Angst, dass sie plötzlich keine Konzerte mehr zu spielen haben, wenn jetzt "die ganzen Frauen" kommen.

Eine eher irrationale Angst, denn "die ganzen Frauen" sind laut der Jazzstudie der Union Deutscher Jazzmusiker hierzulande immer noch eine Minderheit von 20 Prozent. Und die sieht sich in der Szene medial unterrepräsentiert. Wenn die Frauen aber nicht sichtbar sind – sei es auf großen Bühnen, in kleinen Clubs, als Hochschulprofessorinnen, auf Jazzmagazin-Covern oder als Preisträgerinnen – können sie auch keine Vorbilder für den Nachwuchs sein. Warum sollte für junge Frauen ein Berufsumfeld attraktiv sein, in dem sie ganz offensichtlich nur zufällig und ausnahmsweise etwas erreichen können?

Jazzpreise gehen nur selten an Frauen

Die Kontrabassistin Joëlle Léandre ist seit Jahrzehnten eine international erfolgreiche Improvisatorin – und eine prominente Persönlichkeit der französischen Szene. Viel öffentliches Interesse gab es, als sie Ende vergangenen Jahres einen offenen Brief an die Macher des „Victoires du Jazz“ schrieb, einem der großen Musikpreise in Frankreich.

Joëlle Léandre

Joëlle Léandre: "Ich war schockiert! Wie kann das möglich sein im Jahr 2017: nur Männer? Das ist ein Schritt zurück ins alte Jahrtausend! Ich war sehr wütend! Wie ein Vulkan im Fortefortissimo Crescendo!"

Nicht nur, dass es in den zwölf verschiedenen Kategorien keine einzige Gewinnerin gegeben hatte, auch unter den Nominierten war zuvor nicht eine Musikerin gelistet. Würdige Preisträgerinnen hätte es für die „Victoires du Jazz“ durchaus einige gegeben, merkt Joëlle Léandre in ihrem Protestbrief an. Und beschuldigt die Organisatoren, Musikerinnen nicht nur mit einer sehr unzeitgemäßen Attitüde zu ignorieren, sondern dadurch auch zu entmutigen.

Ähnlich verärgert postete die Pianistin Julia Hülsmann vor ein paar Wochen ein Statement auf Facebook, als die Nominierten für den Deutschen Musikautorenpreis der Gema bekannt wurden: 20 Männer und 1 Frau. Und auch beim dienstältesten deutschen Jazzpreis, dem SWR Jazzpreis, sprechen die Zahlen für sich: fünf Mal in seiner 37-jährigen Geschichte ging er an eine Musikerin.

Es geht um die Szene!

Inzwischen ist man an einigen Stellen sensibilisiert – besetzt, wie beim Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg, Jurys paritätisch oder bekennt sich, wie das Jazzfest Berlin, zur „Key Change“ Initiative, die sich für mehr Präsenz von Frauen in der Musikbranche einsetzt. Die große Debatte aber ist bislang ausgeblieben. Und das liegt auch daran – da sind sich Alexandra Lehmler, Joëlle Léandre und Okkyung Lee einig – dass sich noch zu wenig Männer eingeladen fühlen, Teil der Bewegung zu sein. Denn es geht ja nicht nur um die Frauen. Es geht um die Szene, zu deren künstlerischen Selbstverständnis seit jeher Diversität, Kollektivgeist und individuelle Ausdrucksfreiheit gehören.

Im Programm

Robert Schumann:
Violinkonzert d-Moll WoO 1
Christian Tetzlaff (Violine)
hr-Sinfonieorchester
Leitung: Paavo Järvi
Franz Schubert:
Streichquartett E-Dur D 353
Mandelring Quartett
Leopold Anton Kozeluch:
Klavierkonzert Nr. 6 C-Dur
London Mozart Players
Klavier und Leitung: Howard Shelley
Edvard Grieg:
"Aus Holbergs Zeit" op. 40
Kammerorchester des Symphonieorchesters des BR
Leitung: Wolfgang Gieron
Johann Sebastian Bach:
Oboenkonzert
The English Concert
Oboe und Leitung: Albrecht Mayer