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Filmkritik | Kino-Dokumentarfilm "Maria By Callas" Die Zerbrechlichkeit einer Jahrhundertsängerin

Kinostart am 17.5.2018

Jede Generation entdeckt Mythen für sich neu. Maria Callas ist ein Mythos. Und für die Generation der Klassik-Affinen um die 30 hat sich der Filmemacher Tom Volf ihm jetzt genähert.

Wie eine Kerze, die an zwei Enden brennt – so wird Maria Callas oft beschrieben. Als Sängerin hat sie sich tatsächlich verzehrt: Ihr eigener hoher Anspruch, ihr unbedingter Ausdruckswille und ihre unverwechselbare Stimme setzten insbesondere in den 1950er-Jahren neue Maßstäbe, wie italienische Oper aufzuführen ist. Der Preis war hoch: Schon mit Anfang 40 war Maria Callas eigentlich am Ende ihrer Kräfte. Immer wieder zog es sie trotzdem auf die Bühne.

Im Fokus: Der Mensch Maria Callas

Die neue Callas-Dokumentation interessiert sich genau dafür: für die Zerbrechlichkeit von Maria Callas, für sie als Mensch mit all ihren Widersprüchen. Virtuos hat der Filmemacher Tom Volf aus einer Fülle von Archivmaterial eine Collage kreiert, die Filmbilder und Fotos mit Interviewausschnitten, Musik und Zitaten aus Callas-Briefen kombiniert.

Das Besondere ist, dass man einen Blick hinter die Fassade der gängigen Bilder von der Diva und Stilikone La Callas werfen darf. Da fällt einem dann auf, wie angespannt Maria Callas vor einer „Norma“-Aufführung 1965 in Paris wirkt, als sie an der Hand eines Mannes zur Bühne fast schleicht.



Bisher unveröffentlichtes Material

Tom Volf hat 2013 Maria Callas für sich entdeckt. Der damals 28-jährige Fotograf und Filmemacher entschied sich, alles über Maria Callas zu erfahren und die Welt zu bereisen auf der Suche nach bisher unveröffentlichtem Material. Er wurde fündig und veröffentlichte bereits zwei Bücher – und jetzt den Film „Maria by Callas“.

Den roten Faden liefert ein bisher unveröffentlichtes Fernsehinterview, das der britische Journalist David Frost 1970 mit Maria Callas führte; ein langjähriger Hausangestellter der Callas hütete das Interview bisher in seinem Privatarchiv. Sehr offen zieht Maria Callas hier – sieben Jahre vor ihrem frühen Tod – in vielen geschickt platzierten Ausschnitten Bilanz. Und sie schildert, wie es in ihr aussieht: Da ist eben Maria und die Callas – die Künstlerin, die die Führung übernimmt.

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Bilder aus dem Film

"Maria by Callas" von Tom Volf

In Detailansicht öffnen

Mit Aristoteles Onassis

Mit Aristoteles Onassis

Bei Les Grands Interprétes, Paris 1965

Mit Visconti im Teatro alla Scala, 1954

Maria Callas in Mailand, 1958

Im Interview mit David Frost, 1970

Szenenbild

Szenenbild

Viel Raum bekommt die Liebesbeziehung zu dem Reeder Aristoteles Onassis. Maria Callas verliebt sich in ihn 1959 auf einer Kreuzfahrt, als ihre erste Ehe gerade zerbricht. Der Atem stockt einem, wenn zu einem hochemotionalen Liebesbrief von Maria Callas an Onassis Bilder losflimmern, die diesen Mann bereits mit seiner zukünftigen Ehefrau Jackie Kennedy zeigen. Darunter mischt Volf die Tränen-Arie aus Jules Massenets "Werther" in einer Klavier-Version – so lädt er das Ganze noch zusätzlich melodramatisch auf.

Eva Mattes als Stimme von Maria Callas

Eva Mattes leiht Maria Callas quasi ihre Stimme in der deutschen Film-Fassung und liest aus den Briefen. Meistens liegt noch ein Extra-Musikbett unter Wort und Bildspur. Tom Volf arbeitet viel mit charmant unscharfen Super-8-Filmen und ähnlich prähistorisch anmutenden Materialien, die teilweise frisch koloriert wurden. Wofür man den jungen Filmemacher nicht genug loben kann: Er schenkt dem Publikum zehn komplett ausgesungene Arien und lässt so die Kunst von Maria Callas hell aufscheinen.

Maria Callas starb mit 53 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Tom Volf zeigt auch letzte Filmaufnahmen: Mit dicker Brille, die Haare eher nachlässig frisiert, ruht sie am Pool und blickt fragend in die Kamera, während ein Hündchen im Hintergrund rumhüpft. Auch das eine Szene von vielen, die in Erinnerung bleibt. "Maria by Callas" – wer den Film gesehen hat, wird den Menschen hinter der Jahrhundertsängerin besser er-kennen.

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