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Filmkritik "Verlorene" mit Orgelmusik von Bach

Von Kai Löffler

Ein trügerisches Familienidyll in der baden-württembergischen Provinz gerät durch einen wandernden Gesellen aus dem Gleichgewicht. Als Filmmusik dienen Orgelwerke von Johann Sebastian Bach. Nicht nur deswegen eine sehenswerter Film, meint Kai Löffler.

Auf den ersten Blick spielt Felix Hassenfratz' Debütfilm "Verlorene" in einer Idylle: in einem malerischen Dorf in der Baden-Württembergischen Provinz. Hier ist die Zeit stehengeblieben, jeder kennt jeden, die Natur ist allgegenwärtig und man trifft sich – wo sonst – in der Kirche.

Filmtrailer zu "Verlorene


Talentierte Organistin als Protagonistin

In dem Dorf leben die zwei Schwestern Maria und Hannah mit ihrem selbst noch jungen Vater Johann. Maria, die ältere der beiden, ist eine talentierte Organistin und bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung in der Musikhochschule vor. In diese Familienidylle bricht ein Fremder ein, Valentin, wandernder Geselle. Drei Wochen soll er bleiben und auf der Baustelle helfen. Während dieser Zeit allerdings kommen er und Maria sich näher.

"Verlorene", wie im Titel des Filmes, sind vor allem die Zuschauer – zumindest die, denen der schwäbische Dialekt nicht vertraut ist. Doch im Verlauf des Filmes hört man sich ein, und nach und nach offenbart sich, dass unter der perfekten Oberfläche der Film-Familie etwas nicht in Ordnung ist, dass einige der Figuren ein dunkles Geheimnis mit sich tragen. Und die Kirche, die Musik und ganz konkret die Orgel – in die man hineinsteigen kann – werden zu Orten der Zuflucht.

Filmausschnitt: Maria und Valentin steigen ins Innere der Orgel


Orgelwerke von Bach als Filmmusik

Komponist Gregor Schwellenbach sollte ursprünglich die Filmmusik für "Verlorene" schreiben. Stattdessen haben er und Regisseur Felix Hassenfratz sich dann aber entschieden, die Orgelwerke von Johann Sebastian Bach für sich stehen zu lassen.

Eingespielt hat die Musik die Organistin Daria Burlak, deren Hände auch im Film zu sehen sind, aufgenommen an den Drehorten. So klingt die Musik von Bach im Film nie wie ein Fremdkörper, sie fügt sich perfekt in die Szenen ein und wird zu einer Oase, umgeben von Schweigen.

Filmausschnitt: Maria spielt die Kirchenorgel


Der Inbegriff dieser musikalischen Oase ist eine sehr schön inszenierte Szene in der Mitte des Films, mit dem Taizé-Lied "Bleibet hier und wachet mit mir". In der Kirche singt die Gemeinde und jedes der Mitglieder schreitet zur Protagonistin Maria, um eine Kerze zu entzünden.

Unprätentiöse Familiengeschichte wird zu beklemmendem Drama

"Verlorene", eine Koproduktion des SWR, ist ein kleiner Film; ein Kammerspiel mit sechs Sprechrollen und nur einer Handvoll Schauplätzen, wie einer Kirche, dem Haus der Familie und einem Waldstück. Vielleicht ist deshalb Bachs Orgelmusik eine so perfekte musikalische Ergänzung: Im eng abgesteckten Rahmen entfaltet Regisseur Hassenfratz viel Kreativität; mit seinen Darstellern, allen voran Maria Dragus als ältere Schwester, schafft er ein beklemmendes Drama, das als unprätentiöse Familiengeschichte beginnt, bevor es dem Zuschauer einen gezielten und gänzlich unerwarteten Fausthieb in die Magengrube verpasst.

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Kinostart 17.1.

Verlorene von Felix Hassenfratz

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Auf dem heimischen Hof ist die 18-Jährige Maria (Maria Dragus, rechts) nach dem Tod der Mutter verantwortlich für Hannah (Anna Bachmann). Ihre jüngere Schwester rebelliert und plant den Ausbruch aus dem Dorf.

Auf dem heimischen Hof ist die 18-Jährige Maria (Maria Dragus, rechts) nach dem Tod der Mutter verantwortlich für Hannah (Anna Bachmann). Ihre jüngere Schwester rebelliert und plant den Ausbruch aus dem Dorf.

Maria fühlt sich nur frei, wenn sie Orgel spielt.

Verantwortlich fühlt sich Maria auch für Johann (Clemens Schick), ihren Vater.

Nach dem frühen Tod der Mutter leben die beiden ungleichen Schwestern alleine mit ihrem Vater in der süddeutschen Provinz.

Stoisch erfüllt Maria die Erwartungen der Anderen: Als Beschützerin, Schwester und vom Vater geliebte Tochter.

Alles ändert sich, als Valentin (Enno Trebs, rechts), ein junger Zimmermann auf der Walz, im Betrieb des Vaters Anstellung findet.

Maria verliebt sich. Zum ersten Mal, gegen alle Vernunft. Valentin erwidert Marias heimliche Zuneigung.

Doch je näher er ihr kommt, umso mehr zieht sie sich zurück.

Maria versucht mit aller Kraft, ein sorgsam gehütetes Familiengeheimnis zu bewahren.

Als Hannah der Wahrheit auf die Spur kommt, drängt sie die Schwester zur Flucht vor dem übergriffigen Vater.

Hannah beschließt, ihre Schwester Maria (Maria Dragus) zu retten. Wenn es sein muss, auch gegen Marias Willen.

Es fehlt ein Hauch an Leichtigkeit

Das deutsche Kino tut sich generell eher schwer damit, Drama mit Humor zu mischen, und bei einer abgründigen Familienthematik wie bei "Verlorene" wären Lacher auch tatsächlich größtenteils fehl am Platz. Trotzdem hätte der Film am Anfang einen Hauch mehr Leichtigkeit vertragen, um dem Zuschauer die Figuren und ihre enge Welt näher zu bringen und damit eine größere Fallhöhe zu schaffen, vor allem aber als dramaturgischer Farbtupfer.

Allerdings ist das nur eine Schwäche des ersten Akts, denn sobald der Film den Blick unter die Oberfläche erlaubt, wird "Verlorene" zu einem packenden Drama. Einem Drama um Selbstaufopferung, Scham, Zuflucht und die provokante Frage an die Zuschauer, wie sie sich in der Situation der beiden Schwestern verhalten würden. Bachs Orgelmusik ist ein fast schmerzhaft schöner Kontrast zur bedrückenden Stille. "Verlorene" ist ein Film, der sensibel mit einem heiklen Thema umgeht und seine Geschichte mit Bravour zu einem stillen, poetischen Ende bringt.

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Im Programm

darin bis 8.30 Uhr:
u. a. Pressestimmen, Kulturmedienschau und Kulturgespräch

Musikliste:

Pablo de Sarasate:
Romanza andaluza für Violine und Orchester
Gil Shaham (Violine)
Orpheus Chamber Orchestra
Georg Friedrich Händel:
4. Satz Allegro aus der Sonate für Blockflöte und
Basso continuo a-Moll HWV 362
Genevieve Lacey (Blockflöte)
Daniel Yeadon (Violoncello)
Neal Peres da Costa (Cembalo)
Robert Schumann:
2. Satz Scherzo aus der Sinfonie Nr. 3 Es-Dur
Gewandhausorchester
Leitung: Riccardo Chailly
Joseph Haydn:
2. Satz Scherzando aus der Klaviersonate cis-Moll Hob. XVI:36
Leif Ove Andsnes (Klavier)
Carl Philipp Emanuel Bach:
3. Satz Allegro aus der Sinfonie E-Dur Wq 182 Nr. 6
Capella Istropolitana
Leitung: Christian Benda
Fritz Kreisler:
The Londonderry Air, Volksweise aus Irland für Violine und Klavier
Nigel Kennedy (Violine)
John Lenehan (Klavier)
Ludwig van Beethoven:
1. Satz aus der Klaviersonate d-Moll op. 31 Nr. 2 "Der Sturm",
Jazzversion von Dieter Ilg
Dieter Ilg (Bass)
Rainer Böhm (Klavier)
Patrice Heral (Percussion)
François Couperin:
2. Satz aus dem Konzert Nr. 9 E-Dur "Ritratto dell'amore"
Les Talens Lyriques
Leitung: Christophe Rousset
Wolfgang Amadeus Mozart:
3. Satz Presto aus dem Divertimento für Streicher D-Dur KV 136
Camerata Salzburg
Leitung: Sándor Végh
Renaud García-Fons:
Nove alla turca
Renaud García-Fons (Kontrabass)
Claire Antonini (Laute)
Johann David Heinichen:
4. Satz aus dem Concerto grosso F-Dur Seibel 234
Musica Antiqua Köln
Leitung: Reinhard Goebel
Frédéric Chopin:
Mazurka fis-Moll op. 59 Nr. 3
Maria João Pires (Klavier)
Joshua Redman:
How we do
Joshua Redman Quartet
Felix Mendelssohn Bartholdy:
"Ein Tanz von Rüpeln" aus der Schauspielmusik zu
"Ein Sommernachtstraum" op. 61
Chamber Orchestra of Europe
Leitung: Nikolaus Harnoncourt
Carlo Tessarini:
1. Satz aus der Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 20 Nr. 1
Musica Petropolitana
Domenico Scarlatti:
Klaviersonate G-Dur K 13
Glenn Gould (Klavier)
Waldyr de Azevedo:
Brasileirinho
Yo-Yo Ma (Violoncello) und Ensemble

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