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Elfi Vomberg: Wagner-Vereine und Wagnerianer heute

Der Ausdruck „Wagnerianer“ wird im heutigen Sprachgebrauch eher abwertend verwendet. Elfi Vomberg hat sich an der Universität Bayreuth diesem Phänomen gestellt und untersuchte vier Jahre lang unter anderem das Bild der brennenden Wagner-Verehrer

Buch-Cover: Elfi Vomberg: Wagner-Vereine und Wagnerianer heute

Buch

Elfi Vomberg

Wagner-Vereine und Wagnerianer heute

Verlag:
Königshausen & Neumann
Preis:
39.80 €
Bestellnummer:
ISBN: 978-3-8260-6504-0

„Adolf Hitler, Donald Duck und Thomas Mann - was diese drei Figuren vereint, ist ihre Liebe zu Richard Wagner. In ihrer Verehrung für das Werk des Künstlers gelten sie sogar als Wagnerianer. Über Jahrhunderte und mit Donald Duck sogar über die Realitätsgrenzen hinweg, bietet diese Vokabel ein Zuordnungsmoment für ihre Träger, das ihnen eine Positionierung ermöglicht.“

...und die meisten dieser Wagner-Anhänger wollen unter sich bleiben. Deswegen gibt es eine große Anzahl an verschiedenen Vereinen um den Komponisten, der ursprünglichste unter allen ist aber der „Richard-Wagner-Verband International“ mit Sitz in Bayreuth. Elfi Vomberg hat für ihre Publikation den Verein und seine Mitglieder in vier Ländern untersucht, um sich - grob gesagt - zwei Fragen zu stellen: Wer ist denn heute überhaupt noch Mitglied in einem Wagner-Verein? Und: Was macht so einen Wagnerianer überhaupt aus?

Streben nach Höherem

Die Studie war groß angelegt: Im Wagner-Jahr 2013 begonnen, befragte Vomberg über 500 Vereinsmitglieder des Richard-Wagner-Verbandes International aus Deutschland, Japan, Neuseeland und den USA. Der Fragebogen ist im Buch mitabgedruckt: 26 Fragen beispielsweise über die Gründe der Vereinsmitgliedschaft, wie viele verschiedene Wagner-Aufnahmen ein Mitglied besitzt oder wie oft die Bayreuther Festspiele besucht wurden. Vomberg führte auch mit vielen Mitgliedern persönliche Gespräche über den Wagner-Kult und kommt unter anderem zu dem Schluss, dass Vereinsmitglieder mit ihrer Verehrung oftmals nach etwas Höherem streben, als nach einem gewöhnlichen Opernerlebnis:

"Die Studie kann unter den Vereinsmitgliedern einen so stark ausgeprägten Personenkult nachweisen, dass offensichtlich der Glaube an eine Art von Erbcharisma und die Bemühungen um Kontakt zur „Königsfamilie“ am Grünen Hügel mit der Hoffnung auf eine vorteilhafte Entwicklung der eigenen Persönlichkeit verbunden ist. In dieser Bewunderung verehren viele Mitglieder in besonderer Weise die Nachfahren, beispielsweise durch Fotos der Familie Wagner im Wohnzimmer, womit sie sich in der Öffentlichkeit als fanatische Anhänger darstellen."

Wagner hören als gesellschaftliche Revolte

Die Wandlung der eigenen Persönlichkeit durch Wagners musikalisches und fleischliches Erbe ist generell ein großes Thema in der Publikation. Ganz konkret wird das am Beispiel der Mitglieder des Wagner-Verbandes in Japan gezeigt. Denn durch die Studie wird erstmals festgehalten, dass die weniger oder mehr stark ausgeprägte Rezeption der Wagner-Opern in verschiedenen Ländern rein kulturell begründet ist. So entsteht ein komplett anderes Bild zum Beispiel bei japanischen Wagner-Anhängern, dass dem kämpferischen Komponisten sicherlich gefallen hätte: Wagner hören als gesellschaftliche Revolte.

"Zu den höchsten Tugenden gehört es, Gefühle zu verbergen, da sonst ein Ansehensverlust droht, der ebenfalls die Person, die Zeuge des Gefühlsausbruchs wird, in ihrem Ansehen in Mitleidenschaft zieht. Die Vereinsmitglieder setzen sich mit ihrem Hobby also stark von den gesellschaftlich geltenden Konventionen ab, indem sie sich zu Wagners als hochemotional geltender Musik bekennen und riskieren letztlich sogar einen Ansehensverlust. Daher schwingt bei einigen Befragten Mitgliedern die Sorge mit, dass durch ihr Bekenntnis zu Wagner die eigene Persönlichkeit in der Gesellschaft als aufdringlich und expressiv wahrgenommen wird."

Die Familie Wagner und der Nationalsozialismus

Ein Thema kann bei einer aus Deutschland stammenden Arbeit über Richard Wagner nicht außer Acht gelassen werden und taucht gerade in dieser Publikation verständlicherweise immer wieder auf: Die Familie Wagner und der Nationalsozialismus. Dabei geht es hier nicht um die historische Aufarbeitung, sondern um den Umgang der Mitglieder des Wagner-Verbandes mit dem doch ziemlich belasteten Erben. Vomberg hat hierfür die Protokolle der Vereinssitzungen eingesehen. Dort, wo nicht immer alles schriftlich protokolliert wurde, konnte sie auf Tonbandaufnahmen zurückgreifen. Dass von Seiten der treuen Anhänger von Familie-Wagner kein Wunsch der Aufarbeitung besteht und dies nicht unbedingt ein Vorurteil sein muss, schildert sie folgendermaßen:

"Viele Mitglieder äußern bei der 78. Hauptversammlung im Mai 1997 den Wunsch, über das belastete Wagner-Erbe zu diskutieren. Ein Mitglied äußert zum Beispiel:„Ich werde angesprochen: ‚Wagner-Verbände sind ja alle Nazis.‘ Wir können die Sache nicht totschweigen oder übergehen. Wir dürfen das nicht unter den Teppich kehren!“ und erntet dafür viel Beifall. Doch das Thema wird schnell durch den Vereinsvorstand im Keim erstickt, mit dem Hinweis auf den strikten Tagesplan und das bevorstehende Mittagessen."

Gut gesammelte Fakten mit einer Portion Leichtigkeit

Das Buch „Wagner-Vereine und Wagnerianer heute“ ist sicherlich eine wissenschaftliche Publikation, doch die gut gesammelten Fakten könnten mit einer Portion Leichtigkeit sogar unter Wagnerianern für ein Schmunzeln sorgen. Die Unterteilung ist übersichtlich, es wird auch in das historische Phänomen des Wagnerianers eingeführt. Das gab es nämlich schon zu Lebzeiten des Komponisten. Die Auswertung der Sitzungsprotokolle der vergangenen Jahrzehnte ist ebenso neu wie die Befragungen der Mitglieder. Letztendlich ist es jedem selbst überlassen, ob diese Studie das Bild des Wagner-Verehrers bestätigt oder in ein neues Licht rückt, denn Elfi Vomberg hat vor allem Daten erhoben, ausgewertet und sie in einen größeren Zusammenhang gestellt. Und trotz aller Ernsthaftigkeit und emotionsgeladener Stimmung: ein Verein ist eben doch nur ein Verein.

Buch-Tipp vom 06.03.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

Im Programm

Salome Kammer (Sopran)
Choir of the Age of Enlightenment
Orchestra of the Age of Enlightenment
Leitung: Laurence Cummings
Luciano Berio:
Sequenza III für Frauenstimme
Henry Purcell:
"Why, why are all the Muses mute?"
"Come, ye sons of art"
(Konzert vom 8. Juni in der Nikolaikirche, Potsdam)

anschließend:
Ensemble La Centifolia
Arcangelo Corelli:
Triosonate D-Dur op. 1 Nr. 12
François Couperin:
"Les petits ages"
"Le Parnasse ou L'Apotheose de Corelli"
"L'Apothéose de Lully"
(Konzert vom 19. Juni in der Ovidgalerie, Schloss Sanssouci)

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