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Ensemble Zeitkratzer spielt Musik der Kultband Kraftwerk Ohne Scheuklappen

CD-Tipp vom 28.2.2017

CD-Cover Zeitkratzer

CD

Titel:
Zeitkratzer performs songs from the albums „Kraftwerk“ and „Kraftwerk 2“
Label:
Karlrecords KR035

Irgendwie wirkt es paradox: Ein Ensemble für zeitgenössisch-experimentelle Musik spielt im Jahr 2017 über 40 Jahre alte Aufnahmen einer Pop-Band nach: Es sind die beiden frühen Alben von Kraftwerk, die sich „Zeitkratzer“ hier vorgenommen haben. „Kraftwerk“ und „Kraftwerk 2“ von 1970 und 1972. Vor ihrem großen Durchbruch zu einer der international einflussreichsten deutschen Bands, den „Beatles der elektronischen Tanzmusik“, wie sie gerne genannt werden spielen die Düsseldorfer hier noch hauptsächlich akustisch – mit Schlagzeug, Flöte, Cello und Keyboards – Titel mit wunderbaren Namen wie „Ruckzuck“, „Klingklang“ oder „Spule 4“. Es ist Popmusik, die mit ungewöhnlichen Sounds, Improvisationen und auch in ihrer zeitlichen Ausdehnung verstörende Avantgarde ist in der damaligen Zeit der Beatmusik. Man darf annehmen, dass es genau dieser Aspekt war, den „Zeitkratzer“ an diesen frühen Kraftwerk-Aufnahmen interessiert haben. Anders als bei vielen anderen Projekten, die Reinhold Friedl für sein Ensemble initiiert hat, ist „Zeitkratzer performs Kraftwerk“ keine Neuinterpretation, kein künstlerisches Weiterdenken, sondern tatsächlich eine Transkription, also die Umarbeitung der Musik vom Bandformat in die 10-köpfige „Zeitkratzer“-Besetzung mit Holz- und Blechbläsern, Streichern, Gitarre, Drums und Klavier. „Covern“ heißt das im Pop-Jargon. Und es funktioniert gut. Eigentlich dann doch auch erwartungsgemäß. Denn die Coverband ist ein Ensemble, in dem Spitzenkräfte zugange sind: virtuose, klangsensible und experimentierfreudige Musikerinnen und Musiker wie der Klarinettist Frank Gratkowski, der Posaunist Hilary Jeffery, oder die Cellistin Elisabeth Coudoux.

„Zeitkratzer“ schaffen es, die psychodelische „Kraftwerk“-Klangwelt ins Kammermusikalische zu übersetzen, ohne dabei dem Crossover-Kitsch zu verfallen. Die Tempi spielen sie fast immer originalgetreu, den minimalistischen Groove so beiläufig wie präzise, und die geräuschhaften Elemente wie verzerrte Gitarrensounds oder Verstärkerbrummen übersetzen sie auf das akustische Instrumentarium mit erweiterten Spieltechniken wie das Bogekratzen am Cellosteg, krächzendem Überblasen der Bassklarinette oder Luftrauschen in der Posaune. Manchmal klingt das vielleicht weniger dreckig oder relaxed als bei „Kraftwerk“; oft aber eben auch vielschichtiger und interessanter – vor allem dann, wenn es an die freieren, atmosphärisch schwebenden Passagen geht.

Von den insgesamt zehn Titeln der beiden ersten „Kraftwerk“-Alben sind sechs formal, atmosphärisch und klangästhetisch eng am Original auf dem „Zeitkratzer“-Album wiederzuhören. Aber: Warum? Was genau wollen uns „Zeitkratzer“ damit sagen? Reinhold Friedl, Pianist und Kopf des Ensembles, meint dazu: Die Aufnahmen wären eine „historische Notwendigkeit gewesen“. Denn „Kraftwerk“ selbst nehmen das eigene Frühwerk nicht so ernst und hatten es auch nicht in ihr großes Reissue-Projekt mit aufgenommen. Ob das ein schlagendes Argument ist, kann man durchaus hinterfragen. So oder so – es ist ein Ansatz, über den man auch viel nachdenken kann, weil er Diskussionsräume zum Umgang mit jüngerer Musikgeschichte öffnet, zum immer noch ambivalenten Verhältnis von Hoch- zu Popkultur, zum Rollenverständnis von Interpreten zeitgenössischer Musik. Man kann nach diesem Hörerlebnis aber auch einfach mal tief Luft holen und sich freuen über dieses lässige Statement von einem ohne Scheuklappen spielenden „Zeitkratzer“-Ensemble. Oder, wie es auf der Ensemble-Homepage heißt: Zeitkratzer is serious music turned from stiff to joy!

CD-Tipp vom 28.2.2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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