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CD-Tipp Øyvind Torvund: The Exotica Album

Die Neue Musik ist eine ernste Angelegenheit. Dass man sich mit leichten und sogar kitschigen Themen befasst und sogar ein wenig liebäugelt mit seichten musikalischen Genres, ist eher die Ausnahme. Der norwegische Komponist hat aber just dies auf seiner neuen Veröffentlichung getan. Björn Gottstein stellt sein Exotica-Album vor.

CD-Cover: Øyvind Torvund: The Exotica Album

CD

Titel:
The Exotica Album
Interpret:
Bit20 Ensemble
Komponist:
Øyvind Torvund
Label:
Hubro Music
Preis:
15,32 €
Bestellnummer:
HUBROCD2580

6:01 min | Di, 9.4.2019 | 10:05 Uhr | SWR2 Treffpunkt Klassik | SWR2

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CD-Tipp

Oyvind Torvund: The Exotica Album

Björn Gottstein

„The Exotica Album“ heißt die neue Veröffentlichung des norwegischen Komponisten Oyvind Torvund, eingespielt vom Ensemble BIT20. Das Exotica-Album zeigt, dass Neue Musik nicht immer eine ernste Angelegenheit sein muss. Björn Gottstein stellt es vor.

Akustische Dekoration

Exotica – das ist ein Genre der 60er und 70er Jahre. Als die Kultur des Globalen Südens, damals sagte man noch Dritte Welt, schick wurde. Als man sich schmückte mit afrikanischen Masken oder fernöstlicher Töpferware. Als Innenarchitekten neo-primitive Paradiese im Stile der Südsee schufen, wurde dafür auch eine eigene Musik benötigt, die das entspannte Ambiente akustisch dekorierte. So schlug im Schatten des Jazz Exotica wilde Blüten.

Postkoloniales Missverständnis mit hohem Kitschanteil

Heute lächeln wir über Exotica, als postkoloniales Missverständnis mit hohem Kitschanteil. Wenn also ein norwegischer Gegenwartskomponist ein Album veröffentlicht und es The Exotica Album nennt, dann horcht man zumindest einmal auf. Erst recht, wenn einem tatsächlich Exotica-ähnliche Klänge entgegenschlagen. Denn Exotica und Neue Musik – passt das zusammen?

Tatsächlich spielt Torvund auf seinem Album mit den Klischees exotischer Paradiese, mit ozeanischen Palmen auf dem Cover und verwegene Scherenschnitte auf der Innenhülle. Und dann eben diese Sounds: das lässige Pfeifen, analoge Synthesizer-Sounds, eleganter Shaker-Rhythmen, wie in dem Stück Wind Up Paradise Birds – Paradiesvögel zum Aufziehen.

Musik, die versucht frei zu sein

Aber es sind auf dieser Platte eben nicht nur Exotica-Sounds collagiert, sondern auch viele Elemente, die wir der Neuen Musik zuordnen, wie Geräuschklänge, oder Jazz-artige Fanfaren. Vor allem aber stehen sich die einzelnen Elemente oft nackt und krude gegenüber. Torvund gibt mit dem Exotica-Album die Antwort auf eine Frage, die sich der Neuen Musik seit Jahren stellt. Denn früher einmal ist Neue Musik eine utopische Musik gewesen ist: Eine freie Musik, die keine Regeln kannte, sich stets neu erfand und Vorbote einer besseren Welt sein sollte. Heute ist daraus manchmal ein regelrechter Stil geworden, mit einem bestimmten Sound, einem eigenen Habitus, den man erlernt, wie Barock, Bebop oder Heavymetal. Exotica also ist Torvunds Antwort auf dieses Dilemma. Es ist Musik, die versucht frei zu sein, die keine Grenzen kennt. Eine Welt, in der der ganze Reichtum von Klang und Musik zueinander findet. Bisweilen geht es dabei auch unwirtlich zu, in brutalen Geräuschkaskaden, oder in wilden Freejazz-Exkursionen.

Irgendwo zwischen Neuer Musik, Jazz und Easy Listening

Eingespielt hat Exotica das norwegische Ensemble Bit20, das, wie Torvund auch, in Bergen zuhause ist und sich als Sinfonietta für Neue Musik einen Namen gemacht hat. Hier zeigt es sich von seiner experimentier- und spielfreudigen Seite, das viele verschiedene Töne anzuschlagen versteht. Außerdem sind die Aufnahmen ausgesprochen dynamisch produziert, wie eine opulente Popplatte, was dem Exotica-Ambiente wiederum entgegen kommt. Das Exotica-Album ist irgendwo zwischen Neuer Musik, Jazz und Easy Listening. Die Unwahrscheinlichkeit dieser Kombination macht die Platte zu einem echten Ereignis.

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