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Lawrence Foster dirigiert Verdi Vollkommene Hingabe aller Beteiligten

CD-Tipp vom 9.1.2018

CD-Cover Verdi

CD

Titel:
Verdi | Otello
Interpret:
Nikolai Schukoff | Melody Moore | Leser Lynch | Gulbenkian Chorus and Orchestra | Lawrence Foster
Label:
Pentatone PTC 5186 562

Sorgfältig agierender Dirigent
Eine Studio-Aufnahme von Giuseppe Verdis später Oper „Otello“ ohne die üblichen, im Klassikbetrieb kursierenden Namen von Starsängern und Stardirigenten lässt auf ein hohes Risikobewusstsein schließen. Das Label Pentatone ist dieses eingegangen. Unter der Leitung des sorgfältig agierenden Dirigenten Lawrence Foster, der sich vor allem mit nahezu in Vergessenheit geratenen Meisterwerken etwa von George Enescu einen Namen gemacht hat, singt der Tenor Nikolai Schukoff die Titelpartie. Melody Moore ist die engelsgleiche Desdemona, Lester Lynch gibt in der Partie des Jago den Nihilisten des Bösen. Ergänzt werden sie durch den Chor und das Orchester der Lissaboner Gulbenkian Stiftung. Und gleich vorneweg gesagt: Sie machen ihre Sache gut, sogar außerordentlich gut.

Homogener Vokalsatz in den Ensemblepartien
Die Kippstelle der Titelpartie ist gleich Otellos erster Auftritt, das berühmt-berüchtigte „Esultate“ nach der apokalyptischen Sturmmusik, das jeden Tenor schon am Beginn der Oper mit seinen stimmlichen Möglichkeiten und Grenzen konfrontiert. Der österreichische Tenor Nikolai Schukoff verfügt über jene Stimmgewalt, die es dafür braucht. Sicher in der hellen Höhe, mit einem Fundament in der Tiefe, dem man die Herkunft als Bariton anhört. In seiner Gestaltung verzichtet er wohltuend auf das für diese Rolle notorisch üblich gewordene Augenrollen, Gebrüll, Stöhnen und Ächzen. Gesanglich scheint hier noch einmal etwas von der Belcanto-Tradition des italienischen Melodrams durch, das diese Heldenpartie eigentlich hinter sich gelassen hat. Melody Moore als Desdemona, Lester Lynch als Jago und auch die übrigen Sängerinnen und Sänger der kleineren Partien fügen sich in dieses Konzept ein. In den Ensemblepartien, wie dem Quartett des zweiten Aktes, wird dadurch das für dieses Werk so wichtige Concertare klar als homogener Vokalsatz herausgestellt.

Exzellenter Chor, hervorragendes Orchester
Zu den Solisten kommt der exzellente Gulbenkian-Chor hinzu. Es wird sich schwer eine Aufnahme des „Otello“ finden lassen mit einem derart klangschön und deutlich artikulierenden Chor. Sein Pendant hat der Chor im hervorragenden Gulbenkian-Orchester. Der Dirigent Lawrence Foster wählt zwar weitestgehend breite Tempi, aber deren Proportionen untereinander sind den Partituranweisungen vollkommen entsprechend ausgeführt. Wichtiger aber: das Klangbild ist das für Verdi eigentlich unabdingbare dunkle, geradezu trockene Timbre. Hier gibt es in dieser dunklen Tragödie keine teutonischen Orchesterkeulen und auch keinen Glanz der Oberfläche.

Eine der gelungensten Otello-Einspielungen
Alles in allem ist dies eine der gelungensten Einspielungen von Verdis “Otello” nach Arturo Toscaninis und Riccardo Mutis Live-Aufnahmen aus den Jahren 1947 und 2011 und der 1977 entstandenen Studioproduktion unter Georg Solti. Den Namen mag das Glänzen der Stars vielleicht fehlen. Die vollkommene Hingabe aller Beteiligten an Verdis Meisterwerk hingegen wiegt jede wohlklingend anpreisende, aber misstrauisch machende Marketingstrategie der großen Labels auf. Der Mut von Pentatone zu dieser Studio-Surround-Aufnahme umso bewundernswerter.

CD-Tipp vom 9.1.2018 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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