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Thomas Pietsch spielt Fantasien für Violine solo von Georg Philipp Telemann Unbedingt hörenswert

CD-Tipp vom 29.9.2017

CD-Cover Telemann

CD

Titel:
Georg Philipp Telemann | 12 Fantasien für Violine solo | Thomas Pietsch
Label:
Es-Dur ES 2071

Von Anfang bis Ende packende CD
Die wirklich erstaunliche, von Anfang bis Ende packende CD von Thomas Pietsch versammelt alle zwölf Fantasien für Solovioline von Georg Philipp Telemann, die der Komponist 1735 in Hamburg herausgebracht hat. Als „Vorstufen” zu den Sonaten und Partiten von Johann Sebastian Bach hat man diese Stücke im 20. Jahrhundert bezeichnet, schreibt Pietsch in seinem Begleittext, nicht ohne den Unsinn bloßzustellen, der in dieser Herabwürdigung liegt. Denn Bachs Werke für Solovioline waren zu diesem Zeitpunkt längst komponiert, Bach und Telemann schätzten einander zudem wechselseitig so sehr, dass keiner den andern als „Vorstufe” zu sich selbst betrachtet hätte. Das Gesamtwerk Bachs ist durch das 19. Jahrhundert derart monumentalisiert worden, dass man schnell vergisst, in welch reichem Umfeld es entstand. Die Musik Telemanns, des Taufpaten von Bachs zweitem Sohn, gehört dazu. Fantasien – nicht Suiten oder Sonaten – hat er seinen Zyklus genannt, um die Freiheit der Form zu betonen.

Feuriges Temperament und deklamatorische Freiheit
Polyphones Denken findet sich hier genauso wie Anklänge an Tanzsätze und die Imitation eines Konzerts wie etwa im zweiten Satz der Fantasie für Violine solo B-Dur, wo ein vorgetäuschtes Orchestertutti in vollen Akkorden wechselt mit typisch solistischem Passagenwerk. „Diese Musik ist aus der Geste, aus der Figur, aus der Andeutung geboren und entzieht sich dadurch einer aus Etüden erlernten Handhabung von Bogen und Geige”, betont Pietsch in seinem Vorwort. Und er selbst spielt auch mit feurigem Temperament und deklamatorischer Freiheit. Sein scharf zeichnender Bogenstrich und der Nachhall der Kirche Aumühle gehen dabei eine glückliche Symbiose ein: Lineare Deutlichkeit und mehrstimmige Fülle kommen hier zusammen. Hört man sich zum Beispiel die Fantasie in f-Moll mit ihrem vergrübelten und am Ende ungebremsten Pathos an, so fragt man sich allen Ernstes, wie frühere Zeiten dem vermeintlichen Vielschreiber Telemann die „Tiefe” absprechen konnten. – Eine unbedingt hörenswerte CD mit Musik eines verkannten Großen, der vor 250 Jahren starb.

CD-Tipp vom 29.9.2017 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs”

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