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Gregor Hübner spielt Gregor Hübner Explosivität und Improvisationsfreude

CD-Tipp vom 5.6.2015

CD-Cover Sirius Quartet

CD

Titel:
SIRIUS QUARTET: COLORS OF THE EAST
Label:
Autentico Music 612524232067 (Naxos)

„Virtuose, Rock-infiltrierte, Jazz-basierte, klassisch gedachte und polyglotte Musik“ – so beschreibt ein US-Musikmagazin die Platte des New Yorker Sirius Quartet. Zu hören sind da Kammermusikwerke von Gregor Hübner – der ist der Primarius beim Sirius Quartet; vor 25 Jahren war Gregor Hübner Student für klassische Violine und Jazz in Stuttgart und in Wien und im süddeutschen Raum kein Unbekannter, weil er mit der wunderbaren Musikcomedy-Truppe Tango Five über die Bühnen gezogen und schon da als außergewöhnlicher Geiger aufgefallen ist. Dann aber ist Gregor Hübner abtrünnig geworden oder auch mutig – jedenfalls ist er nach New York gezogen und Teil der dortigen Jazz- und Neue Musik-Szene geworden, die – das Klischee stimmt nun mal auch heute noch – ein Schmelztiegel der allerverschiedensten Einflüsse ist.

Die amerikanische Art, mit Musik der Gegenwart umzugehen, ist uns hier in Europa, erst recht in Deutschland, nach eher wie vor fremd, in den USA sind strenge Grenzposten zwischen den verschiedenen Genres und Nationalstilen eher nicht von Interesse, und es besteht auch nicht dieser bei uns so virulente unbedingte Kategorisierungswille – deshalb holt sich dort drüben auch keiner einen Krampf beim Versuch, den Stil des Sirius Quartets zu erklären. Die vier in allen Arten von moderner Musik gewieften Herren unterschiedlichen Alters und ganz unterschiedlicher Herkunft spielen einfach Musik, die zu ihnen passt, und das ist vor allem live ein echtes Erlebnis.

„Sie mischen die Präzision Klassischer Musik mit der Energie einer Rockband“, heißt es in einer Selbstbeschreibung, und das bedeutet, dass sie hierzulande schon mal ziemlich sicher nicht Zutritt zum gehobenen Wanderzirkus der arrivierten Abonnementskonzert-Streichquartette kriegen werden. Nun wollen die vier Sirius-Männer da vielleicht auch gar nicht hin, aber man muss schon sagen, ein bisschen von der Explosivität und Improvisationsfreude, die diese Truppe mitbringen, täte hiesigen Konzertprogrammen eigentlich mal ganz gut.

Was also ist das für eine Musik? – Na ja, Gregor Hübner mag im beschaulichen Oberschwaben geboren sein und mit der Musik-Comedy-Truppe Tango Five die deutsche Kleinkunst-Szene bereichert haben, aber er lebt eben nun auch schon seit 20 Jahren in New York und ist Teil des dortigen Musiklebens Jazz und anderes, was ihm eine relativ undeutsche Offenheit beschert hat gegenüber den verschiedensten Musikern und ihrer Art, Musik zu machen.

Er hat mit Charlie Mariano, Richie Beirach und Uri Caine gespielt und tritt regelmäßig in New Yorker Clubs auf, er kennt so ziemlich jede Ecke des Jazz, er ist einer der besten Latin-Geiger überhaupt, seine „El Violin Latino“-Platten sind spannende Expeditionen, aber die klassische Musik lässt ihn, den klassisch ausgebildeten Geiger, eben auch nie so ganz los; immer wieder kreist er um Vorbilder und Lieblingskomponisten wie Frederico Mompou, Béla Bartók oder auch Claudio Monteverdi.

In „Colors of the East“, einer dreisätzigen Streichquartett-Suite, hat er sich der Musik vom Balkan angenähert, eine andere Sammlung auf der CD heißt „New York Suite“ und ist eine Folge von Momentaufnahmen aus New York – in den USA hat man weniger Berührungsängste mit bildhafter Musik, und so könnte man diese „New York Suite“ auch betrachten als eine Serie von künstlerischen Instagram-Schnappschüssen, die es auf geheimnisvolle Weise fertigbringen, die Aura verschiedener New York-Orte einzufangen, den Sommer in den stickigen Schächten der U-Bahn, die 125. Straße, die seltsame Ruhe am Ground Zero oder das immer noch ein bisschen hektischere Geflimmere am Time Square. Neue Genre sprengende und aus der ganzen Welt sich inspirierende Musik für Streichquartett und Streichquintett von Gregor Hübner gibt es zu entdecken auf „Colors of the East“, spannende Kammermusik, rhythmusbetont und widerborstig und eingängig zugleich – amerikanisch im besten Sinn eben. Minuspunkte gibt’s allerdings auch, und zwar ein paar ganz dicke fürs fehlende Booklet, das bei solchen ganz neu entstandenen Stücken ja bitteschön noch dringlicher nötig wäre, als bei allseits bekannten Stücken. Ja, ich weiß, dass es da irgendwo vielleicht einen Facebook-Link gibt. Nein, ich will trotzdem ein Booklet, bitteschön.

CD-Tipp vom 5.6.2015 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

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