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Anna Prohaska singt barocke Opernarien Großartig

CD-Tipp vom 1.7.2016

CD-Cover Prohaska

CD

Titel:
SERPENT & FIRE
Interpret:
ANNA PROHASKA | IL GIARDINO ARMONICO
Dirigent:
GIOVANNI ANTONINI
Label:
ALPHA CLASSICS 250

Die neue CD der Sopranistin Anna Prohaska ein Themen-Album mit barocken Opernarien. Es geht um die Psyche zweier Königinnen: Dido, Königin von Karthago, und Cleopatra, Königin von Ägypten. Beides starke, machtvolle Herrscherinnen, aber im Herzen sind sie so verletzlich wie alle anderen Menschen auch. Sie lieben die falschen Männer, durchleiden höllische Qualen und töten sich schließlich selbst. Cleopatra mit Schlangengift, Dido stürzt sich in die Flammen. Die Momente vor dem Tod, der Hader mit dem Leben, die Wut und Verzweiflung und die ungeheure Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Macht und emotionaler Ohnmacht, das hat viele Komponisten an diesen Frauenfiguren interessiert – zum Beispiel Christoph Graupner in seiner Oper „Dido, Königin von Karthago“. Seine Dido fühlt sich wie ein Schiff auf stürmischer See. Großartig, mit welcher Intensität und gleichzeitig Mühelosigkeit Anna Prohaska das Koloraturengewitter dieser Arie abfackelt.

Solche Ketten von Koloraturen sind in der Oper der Barockzeit immer ein Ausdruck von Stärke – schließlich steht hier eine mächtige Königin auf der Bühne. Aber ihre Liebe zu Aeneas und ihr Verlassensein machen Dido verletzlich; und die Verletzlichkeit übersetzt Anna Prohaska in Musik, indem sie eben nicht schnurgerade im Takt singt, sondern gezielt winzige Temposchwankungen einbaut, immer mal wieder ein kleines bisschen verzögert und dann aber auf den nächsten Schlag wieder perfekt pünktlich ist. Und dann die Verzierungen: Für die Da-Capo-Arie in dieser Zeit sind sie essentiell; wenn der Anfangsteil am Schluss noch einmal auftaucht, muss sich der Sänger was einfallen lassen, wie er die geschriebenen Noten mit eigenen Ideen ausziert.

Das ist für Anna Prohaska kein Problem, weil sie sich ohnehin so frei in der Musik bewegt und sich so kompromisslos in den musikalischen Affekt reinwirft. Bei ihr hört man nicht nur schöne Töne, sondern wirklich Menschen aus Fleisch und Blut mit all ihren schillernden Seelenregungen: den verletzten Stolz und die Verzweiflung von Königin Dido oder das unterdrückte Schluchzen von Königin Cleopatra aus Georg Friedrich Händels Oper „Giulio Cesare“ in der Arie „Se pietà di me non senti“ – Wenn Du für mich kein Mitleid empfindest, gerechter Himmel, dann werde ich sterben.

Die Verzweiflungsarie der Cleopatra aus Händels Oper „Giulio Cesare“, gesungen von Anna Prohaska. Giovanni Antonini dirigierte „Il Giardino Armonico“. Ich erinnere mich noch gut an die ersten Vivaldi-CDs vom Ensemble „Il Giardino Armonico“ aus den frühen 90er Jahren; damals hat es gespielt wie eine barocke Rockband, mit starken Beats, mit Drive, Feuer und rasanten Tempi; ohne jede Rücksicht auf Klangschönheit – und manchmal war der Klang dann doch sehr ruppig. Inzwischen spielt das Orchester viel, viel differenzierter und gestaltet wirklich auch die Nuancen und die leisen Stellen, ohne gleich einen Effekt daraus zu machen. Die Energie bleibt trotzdem; ich finde, eine super Kombination, gerade auch für diese CD. Denn ihr besonderer Reiz liegt ja in den komplexen Seelenregungen dieser beiden Königinnen: Dido und Cleopatra. Anna Prohaska ist dazu auch auf den verborgenen Seitenpfaden der Musikgeschichte gewandelt und hat eine Fülle von starken Stücken versammelt, die heute praktisch unbekannt sind: Komponistennamen wie Antonio Sartorio oder Daniele da Castrovillari sind dabei oder – schon wesentlich bekannter – Johann Adolf Hasse, Francesco Cavalli und Henry Purcell, dessen sterbende Dido gehört ja zu den berührendsten Opernszenen überhaupt.

Anna Prohaska liebt solche Themenalben, die junge Sängerin hat schon mehrere CDs mit klugen, eigen-sinnigen Programmen veröffentlicht, dies ist ihre vierte Solo-CD. Man merkt einfach, dass in ihren Adern Theaterblut fließt, und dass sie auf den großen Opernbühnen der Welt zu Hause ist: an der Mailänder Scala, in Salzburg (dieses Jahr singt sie die Susanna in Mozarts Figaro), in Wien, Aix und Paris, an Covent Garden in London und seit einigen Jahren als festes Ensemblemitglied an der Berliner Staatsoper, dort ist sie der Publikumsliebling und begeistert mit ihrer Bühnenpräsenz und mit ihrer klaren, wendigen, nuancenreichen Stimme.

„Serpent & Fire“ ist eine großartige CD mit barocken Arien für zwei tragische Opernheldinnen: die antiken Königinnen Dido und Cleopatra. Zwischen den Arien sind einige Instrumentalstücke eingebaut, als eine Art wortloser Kommentar. Die CD gehört zu den besten, die ich in den letzten Monaten gehört habe.

CD-Tipp vom 1.7.2016 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

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