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Florian Glemser spielt Robert Schumann Poet am Klavier

CD-Tipp vom 24.1.2017

CD-Cover Glemser

CD

Titel:
SCHUMANN: WALDSZENEN | Kreisleriana | Gesänge der Frühe
Interpret:
FLORIAN GLEMSER
Label:
Ars Produktion ARS 38 225

Sehnsucht nach dem Ausbruch aus dem Hamsterrad – so charakterisiert Florian Glemser Robert Schumanns Zyklus „Kreisleriana“ op. 16. Und belegt mit seinem Booklettext gleichzeitig auch sein eigenes Reflektieren über diese Musik, die sich auf E. T. A. Hoffmanns getriebenen Kapellmeister Johannes Kreisler bezieht. Schumann begibt sich in einen Dialog mit dieser literarischen Figur und schreibt für sie die Musik, die sein Schöpfer Hoffmann als Komponist nie schreiben konnte. Und so lässt Glemser im ersten Stück die Musik auch förmlich „am Rad drehen“ mit ihren wilden, verzweifelten Sechzentelkaskaden, die dann von einem lyrischen Zwischenteil unterbrochen werden.

Gleich zu Beginn dieser Aufnahme von Schumanns „Kreisleriana“ erkennt man: Hier ist ein Poet am Klavier. Bei aller Virtuosität, mit der Florian Glemser diese Kompositionen meistert, ist es doch vor allem der lyrische, oft sogar in sich gekehrte Ton, der seine Interpretation zu einem Hinhörer macht. Glemser kreiert damit eine Aura, die selbst dem schon so oft gehörten „Vogel als Prophet“ aus den „Waldszenen“ einen ganz eigenen, geheimnisvollen Tonfall verleiht. Schumann hat diesem Stück die letzte Zeile aus Joseph von Eichendorffs Gedicht „Zwielicht“ vorangestellt: „Hüte dich! Sei wach und munter!“ Für Glemser ist es das Zentrum von Schumanns „Waldszenen“: Der Vogel ist Melodiensinger und Musiker, der den sprachlichen Inhalt einer Prophezeiung wiedergibt, mit rätselhafter Leichtigkeit, aber tiefer Bedeutung. Schumann ist der Vogel, der uns in die poetische Welt der Dichter entführt und uns zugleich aus ihr hinausführt.

Mit der Auswahl von Schumanns „Kreisleriana“, den „Waldszenen“ und den „Gesängen der Frühe“ für seine erste CD muss sich Florian Glemser natürlich den Vergleich mit gängigen Referenzaufnahmen wie denen von Vladimir Horowitz, Martha Argerich oder auch aus neuerer Zeit Eric le Sage gefallen lassen – den muss er aber nicht scheuen. Was Glemser besonders auszeichnet – damit ist er unter den jüngeren Interpreten aber nicht alleine – ist die intensive Auseinandersetzung mit den außermusikalischen Zusammenhängen der Musik, mit den literarischen Anspielungen und den Andeutungen zwischen den Tönen. Vielleicht ist es das Wissen um diese Hintergründe, die sein Spiel so poetisch und überlegt, aber gleichzeitig auch so leidenschaftlich und emotional wirken lassen, wie etwa in den „Gesängen der Frühe“, die sich an Diotima richten, die Hohepriesterin der Schönheit, die Friedrich Hölderlin in seinem Roman „Hyperion“ verklärt.

CD-Tipp vom 24.1.2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“