Bitte warten...

"Le Concert d’Astrée" veröffentlicht Mozarts „La finta giardiniera“ auf DVD Wunderbar stimmig

DVD-Tipp vom 16.7.2015

DVD-Cover Mozart

DVD

Titel:
MOZART: „LA FINTA GIARDINIERA“
Interpret:
ERIN MORLEY - CARLO ALLEMANO - ENEA SCALA - MARIE-ADELINE HENRY - MARIA SAVASTANO - Le Concert d'Astrée - EMMANUELLE HAÏM - Stage director: DAVID LESCOT
Label:
ERATO 25646 16645

Am Ende haben die Paare sich gefunden, es wird gelacht und gestrahlt. Man hat sich Blümchen ins Haar gesteckt, und im Hintergrund spielen zwei Gärtner Federball – an einem improvisierten Netz, das einmal als Brautkleid gedacht war. Drei Paare und der Podestà, eine Art Gemeinde-Gouverneur, der selber am Ende ohne Partnerin bleibt, singen ihr "Viva", ihre Freude, ihre Erleichterung, ihren Jubel. Große Oper, geschrieben von einem 18-Jährigen: Wolfgang Amadeus Mozart.

Karnevalsspaß für das Münchner Adelspublikum

Bis heute ist nicht ganz klar, ob es einer Hofintrige geschuldet war, dass „La Finta Giardiniera“ schnell wieder vom Spielplan verschwunden ist – fest steht, dass diese Oper, die als Karnevalsspaß für das Münchner Adels-Publikum gedacht war, nachhaltig in Vergessenheit geriet und erst in den 1970er Jahren wieder in ihrer originalen Gestalt auf die Bühne zurückkehrte. Wahrscheinlich trägt das Libretto an diesem Vergessensein eine Mitschuld, denn es enthält einige Ungereimtheiten und ist mit allein 23 Solo-Arien ein bisschen zu lang geraten. Musikalisch handelt es sich um eine "Opera buffa": komisch und heiter, aber mit durchaus seriösen Charakteren.

Eine Geschichte aus Intrigen, Eifersüchteleien und Verwicklungen

Der französische Regisseur David Lescot hat Mozarts „Finta“ 2014 für die Oper in Lille inszeniert. Die Vorgeschichte der Handlung deutet er bereits während der Ouvertüre an – nicht ganz wie im Libretto, wo die Marchese Violante durch den Dolch ihres Geliebten Belfiore schwer verletzt wird. Hier aber wird dieser vermeintliche Mordversuch nur angedeutet. War alles nur ein Spaß?

Die eigentliche Handlung setzt ein Jahr später ein: Violante hat sich beim Podestà als Gärtnerin Sandrina anstellen lassen – immer noch liebt sie Belfiore und hofft, ihn nun zu finden. Doch muss sie zunächst seine Untreue miterleben, da Belfiore sich in Arminda verliebt hat, die Nichte des Podestà, der wiederum Arminda nachstellt, während Kammermädchen Serpetta mit dem Podestà kokettiert – eine Geschichte aus Intrigen, Eifersüchteleien und Verwicklungen, die am Ende alle theatergerecht aufgelöst werden.

Poetische Inszenierung mit wenigen Mitteln

Während Doris Dörrie ihre "Finta"-Inszenierung vor einigen Jahren in ein Garten-Center verlegte und Hans Neuenfels daraus in Berlin eine zeitlose Revue-Nummern-Oper machte, arbeitet David Lescot mit nur wenigen Mitteln. Das Bühnenbild ist oft sparsam eingerichtet, eine Hecke, ein Wald, dazu sorgsam ausgewählt die Requisiten: Blumentöpfe, Schubkarre, Vogelkäfig, Sonnenblume, Federballschläger, Gießkännchen. Ebenso schlicht die Kostüme: Alle tragen weiße Gewänder, nur die Schuhe – gelbe, rote schwarze Gummistiefel – und eine knallrote Blume am Revers von Belfiore setzen subtile Farbtupfer.

Es sind viele kluge Einfälle, die diese Inszenierung zu einem wunderbar stimmigen Ganzen verbinden, zumal Lescot klug die Personen führt: Keine überbordenden Gesten, keine übertriebenes Armeschwenken, kein verlegenes Kopfschütteln oder Hin- und Herirren. Dass das Stück einige Längen hat, kann Lescot natürlich nicht überdecken – doch er erzählt die Geschichte von der Gärtnerin aus Liebe sehr dicht, mit der nötigen Komik, mit großem Einfühlungsvermögen und nicht zuletzt auch sehr poetisch.

Mit Sinn, Leben – und viel Geschmack

Was im Orchestergraben geschieht, ist herausragend: Emanuelle Haïm und Le Concert d’Astrée erfüllen alle Wünsche an ein leichtes, kontrastscharfes und zwischentonreiches Mozart-Spiel. Haïm zeigt große Verwandlungsfähigkeit, denn mal klingt diese Musik streng, mal quirlig. Das Orchester ist keine im Takt surrende Nähmaschine, sondern jederzeit flexibel und auf die dramatischen Höhepunkte genau geeicht.

Die Sänger-Riege ist fast durchweg mit jungen, schlanken, agilen Stimmen besetzt – und vor allem als Ensemble harmonieren die Solisten in den wenigen Duetten und Tutti-Stellen sehr gut miteinander. Insbesondere die weiblichen Partien sind glänzend besetzt, allen voran mit der Amerikanerin Erin Morley in der Titelpartie, die mit großer Beweglichkeit, feinen dynamischen Abstufungen und souveränen Ausschmückungen agiert. Auch Marie-Claude Chappuis hinterlässt mit ihrem ebenso höhen- wie tiefensicheren Mezzosopran als Ramiro einen nachhaltigen Eindruck, sowohl in den unbekümmerten Momenten als auch, wenn Furor und Klage aus ihr herausbrechen.

Nach der CD(!)-Referenz-Einspielung von Mozarts "Finta giardiniera" unter René Jacobs aus dem Jahr 2011 liegt nun eine Video-Produktion vor, die etliche hochkarätige Argumente für sich bereit hält. Regisseur David Lescot und Dirigentin Emanuelle Haïm füllen dieses Werk mit Sinn, mit Leben – und mit viel Geschmack.

DVD-Tipp vom 16.7.2015 aus der Sendung „SWR2 Cluster“