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William Youn spielt Mozarts Klaviersonaten Sorgfältig und überlegt

CD-Tipp vom 25.11.2016

CD-Cover Mozart

CD

Titel:
WILLIAM YOUN PLAYS MOZART SONATAS | VOL. 4
Label:
OEHMS CLASSIC OC 1856 (Naxos)

Bei den Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart konkurrieren momentan gleich zwei Interpreten um die Gunst der Hörer: der aus Südkorea stammende William Youn und der Türke Fazil Say. Anders als Kristian Bezuidenhout, der ebenfalls in diesem Jahr seine erlesene, unbedingt zu empfehlende Gesamtaufnahme der Mozartschen Klavierwerke veröffentlicht hat, greifen Youn und Say nicht auf historische Instrumente wie Cembalo und Hammerklavier zurück, sondern vertrauen dem modernen Flügel.

Hat Fazil Say zu seiner Gesamteinspielung auch die Einführungstexte geschrieben und allen Sonaten Beinamen gegeben, so hält sich William Youn mit bildhaften Kommentaren zu Mozarts Klaviersonaten zurück. Aber mit den Pointen der Form und der Harmonik sowie mit der Stilistik des Verzierens hat er sich sehr genau befasst. – Ein Beispiel: Im Finalsatz der B-Dur-Sonate KV 281 gibt es in der Mitte einen Trugschluss, wo Mozart die falsche Note im Forte präsentiert. Youn spielt das wie ein Buschgespenst, das plötzlich mit einem „Buh!” hervorspringt. Danach setzt er eine kleine Fermate der Stille. Zugleich bringt er bei den Wiederholungen wieder eigene Ornamente an und erfindet sogar eine kleine Kadenz vor der Wiederkehr des Rondo-Refrains.

Fazil Say braucht für dieses Schlussrondo von Mozarts früher B-Dur-Sonate auf die Sekunde genau die gleiche Zeit wie William Youn. Doch beim ersten Eindruck wirkt Say lebhafter, was vor allem mit einer schärferen Artikulation, einer stärkeren Vorliebe für das Staccato zu tun hat. Allerdings artikuliert Say nicht konsequent. Die Achtelbegleitung im g-Moll-Couplet, die man sich gezupft vorstellen kann wie das Pizzicato auf Streichinstrumenten, führt Say zwar im Staccato ein, entscheidet sich jedoch dann und wann, das Pedal hinzuzunehmen oder die Töne mehr zu binden. Man gewinnt den Eindruck, er spiele mehr aus der Augenblickslaune heraus als mit Überlegung. Verzierungen und eigene Kadenzen sucht man vergebens. Über die Pause des Trugschlusses spielt er, anders als Youn, eilig hinweg.

Mag Fazil Say der temperamentvollere Mozart-Spieler sein, so zeigen sich doch bei William Youn mehr Sorgfalt und Überlegung. Bei Say kommt der Witz aus der Augenblicksgeste, bei Youn aus der Form. Vermisst man bei Say die Konsequenz in den gestalterischen Überlegungen, wünscht man sich bei Youn etwas mehr Spontaneität, auch Taktfreiheit inmitten all der klugen Ausführungen.

Dass beides zusammen – Sorgfalt wie Lebendigkeit des Spiels – sich keineswegs im Wege steht, zeigt der bei Melodia erhältliche Konzertmitschnitt von Mozarts B-Dur-Sonate mit dem russischen Pianisten Emil Gilels; entstanden ist die Aufnahme am 5. Januar 1970 im großen Saal des Tschaikowsky-Konservatoriums in Moskau. Nur leider gibt es von Gilels keine Gesamtaufnahme der Sonaten. Der russische Pianist hat Mozart sehr geliebt, teilte aber keineswegs den enzyklopädischen Ehrgeiz seiner Kolleginnen und Kollegen.

CD-Tipp vom 25.11.2016 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

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