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Antonello Manacorda dirigiert Mendelssohn Bartholdys Sinfonien Nr. 3 und 5 Kontrastreiche Interpretation

CD-Tipp vom 14.6.2017

CD-Cover Mendelssohn

CD

Titel:
Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonie Nr. 3, „Schottische“ | Sinfonie Nr. 5, „Reformation“
Interpret:
Kammerakademie Potsdam | Antonello Manacorda
Label:
Sony Classical 88985433222

Ich habe mir einige neuere Aufnahmen von Mendelssohns Schottischer Sinfonie angehört, auch die letzte von Frans Brüggen und dem Orchestra of the 18th Century, doch keine andere Interpretation hat mich gleich von Anfang an so gefangen genommen wie diese Neuerscheinung mit der Kammerakademie Potsdam. 1829 war Felix Mendelssohn Bartholdy in England und Schottland unterwegs, und hier ließ er sich nicht nur zu seiner Ouvertüre „Die Hebriden“ inspirieren, sondern auch zu ersten Skizzen seiner dritten Sinfonie – ein Besuch des Holyrood Palace in Edinburgh war der Auslöser. Er schreibt: „In der tiefen Dämmerung gingen wir heute nach dem Palaste, wo Königin Maria gelebt und geliebt hat. Der Kapelle daneben fehlt nun das Dach, Gras und Efeu wachsen viel darin, und am zerbrochenen Altar wurde Maria zur Königin von Schottland gekrönt. Es ist da alles zerbrochen, morsch und der heitere Himmel scheint hinein. Ich glaube, ich habe heute da den Anfang meiner Schottischen Sinfonie gefunden.“

Meister der feinen Nunancen
Antonello Manacorda setzt bei seiner Interpretation auf feine Kontraste und entwickelt trotzdem einen voluminösen Ton, der sowohl die lyrischen als auch die wilden Brio-Passagen von Mendelssohns Schottischer Sinfonie zum Glänzen bringt. Leicht und geradezu sprühend flirrt das Scherzo um den Hörer herum und fasziniert mit akustischer Leuchtkraft. Die Kammerakademie Potsdam und ihr Dirigent Antonello Manacorda sind hier absolute Meister der feinen Nuancen.

Neben Mendelssohns Schottischer Sinfonie, die 1842 uraufgeführt wurde, findet sich auf dieser CD – passend zum Reformationsjubiläum 2017 – auch seine fünfte Sinfonie, jene „Symphonie zur Feier der Kirchen-Revolution“, wie der Komponist das Stück selbst bezeichnet hat. Bei einem Rom-Aufenthalt im Jahr 1830 hatte er sich intensiv mit den Chorälen Martin Luthers beschäftigt. Im selben Jahr standen in Berlin die Feiern zu 300 Jahre „Confessio Augustana“, dem Augsburger Bekenntnis, an, also zu drei Jahrhunderten Protestantismus. Ein willkommener Anlass für den jungen Mendelssohn, diese Reformationssinfonie zu komponieren, deren Uraufführung sich dann aber um Jahre verspätete, und die erst nach dem Tod des Komponisten überhaupt gedruckt wurde. Eigentlich entstand die (sogenannte) fünfte Sinfonie gleich nach der Ersten.

Frisch und lebendig
Die Musiker der Kammerakademie Potsdam verwenden hier übrigens Naturhörner, -trompeten und -posaunen sowie Klappentrompeten, wie sie zu Mendelssohns Zeiten üblich waren. Auch bei Mendelssohns Reformationssinfonie überzeugen Antonello Manacorda und die Kammerakademie Potsdam mit einer kontrastreichen Interpretation. Vor allem im finalen Variationensatz über den Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ erlebt man eine fulminante musikalische Steigerung, die aber niemals pathetisch wird. Eine frische und lebendige Sichtweise dieser in diesem Jahr viel strapazierten Musik, die hier beim Hören einfach Freude macht.

CD-Tipp vom 14.6.2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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