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Ein Filmporträt über Maurizio Pollini Nähe und Distanz

DVD-Tipp vom 18.02.2016

Er war noch keine zwanzig Jahre alt, als er mit einem ungewohnt feurigen Chopin-Spiel die Musikszene auf sich aufmerksam machte und in Warschau den renommierten Chopin-Wettbewerb gewann. Seither zählt Maurizio Pollini zu den weltweit am meisten anerkannten Pianisten, nicht zuletzt auch, weil er sich immer wieder für zeitgenössische Musik, vor allem für die Komponisten Luigi Nono und Pierre Boulez eingesetzt hat. Nun hat der französische Filmregisseur Bruno Monsaingeon ein einstündiges Porträt über Maurizio Pollini veröffentlicht, das um so bemerkenswerter ist, als Pollini in bisherigen Interviews selten über sich selbst erzählt hat.

DVD-Cover: Pollini - De main de maître

DVD

Titel:
Maurizio Pollini - De main de maitre
Label:
Deutsche Grammophon 04400352120
Preis:
24,99 €

Das Klavier als singendes Instrument

Am Anfang sieht man nur einen Fuß. Er wippt auf und ab und bedient das Pedal eines Flügels. Im Grunde genommen sei das Klavier ein recht neutrales Instrument. Aber es habe ein nahezu unerschöpfliches Potenzial an Klang-Möglichkeiten. So könne das Klavier zum Beispiel singen. Das Klavier als singendes Instrument – und der Pianist schlägt mit der Faust auf die Tasten. Und zu Beginn der einzelne Fuß, obwohl bei einem Pianisten doch eigentlich die Finger im Mittelpunkt stehen.

Mit Überraschungen, ja: mit Brüchen wie diesen eröffnet Bruno Monsaingeon seinen Film über Maurizio Pollini. Monsaingeon hat spätestens seit seinen Filmen über Sviatoslav Richter und Glenn Gould in der Branche den Status eines Kult-Regisseurs, dem es gelingt, dass sich sonst eher schwierige oder verschlossene Gesprächspartner ihm gegenüber öffnen. Und auch in diesem Fall dauert es keine fünf Minuten, bis Pollini über seine Kindheit spricht, obwohl er zugibt, dass es ihm immer sehr schwergefallen sei. Pollini erzählt, dass er aus einer Künstlerfamilie stammt: der Vater Architekt, der sich schon in den 1930er Jahren für eine modernen Baustil eingesetzt hat. Der Onkel war Bildhauer, die Mutter sang und spielte Klavier.

Mit zehn Jahren heimlich in einer Wagner-Oper mit Toscanini

Während Pollini von seiner Familie spricht (dem Zuschauer werden deutsche Untertitel angeboten), werden alte Fotos eingeblendet. Der oft so distanziert wirkende Pollini strahlt auf einmal so etwas wie Nähe aus. Es ist, als würde man eine Tür öffnen und in einen Raum schauen können, der lange verborgen blieb. Pollini erzählt, welche Musiker in seiner Jugend regelmäßig nach Mailand, seine Geburtsstadt, kamen: Rubinstein, Gieseking, Clara Haskil, Cortot, Benedetti-Michelangeli (bei dem er später Unterricht nahm).

Mit zehn Jahren schlich er sich heimlich in eine Wagner-Aufführung unter Arturo Toscanini: "Ich war natürlich noch nicht reif genug für diese Musik", gesteht Pollini. Damals sei er in eine Loge geschlüpft, obwohl es verboten war. Leider bleibt offen, welche der genannten Musiker den jungen Pollini besonders beeindruckt haben, wer vielleicht sein heimliches Vorbild wurde – und warum. Stattdessen sieht man den Pianisten in verschiedenen Konzert-Mitschnitten immer wieder in Aktion: als gerade international etablierter Pianist unter Karl Böhm und im fortgeschrittenen Alter an der Seite von Pierre Boulez mit dem ersten Klavierkonzert von Béla Bartók.

Entscheidender Rat von Arthur Rubinstein

Der Pianist Arthur Rubinstein

Der Pianist Arthur Rubinstein

Bruno Monsaingeon wählt über weite Strecken die klassische Gesprächsform: er fragt nach Pollinis ersten Auftritten im Kindesalter, nach der Art, wie er das Klavierspiel erlernt hat; und zwischendurch sieht man in alten schwarz-weiß-Aufnahmen, wie der junge Maurizio Pollini Chopin spielt. Plötzlich sind wir im Jahr 1960: der 18-jährige Pollini gewinnt als erster Italiener sensationell den Chopin-Wettbewerb in Warschau – und man sieht, wie der betagte Arthur Rubinstein dem Sieger gratuliert.

Rubinstein gibt Pollini einen entscheidenden Rat: "Ich spiele immer mit viel Gewicht aus Schulter und Armen, und darum werde ich nicht müde." Das sei, so Pollini, das Fundament der Technik und daher rühre Rubinsteins fantastischer Klang. Pollini kehrt als gefeierter Jung-Star nach Italien zurück und wird von der Presse direkt umlagert.

Während Pollini von sich erzählt, sitzt er, gelegentlich mit den Armen seine Worte begleitend, in seinem Arbeitszimmer und gibt den Grandseigneur mit Schlips und Kragen – er wirkt durchweg beherrscht, als wolle er nicht alles preisgeben. Dennoch ist es Bruno Monsaingeon in seinem Film gelungen, dem oft distanzierten Pollini etliche persönliche Erinnerungen und Ansichten zu entlocken – allerdings gibt sich der Mensch dahinter nicht ganz zu erkennen.

DVD-Tipp vom 18.2.2016 aus der Sendung "SWR2 Cluster"

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