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Ernst Theis dirigiert Eduard Künneke Genial unterhaltsam

CD-Tipp vom 23.6.2017

CD-Cover Künneke

CD

Titel:
Eduard Künneke | Piano concerto op. 36 | Serenade | Zigeunerweisen
Interpret:
Oliver Triendl, Klavier | Münchner Rundfunkorchester | Ernst Theis
Label:
CPO 555 015-2

Eduard Künneke wurde 1885 als Sohn eines leitenden Angestellten in der pharmazeutischen Industrie in Emmerich geboren, will heißen: Des jungen Künnekes musikalische Fantasie wurde am Niederrhein angeregt von fahrenden Drehorgelspielern und dem Schülerorchester des örtlichen Gymnasiums. Nichts gegen Emmerich an der holländischen Grenze, aber allzu viel kann dort nicht los gewesen sein für eine musikalische Wunderbegabung. Nach dem Abitur ging Künneke dann endlich in die weitere Welt: nach Berlin. Da Künneke aber schnell verdientes Geld ebenso schnell wieder ausgab, also ständig pleite war, suchte er rasche Erfolge.

Seine Operette „Der Vetter aus Dingsda“ von 1921 wurde ein Hit, aber selbst am Broadway blieb Künneke finanziell klamm, Geldangelegenheiten waren seine Sache offenbar nicht. Über die Uraufführung von Künnekes erstem Klavierkonzert ist fast nichts bekannt. Ein Erfolg kann es kaum gewesen sein. Dabei erweist sich dieses Stück auf der neuen CD als unbedingter Hinhörer. Das Finale etwa beginnt markig im Klavier, mündet in eine hinreißende Streicherkantilene, um schließlich noch ein wenig den jazzigen Rauch der Roaring Twenties zu verqualmen. Genial unterhaltsam!

Klar schrappt diese Musik mitunter haarscharf am Kitsch vorbei; wenn Jazzeinflüsse zu hören sind, dann weniger raffiniert parfümiert als zum Beispiel beim Kollegen Maurice Ravel, etwas preußischer wummernd als bei Gershwin. Nicht ganz Broadway, nicht ganz Champs-Élysées, so klang das 20. Jahrhundert unter den Linden, vor Krieg und Naziterror.

1935 entstand Künnekes Klavierkonzert in Berlin. Da war musikalisch eine deutschtümelnde Verspannung längst überlebenswichtig. Künneke war 1933 Mitglied der NSDAP geworden, wurde aber 1934 bereits hinausgeworfen, weil er sich weigerte, sich von seiner im zynischen Nazi-Jargon sogenannt „halbjüdischen“ Frau zu trennen. Nur mit Sondergenehmigung durfte Künneke weiterhin komponieren, schließlich konnte man seine unverhohlen schmissige Musik gut zu Propagandazwecken einsetzen. Es wundert nicht, dass das Klavierkonzert, teilweise im Jazz-Idiom des schwarzen Amerika, in Nazi-Deutschland in der totalen Versenkung verschwand.

Die wunderbar musizierte CD erinnert an die vergessene Musik des Mannes, der immer nur mit dem „Vetter aus Dingsda“ in Verbindung gebracht wird – für mich ein echter Ohröffner.

CD-Tipp vom 23.6.2017 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

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