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Eine Aufnahme aus dem Auditorium La Seine Musicale Haydns "Schöpfung" unter der Regie von Carlus Padrissa

DVD-Tipp vom 22.11.2018

DVD-Cover: Joseph Haydn - Die Schöpfung

DVD

Titel:
Joseph Haydn: Die Schöpfung
Interpret:
Mari Eriksmoen, Daniel Schmutzhard, Martin Mitterrutzner, Accentus, Insula Orchestra
Dirigent:
Laurence Equilbey, Marc Korovitch
Label:
Naxos
Preis:
19,99 €
Bestellnummer:
EAN: 74731355815

Carlus Padrissa: „Am Anfang sollte es auf der Bühne so dunkel wie möglich sein. Nichts passiert. Dadurch erreichen wir, dass das Publikum nur übers Hören in das Stück hineingezogen wird. Wir versuchen die Bibel zu verbinden mit aktuellen Forschungsergebnissen. Wir stützen uns dabei auch auf die philosophische Idee des Humanismus, denn alle Menschen haben eine DNA.“

Schöpfungsgeschichte einschließlich DNA

Das ist für Regisseur Carlus Padrissa also der Inszenierungsansatz zu Joseph Haydns religiösem Werk „Die Schöpfung“. Da stellt sich schnell die Frage, was Begriffe wie DNA und Humanismus mit der biblischen Schöpfungsgeschichte zu tun haben. Aber genau das macht die Aufführung im Pariser Konzertsaal La Seine Musicale und die daraus entstandene DVD so spannend. Alles beginnt mit einem gigantischen Urknall. Und danach ist die menschliche DNA allgegenwärtig. Sie wird dargestellt in ihrer Form der Doppelhelix durch 36 gigantische, weiße Heliumballons, die vom Chor in zwei Reihen formiert werden. Die „reguläre“ Schöpfungsgeschichte wird dazu parallel gezeigt – mit Tieren, Gräsern und echtem Wasser auf der Bühne. Allerdings mit einer kleinen Änderung: Die menschliche Erbsünde ist in der siebentägigen Schöpfung noch nicht enthalten, für Carlus Padrissa aber ein wichtiger Aspekt des irdischen Lebens. Deswegen rückt er eben dieses Leiden der Menschheit in den Vordergrund seiner Inszenierung. Im DVD-Booklet erläutert er dies so:

Carlus Padrissa: „Während innerhalb von sieben Tagen die Welt erschaffen wird, fliehen in derselben Zeit die Asylsuchenden aus dem Chaos, laufen durch Unwetter, navigieren in unsicheren Booten über das Meer, ruhen sich in den Aufnahmelagern aus und werden endlich, am siebten Tag, in den Gemächern von Adam und Eva aufgenommen. Während ihres Exodus werden sie von drei Wesen geleitet, die im Libretto eine Rolle spielen: Raphael, dem Geist des Wassers und der Gesundheit; Uriel, dem Geist des Lichts und des Wandels; Gabriel, dem Geist der Luft und der Kommunikation.“

Arien und Rezitative halb unter Wasser

Herzstück der Inszenierung ist ein 9 Meter hoher, selbstgebauter Industriekran. Er zieht die drei Gesangssolisten in die Höhe, also in den Himmel. Und da es ja um die Schöpfung geht, dient als Gegenstück zum luftigen Kran ein gläsernes Wasserbecken, sozusagen als irdisches Fundament. Es ist so groß, dass zwei Sänger darin Platz haben. Und das wird auch kräftig genutzt. Bariton Daniel Schmutzhard als Wassergeist Raphael singt einen großen Teil seiner Arien und Rezitative halb unter Wasser. Gemeinsam mit seiner Kollegin, der Sopranistin Mari Eriksmoen, gibt es einen regelrechten Tanz im Tauchgang. Dabei sind Licht und Kostüm so aufeinander abgestimmt, dass sich der Wasserkubus optisch in ein Reagenzglas verwandelt, in dessen Inneren das Leben entsteht. Adam und Eva werden nach ihrem Tanz unter Wasser vom Kran in die Luft gezogen um dort nass tropfend ihr Duett singen:

Enormer szenischer und technischer Aufwand

Welche spielerische Höchstleistung das gesamte Ensemble bei dieser Inszenierung gibt, wird erst so richtig im Bonusmaterial deutlich. In einer knapp 30-minütigen Dokumentation wird der enorme szenische und technische Aufwand dieser Produktion festgehalten. So bekommt man zum Beispiel den Tenor Martin Mitterrutzner hautnah bei der ersten szenischen Bühnenprobe mit oder begleitet Dirigentin Laurence Equilbey bei den musikalischen Proben mit ihrem Chor accentus. Das sind lohnenswerte Einblicke in den Theaterbetrieb. Sie erklären die unglaubliche musikalische Leichtigkeit des Ensembles.

Dirigentin bei Chorprobe: „Die geistliche Musik dieser Epoche gefällt mir am besten, wenn sie viel jugendliche Frische hat. Ein bisschen wie Carlus: immer gut gelaunt und frisch. Das ist die Grundstimmung des Stücks. Natürlich gibt es auch einige poetische und gewichtige Momente. Aber die Fugen müssen frisch klingen.“

Dreidimensionale Videoprojektionen und ausgeklügelte Lichteffekte

Besonders in den großen Chorszenen wirkt das surreale Konzept von Carlus Padrissa so plastisch, dass sogar der Theaterkenner im wahrsten Sinne des Wortes hinters Licht geführt wird: Die Zuschauer werden eingebettet in die Inszenierung durch dreidimensionale Videoprojektionen und ausgeklügelte Lichteffekte, die von der Bühne in den Zuschauerraum übergehen. Absolut stimmig ist auch die Kameraführung des DVD-Mitschnitts: Trotz Sänger in Nahaufnahme bleibt die Perspektive immer ästhetisch und fügt sich ohne großes Aufsehen in das Gesamtpaket der Aufnahme ein. Die Untertitel gibt es übrigens passend zur internationalen Produktion neben deutsch und englisch auch auf französisch, japanisch und koreanisch.

Ein wunderbarer Nebeneffekt dieser DVD ist aber neben dem Kunstgenuss noch ein ganz anderer. Denn hier wird ein gesamteuropäisches Musikereignis dokumentiert, in dem sich Menschen unterschiedlichster Sprachen und Kulturen mit großem Erfolg nur einer Sache widmen: Der Schöpfung.

DVD-Tipp vom 22.11.2018 aus der Sendung Treffpunkt Klassik

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