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Debüt-Album von Annika Treutler mit Kompositionen von Johannes Brahms Rundum gelungene Interpretation

CD-Tipp vom 22.6.2018

CD-Cover: Johannes Brahms  Variationen und Fuge über ein Thema von Händel op. 24  Fantasien op. 116, Choralvorspiele op. 122 Annika Treutler (Klavier)

CD

Titel:
Johannes Brahms - Variationen und Fuge über ein Thema von Händel op. 24 l Fantasien op. 116 l Choralvorspiele op. 122
Interpret:
Annika Treutler (Klavier)
Komponist:
Johannes Brahms
Label:
hänssler CLASSIC
Preis:
14,99 €
Bestellnummer:
(Naxos) HC 17061

Im Ländlertakt ins Paradies, die Sommerzeit als Sinnbild der Ewigkeit – mit dem Vorspiel zum Choral Herzlich tut mich erfreuen die liebe Sommerzeit eröffnet die Pianistin Annika Treutler ihr Debüt-Album bei hänssler classic mit Klavierwerken von Johannes Brahms. Kraftvoll spielt sie, mit klaren Kontrasten, sensibel dem Zeilenfall des Choraltextes folgend in ihrer Phrasierung. Entstanden sind die elf Choralvorspiele op. 122 im letzten Lebenssommer von Johannes Brahms, 1896 in Bad Ischl, und gedacht sind sie eigentlich für die Orgel.

Beachtenswerte Bearbeitungen

Ferruccio Busoni hat sechs davon für Klavier bearbeitet, wovon Annika Treutler immerhin fünf aufgenommen hat: Sie streut diese Choralbearbeitungen zwischen Brahms’ Händelvariationen op. 24 und die Fantasien op. 116, eine schöne Idee, zeigt sich doch in dieser Auswahl Brahms’ kreative Fortspinnung von Satztechniken und Formmodellen des Barock. Seine Choralvorspiele knüpfen an die Welt von Bach und Buxtehude an; die Händelvariationen greifen Charakterstücke der barocken Suite wie Siciliano und Musette auf, um alles mit einer Fuge zu krönen. Und sogar die späten Fantasien op. 116 verraten in manchen Details die Beschäftigung mit Miniaturen französischer Komponisten des achtzehnten Jahrhunderts, deren Musik Brahms geschätzt hat. Wer einmal Bearbeitungen von Menuetten oder Sarabanden aus der Feder von François Couperin oder Jean-Philippe Rameau durch Leopold Godowsky gehört hat, wird erstaunt sein, wie nahe diese barocke Musik plötzlich an Brahms heranrückt.

In der letzten der Fantasien op. 116, dem Capriccio in d-Moll, ist die Toccatentechnik der Cembalomusik des achtzehnten Jahrhunderts mit Händen zu greifen. Harsch, aber beherrscht geht Annika Treutler dieses windzerzauste Stück an. Den Mittelteil nimmt sie erstaunlich flott, arbeitet die Taktgrenzen überschreitende Melodie in der Mittellage deutlich und zielstrebig heraus. Die anschließende Kadenz geht sie wiederum eher langsam an, in großem Legato. Den Schluss verbreitert sie im Tempo. Der Klang wird satt.

Hörbare Innigkeit

Die Nummer vier aus den Fantasien op. 116, ein Intermezzo in E-Dur, hatte Brahms ursprünglich als Notturno betitelt. Es ist, mit seinen chromatisch erhöhten Leittönen, die sich sehnsuchtsvoll einer Auflösung entgegenstrecken, nicht nur eine Studie über das Triebleben der Klänge, sondern rein haptisch auch eine über das Liebesspiel der Hände. Linke und rechte Hand schmiegen sich hier ständig beim Übergreifen ineinander. Auf dem harmonischen Höhepunkt, dem Erreichen der Mediante in Cis-Dur, umarmt die Pianistin sich gewissermaßen selbst. Die Innigkeit, die hier auch musikalisch hörbar ist, nimmt gestisch Gestalt an. Treutler lässt sich nirgends zur Eile antreiben. Das ist ganz wunderbar. Und sie dehnt die Leittöne über das exakte Zeitmaß hinaus, was auch richtig ist, denn die Sehnsucht selber lädt zum Verweilen ein. Auf Polyphonie und motivische Imitation zwischen den Stimmen legt Annika Treutler großen Wert und verhilft damit den konstruktiven Elementen dieses Stücks zu ihrem Recht gegenüber den stimmungsmäßigen. Eine rundum gelungene Interpretation.

CD-Tipp vom 22.6.2018 aus der Sendung Treffpunkt Klassik - Neue CDs

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