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CD-Tipp: Johanna Senfter - works for violin

Weltpremiere: Eine Doppel-CD mit Violinmusik, zwei Sonaten für Violine und Klavier und zwei Suiten für zwei Violinen von Johanna Senfter

CD-Cover: Johanna Senfter: Works for violin: Friedemann Eichhorn und Alexia Eichhorn (Violine), Paul Rivinius (Klavier)

CD

Titel:
Johanna Senfter - Works for Violin
Interpret:
Friedemann Eichhorn, Alexia Eichhorn, Paul Rivinius
Komponist:
Johanna Senfter
Label:
Paladino music
Preis:
26,99 €
Bestellnummer:
Pmr 0101

7:28 min | Fr, 8.3.2019 | 10:05 Uhr | SWR2 Treffpunkt Klassik | SWR2

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CD-Tipp: Johanna Senfter - works for violin

Burkhard Egdorf

Ein Ereignis: Johanna Senfter, Max-Reger-Schülerin aus Oppenheim am Rhein, wird als Komponistin entdeckt. Eine Doppel-CD bringt ihre Violin-Musik zu Gehör. Burkhard Egdorf hat die Ersteinspielung für uns angehört.

Höchste handwerkliche Qualität

Das ist große Musik, Musik in großen Bögen von unmittelbarer Emotionalität und höchster handwerklicher Qualität – keine Häkeldeckchenmusik, keine Fußnoten-Literatur. Der Geiger Friedemann Eichhorn und der Pianist Paul Rivinius füllen sie mit pulsierender Energie und nehmen jede Note ernst. Die Sonate g-Moll op. 32 von Johanna Senfter aus Oppenheim, entstand zur Zeit der Blüte ihrer Kreativität am Ende des Ersten Weltkrieges. Johanna Senfter, Tochter aus begütertem Hause in Oppenheim am Rhein, hielt ihrer Heimatstadt bis an ihr Lebensende 1961 die Treue. Ende Dreißig war sie damals, als die Sonate entstand. Der Unterricht bei Max Reger, mit dem sie freundschaftlich verbunden war, lag ungefähr zehn Jahre zurück. Max Reger schwärmte in einem Brief an Johanna Senfters Vater von »der außerordentlichen kompositorischen Begabung Ihrer Frl. Tochter«. 1879 wurde sie in Oppenheim geboren – fünf Jahre nach Arnold Schönberg, drei Jahre vor Igor Strawinsky. Tja, die beiden letztgenannten waren eindeutig 20. Jahrhundert. Johanna Senfter jedoch blieb Spätromantikerin. Sollen aber die paar Jährchen Musikgeschichte wirklich darüber entscheiden, ob Musik einen Wert hat – oder nicht?!

Deutlicher Einfluss von Brahms und Reger

Johanna Senfters Musik ist deutlich sowohl von Brahms als auch Reger beeinflusst – eine gestische Musik mit Eleganz und Temperament. Chromatik wird hier nicht ganz so exzessiv ausgeführt wie bisweilen bei Reger. So ist die Diatonik in Dur und Moll bei Senfter etwas fasslicher und fließender als bei ihrem Lehrer. Die verhangene Romantik mit dem Vorbild des späten Brahms ist hier so überzeugend zum Ausdruck gebracht, dass man dieser Musik die leichte Verspätung völlig verzeiht. Die g-Moll-Sonate op. 32 wurde – wie das lesenswerte Booklet der CD verrät - am 18. März 1924 in Oppenheim uraufgeführt. Friedemann Eichhorn und Paul Rivinius könnten ihr erneut die Türen der Konzertsäle öffnen, ebenso der Sonate in A-Dur op. 26.

Wiederentdeckung ihrer Werke noch nicht abgeschlossen

Johann Senfter war sehr produktiv; über 180 Werke soll sie geschrieben haben. Nach den musikalischen Revolutionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts geriet sie in Vergessenheit. Die Wiederentdeckung ihrer Werke ist noch längst nicht abgeschlossen. „Wäre ich keine Frau, hätte ich's leichter“ – soll sie, die sich dann aber ganz bewusst der musikalischen und musikpädagogischen Arbeit in ihrer heimatlichen Provinz (Oppenheim) verschrieb, gesagt haben. Die beiden fulminant gespielten Violin-Sonaten aus dem Ende des 2. Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts – Aufnahmen, die beim MDR, Studio Leipzig entstanden, werden auf dieser Doppel-CD ergänzt durch zwei Suiten für zwei Violinen, die ungefähr zwanzig Jahre später entstanden. Die Partnerin Friedemann Eichhorns ist hier seine Frau, die Geigerin Alexia Eichhorn. Beide verstehen die Architektur von Senfters Musik und sie verstehen sich im Zusammenspiel gewissermaßen blind. Sie schöpfen die klanglichen Möglichkeiten von süffig und weich bis scharf und fahl voll aus. Die Musik dieser Zehn Alte Tänze für zwei Violinen, die Johanna Senfter dann zu den zwei Suiten op. 91 ordnete, mutet herber an als die Sonaten. Aber gerade die hohe Interpretationskunst von Friedemann und Alexia Eichhorn entlockt dieser neobarocken Musik nach französischer Manier weniger strenge, denn übermütige Töne.
Hier ein Ausschnitt aus der Courante der ersten Suite.

Barocke französische Meister also Vorbild für Johanna Senfter

...deren Musik hier natürlich liniear, kontrapunktisch und kaum noch spätromantisch klingt. Aber der Reger‘sche Geist ist auch hier zu spüren. In der Sarabande der ersten Suite ist ein Tonfall zu hören, der dann allerdings kaum noch Reger zuzuschreiben wäre.. In den schnellen Sätzen ist es der Rhythmus vor allem, der uns von den musikantischen Sätzen Regers vertraut ist, und auch die blockhafte Architektonik entspricht dem Reger‘schen Denken. Aber wie zauberhaft ist bei der Gavotte z. B. der langsame Mittelteil?!

Herbe Schönheit par excellence

Friedemann und Alexia Eichhorn gelingt es, eine besondere Magie zu erzeugen. Das ist herbe Schönheit par excellence! Wunderbar berührend. Johanna Senfters Musik ist bedeutsam. Sie hat es verdient, gespielt und gehört zu werden – übrigens unabhängig davon, dass eine Frau diese Musik komponiert hat. Wie schön, dass Friedemann und Alexia Eichhorn an den Violinen und Paul Rivinius, Klavier, hier mehr als nur anerkennungswürdig musizieren. Es ist ein Genuss, sich diese CDs mehrfach anzuhören – beispielsweise die spielerische Bourrée, in der sich die Geigen gegenseitig zu necken scheinen.

CD-Tipp vom 08.03.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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