Bitte warten...

Das BBC Philharmonic Orchestra unter John Storgards George Antheil - Symphonie Nr. 3 & 6

CD-Tipp vom 12.2.2019

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Musikwelt im Umbruch wie selten zuvor. Und eine ganz wichtige Figur auf diesem Spielfeld hieß George Antheil. Das BBC Philharmonic Orchestra unter John Storgards hat nach einer gefeierten ersten CD nun eine zweite Aufnahme mit Orchesterwerken des Komponisten vorgelegt. Mit einer Klangsprache, die erstmal verwirren kann.

CD-Cover: George Antheil: Symphonien Nr.3 "American" & Nr.6 "after Delacroix"

CD

Titel:
George Antheil: Symphonie Nr. 3 "American" & Symphonie Nr. 6 "after Delacroix"
Interpret:
BBC Philharmonic Orchestra
Dirigent:
John Storgards
Label:
Chandos
Preis:
15,99 €
Bestellnummer:
CHAN 10982

5:54 min | Di, 12.2.2019 | 10:05 Uhr | SWR2 Treffpunkt Klassik | SWR2

Mehr Info

George Antheil: Symphonie Nr. 3 & 6

Malte Hemmerich

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Musikwelt im Umbruch wie selten zuvor. Eine wichtige Figur war zu dieser Zeit der US-amerikanische Komponist George Antheil. Das BBC Philharmonic Orchestra unter John Storgards hat nach einer gefeierten ersten CD nun eine zweite Aufnahme mit Antheils Orchesterwerken vorgelegt.

Bad Boy of Music

Ist das Broadway oder Blockbuster? Nein, Nichts von beidem. Die Klänge dieser CD, die sich sanft pulsierend in unsere Ohren schmeicheln, komponierte ein Skandalkomponist, ein zeitweise gefürchteter Neutöner. George Antheil, laut eigener Aussage ein „Bad Boy of Music“. Bei Aufführungen eigener Werke angeblich oft mit Pistole unter dem Mantel, um sich im Notfall den Weg freizuschießen.

Zeit der Selbstzweifel

Doch seine wildesten Jahre sind vorbei, als Antheil in den 1930ern die Arbeit an seiner dritten Symphonie aufnimmt. - Vielmehr ist es eine Zeit der Selbstzweifel. Über Jahre arbeitet der Komponist viele Stellen um. Er grenzt sich von den modernen europäischen Strömungen ab und gibt der Symphonie den Namen „American“. Die Symphonie ist voller bunter, aber auch sehr tonaler und konventionell strukturierter Einfälle, was durchaus erstaunlich ist, denn – George Antheil, war das nicht eigentlich ein Bürgerschreck?In seinem Ballett Mecanique hatte Antheil noch Flugzeugpropeller und Sirenen eingesetzt und 1926 damit in Paris für einen ziemlichen Skandal gesorgt. Doch nun war der "Bad Boy of Music" offenbar zwangsweise erwachsen geworden. George Antheil war in Hollywood angekommen, als Journalist und – Filmmusikkomponist. Natürlich lief nicht immer alles ganz nach Plan. Der dritte Satz aus seiner Dritten ist für einen Film gedacht, wurde aber letztendlich abgelehnt.

Verdienst der Musiker des BBC Philharmonic Orchestra

Dass diese Musik nun so aufregend klingt, ist nicht nur in der Komposition angelegt, sondern auch zum großen Teil ein Verdienst der Musiker des BBC Philharmonic Orchestra. Die verlassen sich nicht allein auf den Effekt, als wäre es nur eine Soundtrack Session. Diese Gefahr birgt die Partitur, die auf den ersten Blick nicht allzu komplex anmutet vielleicht. Doch hier: Jedes Streicherflirren ist auf neue Art aufwühlend, jede Solopassage listig und lustig ausgestaltet. Und hinter jeder simplen Melodie lauert mehr – oder auch nicht. Denn die Musik Antheils behält bei den BBC-Musikern ihr Augenzwinkern. Doch dann kann sie zum Glück auch vorpreschen und ohne Ironie tönen, wenn es im Finalsatz der Dritten Symphonie martialisch zugeht.

Universelle Botschaft

Gut zehn Jahre später komponiert Antheil seine mittlerweile sechste Symphonie. 1947, der größte Krieg der Menschheit ist vorbei, auch die Musikwelt ist eine Andere. Antheils Kritiker werfen ihm vor, dass er inzwischen wie Schostakowitsch klinge, nur uninspirierter. Dass BBC Philharmonic Orchestra unter John Storgards spielt den ersten Satz von Antheils Sechster nun eben nicht mit der erdigen Schwere eines Schostakowitsch. Für sie ist Antheils Werk keins der Kriegsjahre, sondern enthält eine universelle Botschaft, und während die Musiker Schicht um Schicht glasklar malen, schauen wir als Zuhörer mit etwas Abstand auf diese kunstvolle Musik. Distanz, die nicht schadet.

Musikalische Schizophrenie auf beste Art

Auch wenn die Musiker sich dann wieder im Schlusssatz mit Haut und Haaren in die Musik und alle vornehme Reserviertheit über Bord werfen. Denn auch das ist die Stärke des wandelbaren Klangkörpers und der Aufnahme, ein Spiel mit Nähe und Distanz: Musikalische Schizophrenie auf beste Art. Wie kann man diesen Finalsatz, der jeden ernsten Gedanken in einem knuffigen Ragtime-Rondo enden lässt, auch sonst spielen? Letztendlich ist es eben doch glamouröse Musik! Kopflos stürzen sich die Musiker auch in die überladenen Tanzminiaturen Antheils, die die Symphonien einrahmen. Die Stücke bekommen in jeder Sekunde das, was sie einfordern. Nämlich- und hier passt sie, die oft gebrauchte Floskel: Pure Spielfreude.

CD-Tipp vom 12.2.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

Weitere Themen in SWR2