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Klavierduo Tal & Groethuysen spielt Werke von Claude Debussy und Reynaldo Hahn Rundum gelungen

CD-Tipp vom 2.10.2015

CD-Cover Tal

CD

Titel:
Claude Debussy | Reynaldo Hahn
Originaltitel:
1915
Interpret:
Duo Tal & Groethuysen
Label:
SONY CLASSICAL 888 7510 8322

1915, das zweite Kriegsjahr, bildet den Titel für das neue Konzeptalbum von Yaara Tal und Andreas Groethuysen: mit Musik für zwei Klaviere oder zu vier Händen von Claude Debussy und Reynaldo Hahn – Musik, die eben 1915 entstanden ist. Damals, zu Beginn des Jahres, befand sich der 40-jährige Reynaldo Hahn als Soldat der französischen Armee auf den Schlachtfeldern bei Verdun – und fühlte sich tief deprimiert. Die einzige Tröstung während der endlosen, von Angst erfüllten Wintertage bot ihm die Musik: Des Nachts begann er zu komponieren – „mal“, wie er selbst geschrieben hat, „im Büro des Generalstabs, mal in einer Hütte, die vom Kanonendonner erbebte“.

„Le ruban dénoué“ / „Pour bercer un convalescent“
Was dabei entstand, klingt nicht nach Krieg; es klingt nach Weltflucht, zu der sich der französische Soldat 1915 angesichts all der Schrecken veranlasst sah, die ihm bei den Kämpfen um Verdun begegneten. Und deshalb komponierte er, auf dem Feld, 12 Walzer unter dem Titel „Le ruban dénoué“, also auf Deutsch: „Das entknotete Band“. Hier leben der Geist, der Charme und der Witz der Pariser Salonkultur noch einmal auf, in der Reynaldo Hahn, der gebürtige Venezolaner, so ganz zu Hause war. Und doch spürt man, dass diese Kultur schon anachronistisch geworden ist, dass sie bei aller Lebensfreude eine gewisse Nostalgie umweht. Wenig später wird sie in den drei Wiegenliedern „Pour bercer un convalescent“ („um einen Genesenden zu wiegen) vollends der Melancholie weichen. Eine tiefe Traurigkeit tönt aus dieser Musik, die Reynaldo Hahn seinem Freund Henri Bardac zugedacht hat – Bardac war kurz zuvor bei der Schlacht von Aisne verwundet worden. Yaara Tal und Andreas Groethuysen spielen diese Miniatur für zwei Klaviere denn auch ganz nach innen gekehrt – es ist ein bewegendes, anrührendes Hörerlebnis.

„Six épigraphes antiques“
Und dieser Gestus prägt ebenfalls ihre Interpretation von Claude Debussys „Six épigraphes antiques“ für Klavier zu vier Händen, die im Februar 1915 im Druck erschienen. Alte Inschriften sollen es also gewesen sein, die Debussy laut Titel zu diesem Werk inspiriert haben – Inschriften, wie man sie auf Grabmonumenten oder kultischen Geräten findet. Dass es sich dabei um Texte handelte, die Debussys Zeitgenosse, der Dichter Pierre Louÿs, der antiken griechischen Kurtisane Bilitis nur untergeschoben hat, ist hier zweitrangig. Feststeht, dass diese vermeintlichen Inschriften Debussy zu einer introvertierten Klangkunst veranlasst haben, der Welt entrückt.

„En blanc et noir“
Die israelische Pianistin und ihr deutscher Partner belassen Debussys Musik ihr Geheimnis, sie sezieren sie nicht, sondern loten die verschiedenen Klangvaleurs delikat aus. Und genau das dürfte in Debussys Sinn sein, der gerade in der aufgeheizten Stimmung der Weltkriegsjahre einen richtiggehenden Hass auf alles „made in Germany“ hatte, also auch auf das faustische Ergründen und die messerscharfe Analyse. Doch dem Komponisten, der seine Werke in jener Zeit ostentativ mit „Claude Debussy, musicien français“ zeichnete, ging es auch um das provokative politische Statement: Das belegt die vierte Werkgruppe der CD, nämlich „En blanc et noir“ für zwei Klaviere. Dort inszeniert er im zweiten Satz einen regelrechten Kulturkampf zwischen Deutschland und Frankreich. Deutschland wird hier repräsentiert vom Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“, Frankreich dagegen von leichteren, verspielten Klängen, die schließlich über den martialisch dargebotenen Choral siegen. Eine erschütternde Gedenk-CD, die musikalisch rundum gelungen ist.

CD-Tipp vom 2.10.2015 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

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