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Bertrand Chamayou und das Orchestre National de France Camille Saint-Saëns wiederentdeckt

CD-Tipp vom 30.9.2018

CD-Cover: Camille Saint-Saens: Klavierkonzerte Nr.2 & 5

CD

Titel:
Saint-Saens: Concertos 2 & 5 - Solo Piano Works
Interpret:
Bertrand Chamayou, Orchestre National de France, Emmanuel Krivine
Komponist:
Camille Saint-Saëns
Label:
Erato
Preis:
15,99
Bestellnummer:
0190295634261

Über Saint-Saëns behaupten böse Zungen bis heute, er sei einfach zu spät gestorben. Denn als er 1921 das Zeitliche segnete, mit 86 Jahren, galt sein Stil schon als hoffnungslos veraltet. Bis zuletzt blieb er unverdrossen der romantischen Klangsprache treu – und überließ es all den Debussys und Ravels, Strawinskys und Schönbergs, zur Moderne vorzustoßen. Das führte dazu, dass Saint-Saëns nach seinem Tod sogar fast in Vergessenheit geriet: Von seinen über 300 Werken konnte sich allenfalls ein Dutzend im Repertoire behaupten. Doch allmählich beginnt sich der Wind zu drehen, entdeckt man ihn wieder. Saint-Saëns’ Landsmann, der Pianist Bertrand Chamayou, hat jetzt zwei seiner fünf Klavierkonzerte und eine Auswahl von Klavierstücken eingespielt – und sorgt dabei für einige Aha-Effekte. Zum Beispiel mit dem Zweiten Klavierkonzert.

Klanggewaltig und majestätisch

In Camille Saint-Saëns’ Zweitem Klavierkonzert, dessen Kopfsatz Bertrand Chamayou mit dem Orchestre National de France unter Emmanuel Krivine spielt, steht von Anfang an fest, wer der Herr im Haus ist: nämlich einzig und allein der Pianist. Das Orchester dagegen hat die Aufgabe, den Solisten ins rechte Scheinwerferlicht zu rücken oder ihm den roten Teppich auszurollen. Der 37-jährige Chamayou, der sich bei Murray Perahia und Leon Fleisher den letzten Schliff holte, spielt seinen Part allerdings so grandios, klanggewaltig und majestätisch, dass er selbst schon in orchestrale Dimensionen vordringt. Und dennoch hat sein Vortrag nichts Selbstherrliches und Egozentrisches – im Gegenteil: Er betont die Klassizität dieser Musik und ihrer Architektur, die in der Beethoven-Nachfolge steht, aber auch neobarocke Züge trägt oder Kollegen wie Chopin und Liszt die Reverenz erweist.

Orientalische Einflüsse

Ganz anders geht es im Fünften Klavierkonzert zu, dem sogenannten „Ägyptischen“, das so heißt, weil Saint-Saëns es in Ägypten komponierte, 1896 in der Tempelstadt Luxor, wo er die Wintermonate verbrachte. Aber diese Umgebung muss ihn auch musikalisch inspiriert haben, denn im Mittelsatz lässt er unüberhörbar orientalische Einflüsse anklingen. Die orientalischen Melismen und arabischen Tonskalen, die Saint-Saëns hier zum Einsatz bringt, sind ein Musterbeispiel für die Exotismus-Mode im späten 19. Jahrhundert. Doch er belässt es nicht bei dieser Pseudo-Folklore, sondern fährt fort mit einem ägyptischen Originalthema, mit einem nubischen Liebeslied, das ihm Nil-Schiffer bei einer Bootsfahrt vorgesungen haben.

Schon merkwürdig: Dieses nubische Liebeslied, das Saint-Saëns im Mittelsatz seines Ägyptischen Konzerts zitiert, es klingt viel eher nach einem Pariser Chanson als nach nordafrikanischer Originalmusik – verkehrte Welten. Aber es kommt noch besser in diesem Multikulti-Spektakel, denn wenig später kehrt Saint-Saëns unverhofft in Fernost ein und präsentiert ein scheinbar chinesisches Thema, das auf der Fünftonleiter basiert und mit ganztönigen Achtelvorschlägen im Diskant des Klaviers garniert ist.

Schlüssel zu Saint-Saëns’ Persönlichkeit

Bertrand Chamayou, der selbst den klugen Booklet-Text für seine neue CD geschrieben hat, sieht in diesem musikalischen Fernweh einen Schlüssel zu Saint-Saëns’ Persönlichkeit: zu seinen verborgenen Leidenschaften und zur Sinnlichkeit, die er im wahren Leben kaum ausleben konnte. Aufschlussreich sind auch die Etüden, mit denen Chamayou die beiden Klavierkonzerte ergänzt. Sie klingen nämlich so, dass man sie kaum für Etüden halten würde.

Übung macht den Meister, sagt das Sprichwort. Aber wer die Klavierübung von Camille Saint-Saëns bewältigen will, der muss schon längst ein Meister sein – wie Bertrand Chamayou, der die Étude op. 52 Nr. 6 „En forme de valse“ auf seiner neuen Saint-Saëns-CD interpretiert. Per se mag Virtuosität ja immer etwas selbstgefällig sein, doch dient sie bei Saint-Saëns nicht allein dazu, die Hörer zu verblüffen. Er setzt sie auch experimentell ein und lotet damit die räumlichen und szenischen Möglichkeiten des Klaviers aus.

Bei diesem Walzer etwa, scheint sich vor dem inneren Auge eine ganze Festgesellschaft durch den prachtvollen Ballsaal zu bewegen. Chamayou hat dieses und andere kleine Stücke ausgewählt, um Saint-Saëns als radikalen Klavierkomponisten vorzustellen, der zwischen Salon und Theater, Experiment und Effekt pendelt. Trotzdem gibt der französische Pianist niemals die Noblesse dieser Musik preis, er betont ihre Brillanz, ohne sich im romantischen Rausch zu verlieren. Das Ergebnis ist umso beeindruckender.

CD-Tipp vom 30.9.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik - Neue CDs

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