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Lieder, Arien und Instrumentalwerke von Johann Sebastian Bach Uneingeschränkt lohnend

CD-Tipp vom 8.9.2017

CD-Cover Bach Privat

CD

Titel:
Bach Privat | Johann Sebastian Bach | Kammermusik
Interpret:
Georg Nigl, Bariton | Anna Lucia Richter, Sopran | Petra Müllejans, Violine | Roel Dieltiens, Cello | Andreas Staier, Harpsichord
Label:
Alpha Classics 241

Bei Bachs unterm Sofa hätte man ja gern mal Mäuschen gespielt. Die CD „Bach privat“ bietet zwar keine neuen Erkenntnisse über das geheime Leben der Bachs, aber sonst ist sie ziemlich schön. Vorneweg hat sie schon mal ein optisch originelles und inhaltlich feinsinniges Cover mit lauter Klingelknöpfen aus Messing, darunter polierte Namensschilder, die obersten zwei zeigen ein vertrautes Wappen: Es ist das Familienwappen der Familie Bach, darunter, auf den weiteren Schildern, die Namen der Musiker, die sich da sozusagen bei Bachs aufs Sofa gesetzt haben: Die Sänger Anna Lucia Richter und Georg Nigl, die Geigerin Petra Müllejans, der Cellist Roel Dieltiens, und der spiritus rector des Ganzen am Cembalo: Andreas Staier.

Anna Lucia Richter: musikalisches Ausnahmetalent
Der Rahmen ist vielleicht ein bisschen an den Haaren herbeigezogen, aber das, was dann zu hören ist, ist Bach für Herz, Seel und Hirn, also eine wirklich umfassende Freude. Das liegt zum Beispiel an den zwei Sängern, an Georg Nigl und Anna Lucia Richter. Anna Lucia Richter ist ein Spezialfall unter den in den letzten Jahren hochgejubelten Stimmkünstlern; wollte man sie in eine Fachschublade stecken, dann würde da im Moment „Soubrette“ draufstehen, und das sind keine so guten Aussichten für eine Sopranistin, aber Anna Lucia Richter ist nicht bloß ein musikalisches Ausnahmetalent und eine schöne Frau, sie ist auch ein ziemlich schlaues Mädchen, eine, die sich von keinen Karriereplanern und Star-Agenten dreinreden lässt und stattdessen ganz eigenwillig ihr Ding macht: eher wenig Oper, viel Konzert, immer mit den besten Ensembles, aber vor allem: Liederabende!

Die Programme dafür macht sie selbst, hat auch keine Angst vor spröderen Stücken und ernsten Themen, und mit ihrem Begleiter Michael Gees hat sie eine ganz eigen- und einzigartige Kunst entwickelt: Die zwei improvisieren gemeinsam im Liedstil über Gedichte der Romantik – wen es interessiert: Bei Youtube kann man sich anhören, wie das geht, es ist wirklich eine völlig neue Art, mit Lied umzugehen.

Und was heißt auch Soubrette: Anna Lucia Richter hat eine Reinheit und Schlichtheit in der Stimme, die mich ein bisschen an Elly Ameling erinnert. Wenn Richter etwa die Arie „Schlummert ein, ihr matten Augen“ singt, möchte man tatsächlich die Augen schließen und selig wegdämmern. Sie scheint für Bach geboren, gestaltet mit einer natürlichen Bescheidenheit und Selbstverständlichkeit, ihre Stimme ist völlig ausgeglichen und hat einen derart seltenen Liebreiz, dass man süchtig werden könnte.

Georg Nigl: zu allem fähige Stimme
Wenn Anna Lucia Richter der Engel ist, dann ist Georg Nigl der gefallene Engel. Seine Besetzung in dem Projekt liegt vielleicht nicht gleich auf der Hand, weil Nigl zurzeit eigentlich eher in Hauptrollen auf den großen Opernbühnen in ganz Europa unterwegs ist, gerne mit Musiktheater des 20. Jahrhunderts – wer ihn in Stuttgart als Jakob Lenz in Wolfgang Rihms gleichnamiger Oper erlebt hat, vergisst das nicht mehr. Ein Kritiker hat ihn mal völlig zu recht einen „Kamikaze-Sänger“ genannt; Nigl schmeißt sich in seine Rollen, als gäbe es kein Morgen und benutzt auch seine gar nicht große, aber irgendwie zu allem fähige Stimme exzessiv zur Charakterzeichnung. Er ist nicht einfach bloß ein Sänger – einer übrigens, der das reguläre Gesangsstudium früh abgebrochen hat – dieser ehemalige Wiener Sängerknabe ist ein Fachmann auch für das Unsing- und Unsagbare.

Georg Nigl ist hochmusikalisch, und ansonsten ein Gefährdeter – so einen Bach singen zu lassen, war eine ziemlich spannende Idee, die auch voll aufgeht. Rein stimmlich ist er ja eigentlich gar kein typischer Bariton, was bei den Rollen, die er verkörpert, nichts ausmacht, weil die sich um Stimmfächer selten kümmern, bzw. das Stimmfach heißt in dem Fall: genialischer Sängerdarsteller.

Kluges, in sich schlüssiges Programm
Fast wünschte man sich ihn mal als Evangelisten in einer Bach-Passion, so, wie er mit seiner Stimme erzählen kann, und so, wie er ihr eine nie ganz koschere Süße verleiht. Ein bisschen diabolus in musica schwingt bei ihm immer mit, und eine Arie wie „Komm, süßer Tod“ wird bei Georg Nigl zu einer vielschichtigen Expedition ins Unterbewusste. Die Nahtlosigkeit, mit der hier die Sarabande aus Bachs Cellosuite c-Moll an diese Arie anschließt, ist bezeichnend für dieses „Bach privat“-Projekt, das der Mann am Cembalo, Andreas Staier, konzipiert hat, und das also dementsprechend ein unglaublich kluges, in sich schlüssiges Programm ist, die Arien reagieren aufeinander, die Instrumente haben ihre Soloauftritte an genau den richtigen Stellen, wenn etwa Roel Dieltiens’ Cello nach der Arie mit der Sarabande aus der c-Moll-Solosuite antwortet, Musik, die den Ruf „Komm, süßer Tod“ Silbe für Silbe noch mal aufzunehmen scheint. Das ist wirklich von großer Schönheit – solche Momente hat man in Konzertprogrammen, geschweige denn auf CDs, nicht so oft.

Drei Instrumentalisten-Solitäre
Über die drei Instrumentalisten muss man eigentlich fast nichts mehr sagen – alle drei sind Solitäre mit ihrem Instrument, Roel Dieltiens, der Godfather des Barockcellospiels, Petra Müllejans, die wunderbare Konzertmeisterin und Solistin beim Freiburger Barockorchester, und dann natürlich Andreas Staier – ihm zuzuhören, macht einfach Freude, wenn er sein Cembalo singen oder es begleitend zur Theorbe werden lässt. Der Besuch in Bachs Wohnzimmer lohnt sich also uneingeschränkt.

CD-Tipp vom 8.9.2017 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

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