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Alois Bröders Oper „The Wives of the Dead“ Starkes Stück Musiktheater

CD-Tipp vom 21.8.2018

CD-Cover: Alois Bröder - The Wives of the Dead

CD

Titel:
Alois Bröder: "The Wives of the Dead"
Interpret:
Marisca Mulder, Mireille Lebel, Marwan Shamiyeh, Florian Götz, Philharmonisches Orchester Erfurt
Komponist:
Alois Bröder 
Dirigent:
Johannes Pell
Label:
Dreyer Gaido
Preis:
19,99 €
Bestellnummer:
21106

Mehr als eine dramatische Illustration

Erzählendes Musiktheater, das ist das, was ich an Alois Bröders Oper nach Nathaniel Hawthornes Erzählung „The Wives of the Dead“ – „Die Frauen der Toten“ – als besondere Qualität rühmen möchte. Zugegeben, ich habe diese Oper schon auf der Bühne gesehen, aber die Musik wirkt auch ohne das Visuelle. Sie zeichnet zwar unheimliche, bedrückende Stimmungen nach, aber sie ist mehr als eine dramatische Illustration. Sie hat Struktur und Ziel, ist durchhörbar, oft kammermusikalisch, lyrisch, aber auch versehen mit dramatischen Höhepunkten. Tonale Rückbezüge im Zusammenspiel mit komplexen, klanglichen, differenten Schichtungen schaffen einen musikalischen Fluss, der jenseits des eigentlichen Textes gefangen nimmt. Die autonome Qualität dieser Musik des Komponisten aus Darmstadt lässt sie geeignet werden für das bloße Hören - auf CD beispielsweise.  

Großer Erfolg am Theater Erfurt

Alois Bröders bemerkenswerte und bemerkenswert schöne erste Oper, die im Februar 2013 mit großem Erfolg am Theater Erfurt aus der Taufe gehoben wurde, erzählt die mysteriöse Geschichte zweier frisch vermählter Frauen, die Ihre beiden Männer, die Brüder waren, verloren haben. Nach der strengen, trostlosen Trauerfeier im puritanischen Milieu sitzen die Witwen Mary und Margeret mit gegensätzlichem Temperament im gemeinsamen Haus und klagen um die Toten. In der Nacht erhalten beide, unabhängig voneinander, die Botschaft, dass der Ehemann lebe. Aus gegenseitiger Rücksicht behält jede der Ehefrauen die Nachricht für sich. Die Geschichte endet uneindeutig, es bleibt unklar, ob diese Nachricht nur erträumt war - oder nicht. Alois Bröder erzählt in seiner Oper die Geschichte zweimal. Die erste Version in englischer Sprache folgt Hawthornes Erzählung. Die zweite ebenfalls fast 45-minütige Version, teils in deutscher Sprache, präsentiert die Geschichte als Traum selbst. Die Szene der Trauergäste, die die erste Version eröffnet, ist in Version 2 vorletzte Station. Diese Traumszene endet mit Trauer in Dunkelheit, während die Brüder bzw. Ehemänner der Frauen in einem Sessel sitzend, anwesend sind. In diese Szene überblendet Alois Bröder einen chorischen Epilog, der die Abgründe menschlicher Wahrnehmung und Sorgen benennt. Das umfangreiche und sorgsam gestaltete Booklet dieser Doppel-CD mit der Aufnahme der Oper „The wives of he dead“ in Erfurt gibt umfangreiche Auskunft über Hawthornes Erzählung, das von Alois Bröder selbst gestaltete Libretto und über Interpretationsansätze der Geschichte.

Hervorragende sängerische Leistungen

Neben der Oper selbst, diesem Werk, kann man immer wieder auch das Loblied auf die hohe Qualität unserer deutschen Opernbühnenlandschaft singen. Die Aufnahme zeigt nämlich beste Qualität, hervorragende sängerische Leistungen der Solisten und des wichtigen Chores sowie ein verlässliches und engagiertes Orchester des Erfurter Hauses unter der Leitung von Johannes Pell. Das Philharmonische Orchester Erfurt agiert hier übrigens teils mit Unterstützung der Thüringen Philharmonie Gotha.

Musikalischer Genuss

Alois Bröders Musik vermittelt schlüssig zwischen traditionellen Klängen und Formen einerseits und ihre avancierten Erweiterungen. Das Orchester glitzert und funkelt gelegentlich ohne den Eindruck von Aufputz zu erwecken. Selbstverständlich ist die Geschichte, die da erzählt wird schon dramatisch, hintergründig und zwingend genug, aber mittels der Musik gerät der Zuhörer in einen ganz eigenen Bann. Motive und Klangfolgen sind gut erinnerbar. Und was ist mit der vokalen Behandlung der Stimmen? Die Antwort fällt kurz aus: Der Komponist Alois Bröder hat auf Sanglichkeit gesetzt, was geflüsterte Passagen des Chores nicht ausschließt. Er vertraut der klassisch ausgebildeten Stimme. Ich höre in dieser Oper eine Traditionslinie heraus, die auf Benjamin Britten verweist. Alois Bröders „The Wives oft the Dead“ – „Das Haus der Toten“ nach der Erzählung von Nathaniel Hawthorne. Ein starkes, vielschichtiges Stück Musiktheater und ein musikalischer Genuss – jenseits plakativ einfacher, kulinarischer Ansprüche.   

CD-Tipp vom 21.8.2018 aus der Sendung SWR2 Cluster

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