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Knabensopran Aksel Rykkvin singt Arien von Bach, Händel und Mozart Instinktives Einfühlungsvermögen

CD-Tipp vom 7.10.2016

CD-Cover Rykkvin
Titel:
Aksel! | Arias by Bach, Handel & Mozart
Interpret:
Aksel Rykkvin, treble | Orchestra of the Age of Enlightenment
Dirigent:
Nigel Short
Label:
signum CLASSICS

Cherubino. Den kennt man ja, Mozart, Hochzeit des Figaro, der pubertierende Knabe, der nicht weiß, wie ihm geschieht, weil eine erste, unerwartete Welle von Hormonen in ihm überschwappt, das Ganze dargebracht in leicht frivoler Geschlechterverwechslung von einer Mezzosopranistin, als Zitat einer noch frivoleren Konstruktion, wenn in der damals gerade zu Ende gegangenen Zeit der Kastraten solche Hosenrollen von Männern mit Frauenstimmen gesungen wurden.

Was aber, wenn dieser Cherubino mal nicht von einer erwachsenen Frau gesungen wird, die der Sphäre pubertierender Jungs ja eigentlich ziemlich fern steht, auch nicht von einem Mann mit Frauenstimme, sondern von einem Buben, der gerade dabei ist, in eben diese Cherubino-Phase hineinzuwachsen? Der 13-jährige Aksel Rykkvin aus Norwegen singt Cherubino, und er macht das so hinreißend, dass mal ganz schnell jemand eine Figaro-Inszenierung für ihn aus dem Boden stampfen sollte, bevor diese wohl charmanteste Knabensopranstimme der Gegenwart hormonbedingt wieder verschwunden sein wird.

Keine Frage: Ein Kind mit einer solchen Stimme hätte früher ein gieriger Impresario in einen Sack gesteckt, entführt und in irgendeinem düsteren Hinterzimmer unters Kastraten-Messerchen legen lassen, um aus ihm einen Farinelli oder Carestini zu machen. Aber zum Glück hat sich ja inzwischen die Einsicht durchgesetzt, dass schöne Stimmen der Welt nicht verloren gehen, auch wenn sie nicht auf ewig im Diskant jubeln. – Wenn man bedenkt, dass auch Bryn Terfel mal als so ein außergewöhnlicher Knabensopran angefangen hat, dann kann man von Aksel Rykkvin vermutlich noch einiges erwarten.

Aksel kommt zwar aus dem Kinderchor der Nationaloper Oslo; er hat Unterricht, seit er acht Jahre alt ist, also seit ungefähr fünf Jahren, aber seine Art zu singen ist meilenweit weg von den sonst üblichen, leicht blökenden Tönen anderer Knabensolisten. Da, wo die meisten Jungs zwar rein und durchdringend, aber eben fahl singen, hat dieser blonde fast-noch-Knirps ein geradezu blühendes Vibrato, eine Sinnlichkeit, von der er ja wohl noch nichts wissen kann, die sich aber anscheinend irgendwie schon ahnungsweise in ihm mopsig macht, und es ist fast ein bisschen gespenstisch und verschafft einem ein paar Zentimeter Gänsehaut, wie dieses blauäugige Milchgesicht da ein tiefmelancholisches Stück wie Händels „Lascia ch’io pianga“ aus dem „Rinaldo“ singt: Klar kann er noch nicht wirklich wissen, wovon er da singt – aber die Intuition und das instinktive Einfühlungsvermögen für diese Musik sind schon ziemlich einzigartig.

Ingeborg Bachmann schreibt von den armen Sängern, die sich danach sehnen, sich irgendwann „den überflüssigen Ballast ihrer Körper und Hirne unter die Federn“ zu stecken – und tatsächlich sind das ja die beiden Gegner, gegen die ein Sänger immer kämpfen muss: der Körper und das Hirn. Und vielleicht ist es das, was Aksel Rykkvins Gesang so anziehend macht: dass er diesen Ballast noch nicht spürt. Die erste große Gesangskrise hat ihn noch nicht erwischt, das ewige Hirnen über die richtige Technik noch nicht ergriffen, dieses Kind singt zwar mit der emotionalen Intuition und Wärme eines viel Älteren, aber eben gleichzeitig trotzdem noch wie ein unbekümmertes Kind.

Und dann kommt noch ein Drittes dazu: Der Kerl ist unglaublich musikalisch. Aksel Rykkvin hat einen ganz natürlichen, intuitiven Bezug zu musikalischen Phrasierungen, man merkt, dass ihm die Gestaltung der Stücke nicht von irgendwem mühsam eingetrichtert wurde, sondern dass sie aus ihm selbst kommt. Sogar durch die sonst oft monoton wirkenden virtuosen Rouladen von Händels „Joshua“ hangelt er sich mit einer Leichtigkeit, als ob er das auf dem Weg zum Bolzplatz so vor sich hinsingt.

Es ist übrigens nicht irgendein Orchester, das Aksel Rykkvin da bei diesen Aufnahmen begleitet, sondern immerhin das Orchestra of the Age of Enlightenment – die haben zugegeben klanglich schon mal bessere Zeiten gehabt. Aber für die Debüt-CD eines
13-Jährigen ist das trotzdem eine ziemlich schicke Visitenkarte. Und am Pult bei den Aufnahmen stand Nigel Short, der vielleicht auch kein bedeutender Orchesterdirigent mehr wird, aber Short, der auch als Knabensopran angefangen hat und dann als Countertenor Mitglied der King’s Singers wurde, ist sicher ein sehr guter Coach für Aksel bei der Aufnahme gewesen, weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie so eine Knabengurgel funktioniert, und wie man sich als so ein ganz junger Sänger fühlt.

Die CD selbst ist dann auch kein aufgeblasener Medien-Coup einer Plattenfirma, die für ein bisschen Aufmerksamkeit einen unschuldigen Knaben verheizt, sondern eine große Gemeinschaftsanstrengung von Fans von Aksel Rykkvins Gesang, soll heißen: Sie ist erst durch eine Crowdfunding-Aktion und ein paar großzügige Privatsponsoren möglich geworden, auch das macht die Sache irgendwie sympathisch.

Klar ist das keine Platte, die man sich unbedingt immer wieder am Stück anhören soll, dafür sind ein paar barocke Oratorien-Koloraturen zu viel im Programm, und bei manchem High-Speed-Händel geht Aksel noch ein bisschen arg lässlich mit dem Text um, da verschwinden halbe Wörter, um nur ja den Anschluss an die nächste Phrase nicht zu verpassen. Aber für mein Gefühl liegt die Zukunft von Aksel Rykkvin auch in jedem Fall auf der Opernbühne – in die Opernarien legt er Seele und Herz und Schmelz, man spürt, dass die dramatischen Situationen ihn über sich selbst hinauswachsen lassen ... schauen wir mal, wo er noch so hinwächst in den kommenden Jahren – eins ist jedenfalls sicher: Von Aksel Rykkvin werden wir noch hören.

CD-Tipp vom 7.10.2016 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“