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Neues Doppel-Album des Trompeters Ambrose Akinmusire Leuchtendes Monument einer hochaktuellen Jazzmusik

CD-Tipp vom 18.7.2017

CD-Cover Akinmusire

CD

Titel:
Ambrose Akinmusire: A Rift in Decorum | Live at the Village Vanguard
Label:
Blue Note 00602557649703

Nein, dieses Doppelalbum beschwört nicht die guten Jazzgeister der Vergangenheit. Es ist kein Museumsstück. Aufgeführt wird kein „Gespenst von Canterville“ für Swingfreunde. Und mitnichten ist es eine „kreative Geisterstunde,“ wie die Plattenfirma vollmundig zu erklären versucht. Es ist stattdessen ein leuchtendes Monument einer hochaktuellen Jazzmusik. Gespielt vom Quartett eines Trompeters, der einen Ton hat, mit dem man Staatsverträge unterschreiben könnte: stark, uneingeschränkt, brisant persönlich. Einer, den man im Bruchteil einer Sekunde aus tausenden Bläsersounds wiedererkennt.

Überwiegend lyrischer Grundton
Der lyrische Grundton überwiegt bei Akinmusire. Es ist ein weiches, warmes Glimmen und Glühen. Aber dann gibt es diese gezielten Ausbrüche in halsbrecherischen Intervallsprüngen und spitzwinkligen Motivketten, die ein Drama von ungeahnter Wucht erzeugen. Hinzu kommt das gezielte Eintauchen in das, was Jazzmusiker „off-pitch“-Spiel nennen: ein strikt durchkalkuliertes Taumeln durch bewusst inszenierte instabile Tonhöhen, vokalen Klängen gleich.

Immer staunenerregend, manchmal atemberaubend
Im angestaubten Gesangsbuch der Bop-Gewissheiten wird hier nicht geblättert. Stattdessen werden die Grenzen von Post-Bop- und Free-Spiel aufgehoben und in neue Richtungen verschoben. Dorthin, wo Erzählungen zwischen emotionalen Extremen möglich sind: vom nougatweichen lyrischen Spiel bis zu gewaltig sich entladenden Cluster- und Soundgewittern. Komplexe, mehrteilige durcharrangierte Stücke wechseln mit solchen ab, die so reduktionistisch sind, als hätte sie ein im Jazz bewanderter Morton Feldman in seinen besten Stunden entworfen. Doch die Extreme werden hier nicht gesucht, um Vielseitigkeit auszustellen, sondern um etwas von den irritierenden Polen menschlicher Existenz zu erzählen. „A Rift in Decorum“ ist eine Studie in kunstvoll aufgebauten Kontrasten, mal nachdenklich, mal explodierend, immer aber staunenerregend und manchmal atemberaubend.

Es wird oft beklagt, wie wenige überzeugende Working Bands es im aktuellen Jazz gäbe. Man sollte aufhören mit diesem Gejammer. Denn hier ist eine lebendig! Und sie gehört zum Besten, was die improvisierte Musik in ihrer gesamten Geschichte an eingeschworenen, genialen Units zu bieten hat. Hier holt niemand die Jockey-Peitsche raus, es werden keine Grand National Rennen ausgetragen, in denen es um den Pokal geht, wer als schnellster Solist über buschige Hürden aus erweiterten Akkorden springt, alles handelt hier wie ein Team.

Musiker in Höchstform
In Höchstform: Pianist Sam Harris, der das Kunststück vollbringt, Bill Evans mit Cecil Taylor und Brain Ferneyhough zu versöhnen, und trotzdem so viel Alarm macht, dass man erst gar nicht auf den Gedanken kommt, er vergesse vor lauter Diplomatie sein eigenes Selbst. Bassist Harish Raghavan ist ein extrem flexibler Motor und Drahtzieher im Hintergrund. Und Justin Brown am Schlagzeug gleicht einem Kraftwerk, das rhythmische Energiewellen von stupender interaktiver Beweglichkeit aussendet.

Auf einer Höhe mit Sonny Rollins und John Coltrane
Ambrose Akinmusire hat sich von den „Geistern“ des Jazzclubs „Village Vanguard“ nicht einschüchtern lassen. Beflügelt von diesem mythischen Raum, legt der Trompeter ein Album vor, das nicht erst in 20, 30 Jahren, sondern schon heute in einem Atemzug mit Sonny Rollins‘ Platte „Live at the Village Vanguard“ und John Coltranes‘ „Live at the Village Vanguard“ genannt werden muss.

CD-Tipp vom 18.7.2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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