Musikthema

Zwischen Mythos und Moderne: Traditionelle Musik in Katar

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AUTOR/IN
Rolf Killius

Das urbane Katar ist eine Welt hochmoderner Fassaden, hinter die zu blicken nicht einfach ist. Rolf Killius hat sich gefragt, ob hier auch noch das alte Katar zu finden ist mit seiner traditionellen Musik. In Archiven hat er einige Tausende alter Schellackplatten erforscht. Sie dokumentieren die alte Meeresmusik der Perlenfischer und Matrosen. Und er ist zuletzt auch fündig geworden in Doha selbst. Dort bewahren die Nachkommen der einstigen Seeleute die traditionelle Musik Katars und praktizieren sie noch heute in den privaten Gesellschaftsräumen der Stadt.

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Fischerdorf wird zur Megastadt

Als ich Katar im Jahr 2014 zum ersten Mal besuchte, war ich überrascht: Was der Öl- und Gas-Boom der vergangenen Jahrzehnte da alles geschaffen hatte! Aus dem ehemaligen Fischerdorf Doha ist eine Megastadt geworden. Endlose Büro-Hochhäuser und große Hotels, überfüllte Promenadenstraßen mit zahlreichen SUWs säumen die „Corniche“, die Meeresfront dieses kleinen Wüstenstaates. Dazwischen immer wieder hypermoderne Moscheen und Einkaufspaläste.

 Trotzdem ankern bis heute kleine, aus Holzplanken gezimmerte Schiffe entlang der Küste. Diese „Dows“ genannten Segelschiffe haben früher den Handelsaustausch ermöglicht zwischen den Küsten Ostafrikas und Westindiens. Für die zahlreichen Perlentaucher-Crews, die einst nach Austern mit den wertvollen natürlichen Perlen tauchten, waren sie für einige Monate im Jahr das beengte Zuhause.

Kulturelles Erbe

Heute dienen diese neugebauten Boote den Vergnügungsreisen der reichen Katarer und werden von mächtigen Dieselmotoren angetrieben. Der Warenaustausch wird mittlerweile durch riesige Containerschiffe erledigt. Auch die Perlen werden heute in Perlenfarmen in China und Japan gezüchtet. 

 Doch immer noch gibt es entlang der arabischen Golfküste die Nachkommen dieser Seeleute. Und einige von ihnen haben auch noch deren kulturelle Besonderheit bewahrt: die Meeresmusik der Perlenfischer und Matrosen.

Musikgenre Sowt: Bekannt in allen Golf-Staaten

Ibrahim Ali ist einer der ältesten Sänger Katars. Er singt im traditionellen Sowt-Genre und begleitet sich selbst auf der Oud-Laute. Schon nach wenigen Minuten stehen zwei Tänzer auf und tanzen aufrecht oder auf den Knien. Manchmal springen sie hoch und landen auf den Füßen.

Sowt ist in allen Golf-Anrainerstaaten bekannt. Die Musiker versammeln sich in einem Majlis, einem traditionellen privaten Gesellschaftsraum. Hier lauschen Männer den Barden und werden vom Gastgeber endlos mit Tee und Kaffee versorgt.

Überlieferung auf Schellackplatten

Für einige Jahre habe ich an einem internationalen Gemeinschaftsprojekt der British Library und der Nationalbibliothek von Katar gearbeitet. Dabei sind auch einige Tausende alter Schellackplatten erforscht worden. Und es ist erstaunlich, wie gut diese 75 Jahre alten Platten aufgenommen worden sind und sich immer noch anhören!

Sie enthalten größtenteils Chorgesang, begleitet von Trommeln und dem rhythmischen Stampfen der Sänger. In den Texten geht es um die Sehnsüchte der Perlenfischer, um ihre Geliebten, um die Hoffnung, ihre Familien wiederzusehen oder auch um die Anbetung des großen Gottes, der sie alle wieder gesund nach Hause bringen möge.

Alter Gesang in moderner Stadt

Ich wollte erfahren, ob die traditionelle Musik der Fischer und Perlentaucher noch irgendwie in dieser modernen Stadt praktiziert wird. Wochenlang versuchte ich, herauszufinden, wo sich diese Musiker treffen. Dann hatte ich Glück: Auf einmal klingelt mein Handy und der Musiker Khalid Johar teilt mir mit, dass heute Nacht eine musikalische Zusammenkunft der Sänger in seinem Majlis stattfinden werde. Ich treffe ein und nach einer wortreichen Begrüßung geht es los.

Der Bordun-Gesang, also das tiefe Brummen von einigen der Sänger, trägt den hohen und eindringlichen Gesang des Hauptsängers. Neben der Trommel Tabl werden jetzt auch die Rahmentrommel Tar und die Tontopftrommel eingesetzt. Es sind die typischen Instrumente der Meeresmusik in Katar, Bahrain und Kuwait.

Spirituelle Stimmung

Mittlerweile ist es spät geworden. Die indischen Angestellten bringen uns immer wieder Runden indischen Tees und schwarzen Kaffees. Dazwischen gibt es Datteln und allerlei Süßzeug. Die ergreifende Musik, das Klatschen und die vielen Kaffees bringen uns alle in eine gewisse spirituelle Stimmung. Einer der Sänger erzählt mir später: Früher, noch bevor die Hochhäuser in der Stadt Doha gebaut wurden, saß er mit anderen Musikern am Strand.

Und auch wenn keine Zuhörer da waren: sie spielten die ganze Nacht. Und bis heute hat die alte Musik der Perlenfischer ihren Platz in der hochmodernen Hochhaus-Welt des schwerreichen Wüstenstaats.

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