Buch-Tipp Elina Garanča: Zwischen den Welten

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Bereits 6 Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Autobiografie von Elina Garanča ist jüngst eine erweiterte Neuauflage erschienen. Ida Metzger und Peter Dusek haben die Erzählungen der großen Mezzo-Sopranistin aufgezeichnet und zu Papier gebracht. Gleiches Titelbild, anderer Titel: Aus „wirklich wichtig sind die Schuhe“ wurde „zwischen den Welten“. Seniva Winterwerb hat das Buch gelesen.

Intellektuelles Bauernmädchen

Die Kunst, diesen Bühnen-Zauber als Antriebsquelle, aber gleichzeitig als einen sehr unbeständigen Glückszustand zu begreifen, scheint Elina Garančazu gelingen. Erfolg sei kein Schutz vor Einsamkeit und das echte Leben beginne für sie erst, wenn der Applaus schon verstummt und der Vorhang gefallen sei. Dann nämlich, wenn sie statt der Bühnenrolle wieder die Rolle der Mutter, Ehefrau oder Tochter einnimmt. Na ja, Papier ist geduldig, könnte man meinen und Understatement ist schließlich auch immer eine gute Vermarktungsstrategie. Ohne Zweifel jedoch ist dem Opernstar Elina Garanča der Kontrast zwischen Bühne und rustikalem Alltag überaus vertraut.

Musikalische Familie

Die lettische Mezzo-Sopranistin beschreibt eine Kindheit, in der sie mit der „Crème de la Crème“ der Intellektuellen Rigas“ aufwächst. Gemeint sind Musiker, Sänger, Schriftsteller und Maler, die im Hause Garanča ein- und ausgehen. Es werden Feste gefeiert, musiziert und über Kompositionen diskutiert. Ihre Mutter, ebenfalls eine „Mezzo ", arbeitet als Gesangslehrerin, ihr Vater als Chordirigent. Die Welt des Theaters und der Musik ist allgegenwärtig. Die andere Welt, das Paralleluniversum im Leben der jungen Elina stellt der Bauernhof ihrer Großeltern dar. Dort wird sie auch als vollwertige Arbeitskraft eingesetzt.

Erste Karriereversuche beschreibt Elina Garanča als Niederlagen: Sie versucht sich als Schauspielerin, fällt jedoch durch die Aufnahmeprüfung durch. Weitere Anläufe als „Musikpädagogin“ und „Kulturmanagerin“ laufen ebenso in Leere. Erst dann entscheidet sie sich dafür zu singen….und Gesangslehrerin Ludmilla“ entdeckt schnell:

Es folgt die Beschreibung äußerts disziplinierter Lernprozesse. Garanča steigert ihre Stimme im Laufe der Zeit auf zweieinhalb Oktaven, wechselt vom lyrischen ins dramatische Fach. Wettbewerbe, Engagements, Auftritte, Reisen, Auszeichnungen…. Man kann Garančas beruflichen Aufstieg detailliert verfolgen, vielleicht ist dieser aber auch schon weitgehend bekannt. Ihr Privatleben hingegen weniger.

Einblicke in das Familienleben

Und da warten, auch im erweiterten Teil des Buchs, ein paar Einblicke. Zum Beispiel in das Familienleben, dass sie mit dem Dirigenten Karel Mark Chichon und ihren zwei Töchtern führt. Weit vorausplanende Terminkalender scheinen hier unverzichtbar:

Bei all der logistischen Meisterleistung ist man dann fast schon erleichtert, dass Frau Garanča in melancholischen Augenblicken auch mal ein Glas Wein trinkt und zur Musik die Tränen fließen lässt… Gartenarbeit und Selbstgekochtes hilft ebenso beim Erden.

Spannende Lebensreise

Das Buch „Zwischen den Welten“ ist ein rasanter Lebensabriss… mit einigen persönlichen Einblicken in die Gedankenwelt einer Weltklassesängerin. Das Meiste könnte vielen Lesern schon aus dem Vorgängerbuch bekannt sein. Aber da Elina Garanča nicht persönlich postet, sondern eine Social-Media-Beauftragte, beschäftigt, dürften alle Fans in jedem Fall froh sein, ihrem Star mit diesem Lesestoff wieder einmal näher zu kommen…. spätestens bei der Signierstunde.. Und immerhin erfahren Nachwuchs Sänger, wie man mit Nervosität vor dem Auftritt umgeht (vorausgesetzt man bügelt gerne…) und, was von einer Operngage am Ende tatsächlich übrig bleibt. Alles in allem, eine spannende Lebensreise… wenn auch nur als Zweitaufguss.

Buch-Tipp vom 17.5.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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