Musikgespräch

Musiker mit Leib und Seele: Zum Tode von Clytus Gottwald

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INTERVIEW
Martin Hagen

Der renommierte Chorleiter, Komponist, Rundfunkredakteur und Musikwissenschaftler Clytus Gottwald ist im Alter von 97 Jahren verstorben. Er war bekannt für seine Arbeit als Bearbeiter zahlreicher Werke für vielstimmigen A-Cappella-Chor und als prägende Gestalt der modernen Chormusik, sagt Dorothea Bossert, Chormanagerin des SWR Vokalensembles.

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Ohne ihn wäre die Chormusik heute nicht, was sie ist

Clytus Gottwald hat, wie sein Freund Heinz Holliger sagen würde, vergangenen Mittwoch, am 18. Januar „seinen Atem“ im hohen Alter von 97 Jahren „verhaucht“. Vielen ist er in lebhafter Erinnerung als vitaler, umfassend gebildeter Zeitgenosse, als streitbarer Intellektueller und Autor, als Musikforscher, als Dirigent, als Freund und in den letzten Jahren auch als Komponist.

Als 19-Jähriger aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, strandete er 1946 in Stuttgart und begann beim SDR (heute SWR) als Sänger. Er war Gründungsmitglied des „Kammerchors von Radio Stuttgart“, des späteren Südfunkchors und er war zwanzig Jahre lang leitender Redakteur für Neue Musik beim Süddeutschen Rundfunk Stuttgart.

Von 1967 – 1988 hat er für den Süddeutschen Rundfunk als Veranstalter, Redakteur und Chorleiter die Avantgarde der Nachkriegskomponisten entdeckt, gefördert und begleitet.

„Clytus Gottwald war ein Musiker mit Leib und Seele. Er war ursprünglich Geiger, Organist, Sänger und Dirigent, aber eben auch ein Forscher – er hat sich 40 Jahre lang mit mittelalterlichen Musikhandschriften befasst.“

Pionier der Nachkriegs-Avantgarde für das Vokale

Pierre Boulez, Dieter Schnebel, György Ligeti, Mauricio Kagel, Luigi Nono, Hans Werner Henze, Helmut Lachenmann, Wolfgang Rihm, um nur die Handvoll Berühmtheiten zu nennen, waren sein Inspirationsquellen und vielfach auch seine Freunde.

Aus freien Solisten und einigen Mitgliedern des Südfunk-Chors formierte er die weltberühmte 16-köpfige Schola Cantorum, die als Ensemble Alter Musik begann und innerhalb kürzester Zeit zum Avantgarde-Ensemble wurde und sich mit Leib und Seele der experimentellen Vokalmusik verschrieb: Clytus Gottwald und seinem Ensemble ist es zu verdanken, dass die Avantgarde der Nachkriegszeit auch auf dem Gebiet der Vokalmusik stattfand.

Reiche Palette vokaler Klangfarben

Dieter Schnebel, Heinz Holliger, Pierre Boulez, György Ligeti, Mauricio Kagel, Friedrich Cerha, Harrison Birtwistle, Helmut Lachenmann… sie alle haben für ihn und sein Ensemble neue Chorwerke geschrieben und dabei zusammen mit dem Musikbegriff auch die Palette der vokalen Klangfarben und Vokaltechniken zu einem Reichtum entwickelt, der dem der Instrumentalmusik in nichts nachsteht. Ohne Clytus Gottwald stünde die Chormusik des 20. Jahrhunderts nicht da, wo sie heute ist.

„Sein Tun und sein Leben hat sich verbunden zu einem Inbegriff der Nachkriegs-Avantgarde für das Vokale.“

Tätigkeit als Autor, Essayist und Komponist

In Tübingen und Frankfurt hat Clytus Gottwald Musikwissenschaft, Soziologie und evangelische Theologie studiert und er hat promoviert und seinen philosophisch-ästhetischen Schulterschlag durch Max Bense und Helmut Heißenbüttel empfangen, um die Hegel’sche Welt und die von Adorno aus der Perspektive des unmittelbar Gegenwärtigen zu reflektieren, ein streitbarer Intellektueller, Autor und Essayist.

Bezeichnete man ihn als Komponist, pflegte er herzlich zu lachen. Aber doch: In den letzten dreißig Jahren seines Lebens hat er viel komponiert. Er versuchte, die Lücke zu schließen, die die Komponisten der Jahrhundertwende im Chor-Repertoire hinterlassen hatten.

„Was gäben wir darum, wenn wir a cappella Werke von Gustav Mahler hätten. Oder von Claude Debussy, Maurice Ravel, Alban Berg – ein einziges Stück – und bei weitem nicht auf der Höhe dessen, was sie für Orchester geschrieben haben.“

Wegweisender Arrangeur

Clytus Gottwald war ein Mann der Tat und griff zum Stift. „Wie hätten Gustav Mahler und seine Zeitgenossen für Chor cappella geschrieben, wenn er die Technik gekannt hätte, mit der György Ligeti und Richard Strauss für 16-stimmigen Chor geschrieben haben.“

Es sind mutige Transkriptionen, die auf sehr eigenständige Weise die Klangvorstellung der Komponisten der Jahrhundertwende auf die menschliche Stimme übertragen – sie verleihen dem Chor instrumentale Klangfarben und einen Symphonischen Atem.

Clytus Gottwalds herzliches Lachen, seine schelmisch blitzenden Augen, ist allen, die ihn kannten, unvergesslich. Gerne erzählte er mit treffsicherem und selbstironischem Humor Geschichten aus seinem Leben. Darunter auch die, wie er einem eben verstorbenen Freund in seiner Grabrede mit auf den Weg gab: „Kalle, bleib sauber…!“ Und die ganze Trauergemeinde in lautes Lachen ausbrach. In diesem Sinne: „Clytus..., bleib sauber!“

Vokalmusik Schlüsselfigur der Neuen Musik: Komponist Clytus Gottwald gestorben

Der Chorleiter, Komponist, Rundfunkredakteur und Musikwissenschaflter Clytus Gottwald ist tot. Er starb am 19. Januar im Alter von 97 Jahren, wie die Familie dem Südwestrundfunk bestätigte.

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Martin Hagen