Glosse

Gordon Kampe zum 500. Todesjahr des Komponisten Josquin Desprez

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Er ist ein Beispiel für meisterhafte Perfektion im Stil: Josquin Desprez. Zum 500. Todesjahr des Komponisten erinnert sich Gordon Kampe an eine Erkenntnis, die im Mondschein stattfand. Youtube und Grillen spielten eine Rolle. Doch trotzdem: Unser Glossist Gordon Kampe harmoniert mit einem Kollegen von Josquin weitaus besser.

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Alte Musik oder Fußball

Im Postdramatischen Theater werden gern die institutionellen Bedingungen und Entscheidungen, die zu einem Stück geführt haben, selbst zum Inhalt Stückes. Ich mache es hier jetzt auch so.

Für diese Glosse wurde ich angeregt, entweder über Fußball oder über den 500. Todestag Josquins nachzudenken. Als Mann aus dem Ruhrgebiet, der irgendwo zwischen Schalke und der Nordkurve des Westfalenstadions geboren wurde, fällt die Entscheidung leicht: ich denke über Josquin nach – und das ohne jene viel zu oft bemühten Fußballanalogien – Josquin also!

„Die Perfektion ging mir auf den Keks“

Wie vermutlich sehr vielen Musiker*innen, begegnete mir seine Musik im Musiktheorie-Unterricht in der Hochschule in einem der ersten Semester. Josquin Desprez stand für soviel: Wie grundlegende kontrapunktische Techniken funktionieren, was eine Imitation ist, wie die Wort-Ton-Beziehungen gestaltet sind – alles zur Meisterschaft der franko-flämischen Vokalpolyphonie gehörte.

Und ich langweilte mich dabei furchtbar. Perfektion ging mir schon damals auf den Keks. Diese einschüchternde Lobhudelei, während man selbst schon wieder aus Versehen eine Quintparallele in einem schlecht kopierten Bach-Choral übersehen hatte.

Schlüsselerbnis in einem nächtlichen Youtube-Strudel

Gesualdo – das war Alte Musik nach meinem Geschmack: Harmonien, die einem die Schuhe ausziehen und dann noch die blutige Story behind. Aber Josquin war weit weg. Bis zu jener wunderlichen Nacht, die ich – wie viele Nächte zu jener Zeit – mondestrunken und folglich sinnlos surfend auf YouTube verbrachte.

Da war sie: die Grille! Ein gerade einmal knapp 90 sekündiges Chanson über eine Grille, die am Ende des Tages noch immer singt – und dann natürlich von der Liebe! Wie Josquin hier ohne großes Tamtam der Grille eine Miniaturbühne zaubert, ist zum Quieken.

Ein Stück im Dienste eines sympathischen Insekts: Die „Grille“

Im ersten Akkord scheint sie sich noch dramatisch zu einem riesigen Tier aufpumpen zu wollen, nur um kurz danach nervös und flatterhaft zu werden. Imitation und andere polyphone Tricks finden sich unter dem Mikroskop – die Meisterschaft komprimiert auf ein paar wenige Sekunden. Und alles im Dienste eines recht sympathischen Insekts. Und wehe, man sänge das Liedchen nicht leicht schräg und grillig – richtig wäre hier ganz falsch!

Diese Grillen-Erkenntnis übertrug ich nun auf das Hören der Messen und erfreue mich seitdem an einer gelegentlichen Schockstarre, ausgelöst durch die ganz untriumphale Perfektion von Josquins Musik. Die „Grille“ macht die „Missa pange lingua“ nur noch schöner.

Sollte der liebe Gott die Besiedlung der Wolken im Himmel nach Berufsgruppen eingeteilt haben – was allerdings eher zu nerdigen als zu paradiesischen Gesprächen führen würde – werde ich mich einstmals für meine zögerliche Begeisterung entschuldigen. Bis es soweit ist, freue ich mich aber noch etwas an ganz weltlichen und verliebten Grillen.

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