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Zeitgenosse von Wagner und Strauss: Orchesterlieder von Hans Sommer

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AUTOR/IN
Albrecht Selge

Wagner und Strauss kennt man natürlich – aber Hans Sommer? Der lebte von 1837 bis 1922, komponierte sehr viel, aber stand nie in der allerersten Reihe und wurde dann gründlich vergessen. Ob es lohnt, ihn wiederzuentdecken? Jetzt ist ein Album mit Orchesterliedern von Hans Sommer erschienen.

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Diesen Komponisten kennt man eventuell noch nicht: Hans Friedrich August Zincken genannt Sommer klingt fast, als käme er aus irgendeiner Märchenoper. Der Einfachheit halber nannte er sich als Komponist kurz „Hans Sommer“, seit ein paar Jahren wird er (ein wenig) wiederentdeckt. Zahlreiche Lieder komponierte er, und auch zehn Opern.

Eigentlich Mathematiker

Waldschratt hieß eine andere Oper von Hans Sommer. Ein bisschen schratig sah er auch selbst aus, zumindest für heutige Betrachter. Aber er stammte eben tief aus dem 19. Jahrhundert, mit professoralem Rauschebart. Sein Fach war eigentlich die Mathematik, als Spezialist für Linsensysteme erfand er wichtige optische Apparate.

Aber der wahre Fokus seines Herzens richtete sich auf die Musik. Unermüdlich bildete er sich als Quereinsteiger fort und fand einige Anerkennung beispielsweise bei Franz Liszt und später Richard Strauss. Und so trug Hans Sommers Musik, die gar nicht „mathematisch klingt“, das neunzehnte Jahrhundert weit ins zwanzigste, mit viel Schmalz und Seelenkraft, mit Streicherflirren und Harfenrauschen am Rhein.

Musik über Vergänglichkeit

In jüngster Zeit erschienen schon mehrere Alben mit Klavierliedern von Hans Sommer. Von den üppigen Orchesterliedern auf diesem neuen Album entstand etwa die Hälfte in Sommers Lebensherbst, seinen letzten Jahren vor dem Tod 1922, musikalisch ungetrübt von irgendwelchen Schönbergs oder Strawinskys. Die Vergänglichkeit spielt in den Stücken des über 80jährigen naheliegenderweise eine wichtige Rolle.

Besetzung

Neben Appl, Mojca Erdmann und Anke Vondung ist noch der Tenor Mauro Peter dabei, und das ist alles sängerisch rundum erfreulich. Das Gleiche gilt fürs Orchester. Hier spielt nicht, wie manchmal zur Begleitung globaler Gesangsstars, irgendein molwanîsches Billigorchester, sondern das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Trotz seinem spröden Namen gehört es zu den Spitzenensembles im Land, erst recht, seit Vladimir Jurowski es leitet.

Auf dem Hans-Sommer-Album dirigiert der ausgesprochen vielseitige Spanier Guillermo García Calvo. Und das ist alles sehr genau gearbeitet, aber eben doch höchst sinnlich, voller Schmackofatz, ohne falsche Schmalzscham.

Muskalischer Kalorienmissbrauch

22 Orchesterlieder von Hans Sommer enthält das Album, neun davon sind Nummern aus Opern. Aber die 13 Einzellieder wirken auch immer wieder wie prächtige Opernhöhepunkte. Danach braucht man vielleicht einen Schnaps, denn das ist köstlicher musikalischer Kalorienmissbrauch. Aber alles sehr gekonnt und beglückend. Ein guilty pleasure und zugleich fundierte musikgeschichtliche Weiterbildung.

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