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„Wagnerism“ heißt das neue Buch des US-amerikanischen Musikkritikers Alex Ross im Original. Es geht um Phänomene, die von Richard Wagner beeinflusst oder abgeleitet wurden, um den Kult des „Wagnerismus“.  „Das ist ein Buch, auf das wir gewartet haben“, findet der Musikkritiker Wolfram Goertz im SWR2 Gespräch.

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Das Wagnerismus-Phänomen: üppige Fleischportionen und lange Veranstaltungen

Eigentlich gibt es schon reichlich Literatur über Richard Wagner, würde man meinen. So etwas wie das Buch „Die Welt nach Wagner" von Alex Ross habe es allerdings bis jetzt noch nicht gegeben, meint der Musikkritiker Wolfram Goertz. Ross zeigte auf, wo uns heute überall Wagner begegnet, ohne dass uns das bewusst ist. Auf 906 Seiten sammelt er zahlreiche Beispiele aus allen möglichen Bereichen unseres Lebens.

Der Ausdruck „Wagnerian" im Englischen steht für etwas besonders Langes oder Großes, in der Schweiz gelten sehr große Schnitzel und Würste als „Wagnerianisch", auch der Begriff Stream of Consciousness aus der Literatur sei laut Ross von der Leitmotivtechnik bei Wagner abgeleitet worden. Auch die Malerei habe Wagner beeinflusst: Als Wassily Kandinsky das Lohengrin-Vorspiel hörte, sagte er: „Ich sah alle meine Farben im Geiste, sie standen vor meinen Augen"

„Ross hat das gemacht, wozu in Rheingold die beiden Riesen eigentlich da sind. Er baut eine Burg aus lauter Funden in der Sekundärliteratur. Ja, er hat sich da wirklich durchgefressen wie ein Reptil [...]. und alle Forschungsbereiche versöhnt und in eine große, dicke Schwarte gepackt."

Die wagnerianischen Wurzeln der Moderne

Alex Ross sieht auch in dem Film „Matrix" eine Wagner-Referenz: Wenn Neo mit der Kraft seiner Gedanken Kugeln abfängt, die auf ihn geschossen werden, sei dies ein Zitat einer Szene aus Parsifal, so Ross: Der von Klingsor abgefeuerte Speer, der über Parsifal in der Luft stehen bleibt. Sogar in der Militärgeschichte entdeckt Alex Ross Wagner-Referenzen: Der „Plan Hagen" oder die „Siegfriedlinie" an der deutschen Westfront im ersten Weltkrieg.

Die zahlreichen Referenzen verdeutlichen, wie nachhaltig Wagner, zumindest die westliche Welt, beeinflusst hat. Ross möchte mit dem Buch die verworrenen, wagnerianischen Wurzeln der Moderne freilegen, erzählt der Kritiker Wolfram Goertz.

Ein Buch für Kenner und Liebhaber

Es sei „ein hinreißend gut geschriebenes Buch, zu dem es so viel zu erzählen und so viel zu sagen gibt", findet Wolfram Goertz, der mit Superlativen und hörbarer Begeisterung über das Buch spricht. Es habe das Potential, ein neues Standardwerk in der Wagner-Literatur zu werden. Weil es aber Inhaltsangaben „immer sehr subtil einfließen" lasse und „man sich direkt zu den Gelenkstellen von Stücken mitgenommen fühlt", sei das Buch nicht nur für Kenner, sondern auch für Wagner-Interessierte und Liebhaber eine gute Lektüre.

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