Musik

Wolfgang Rihm – Leben und Werk (2/4) : Völlig irre Zustände

STAND
AUTOR/IN
Martina Seeber

Wolfgang Rihm sagt über sich selbst, er könne in seiner Musik nicht einfach akademische Dialoge oder Alltagsszenen abbilden. Stattdessen ginge es in seiner Musik um essenzielle Fragen und Gefühle. Jede neue Komposition werfe Fragen auf, die er im nächsten zu beantworten versuche. So entstehen Werkgruppen: In den 1980er Jahren sind dies die Gruppe „Tutuguri“, der Paul Celan Zyklus, ein Nietzsche-Block, weitere Opern, Streichquartette, Lieder und der Zyklus Chiffre. Insgesamt über 100 zum Teil ausufernde Werke komponierte Wolfgang Rihm in den 80er Jahren.

Audio herunterladen (9,4 MB | MP3)

Inspiriation durch das „Theater der Grausamkeit“

Ein Themenfeld, das sich in Rihms Schaffen der 1980er Jahre auftut, ist das „Theater der Grausamkeit“. So heißen die Manifeste des französischen Theatervisionärs Antonin Artaud. Artaud wollte für das Theater eine „echte körperliche Sprache“ erfinden, eine Sprache die „auf Zeichen und nicht mehr auf Wörtern beruht.“ Also eine Hochkultur jenseits der Hochkultur. Ein Kunst-Ritual.

„Fünf grässliche Schreie, tief in der Kehle"

Nach der Lektüre von Artauds Gedicht „Tutuguri“ über ein mexikanisches Ritual komponierte Wolfgang Rihm eine gleichnamige Werkreihe. 1982 wird sie als „getanztes Gedicht“ uraufgeführt. „Tutuguri“ ist lang, laut und exzessiv. Länger, lauter und exzessiver als Strawinskys Frühlingsopfer von 1913. Vielleicht auch – wie ein Kritiker schreibt - um die Ängste des Kalten Kriegs zu überdecken. Wolfgang Rihm sucht nach den Wurzeln der Musik in der Art Brut und im Ritual: wie seine Maler- und Bildhauerkollegen, die „neuen Wilden“ Baselitz oder Lüpertz. In Tutuguri singen und sprechen die Vokalisten, mittendrin brüllen sie auch. Rihm verlangt: „Fünf grässliche Schreie, tief in der Kehle, Zunge weit heraus, der ganze Körper schreit.“

Anlässlich seines 70. Geburtstags sendet SWR2 Treffpunkt Klassik eine vierteilige Sendereihe über Wolfgang Rihms Leben und Werk.

Karlsruhe

Musik Wolfgang Rihm zum 70. Geburtstag – Karlsruher Komponist mit Weltwirkung

Wolfgang Rihm ist einer der bedeutendsten, produktivsten und meistgespielten Komponisten zeitgenössischer Musik. Beinahe täglich wird irgendwo auf der Welt eines seiner über 600 Werke aufgeführt, darunter Opern, große Orchesterstücke, Vokalkompositionen und Kammermusik. In Karlsruhe geboren und aufgewachsen, lebt, arbeitet und unterrichtet er nach wie vor in seiner Heimatstadt. Seit Beginn seiner Karriere in den siebziger Jahren ist der Komponist eng mit dem SWR und seinen Orchestern verbunden. Am 13. März 2022 feiert Wolfgang Rihm seinen 70. Geburtstag.

Serie Wolfgang Rihm: Leben und Werk (1/4)

Anfang der 1970er Jahre revolutioniert der junge Wolfgang Rihm aus Karlsruhe die Musikszene. Die Kraft und Direktheit seiner Tonexzesse, aber genauso die Kraft der Stille in seiner Musik beschäftigen Musikkritiker*innen bis heute. In dieser Folge geht es um die Lehrjahre Rihms, sein Studium, seine klangliche Wunschvorstellung, um die Personen, die ihn in seinen Werken inspiriert haben und um die Thematik seiner Werke.

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Serie Wolfgang Rihm – Leben und Werk (2/4) : Völlig irre Zustände

Wolfgang Rihm sagt über sich selbst, er könne in seiner Musik nicht einfach akademische Dialoge oder Alltagsszenen abbilden. Stattdessen geht es in seiner Musik um essenzielle Fragen und Gefühle. Jedes neue Werk wirft Fragen auf, die er im nächsten zu beantworten versucht. So entstehen Werkgruppen: In den 1980er Jahren sind dies die werkgruppe „Tutuguri“, der Paul Celan Zyklus, ein Nietzsche-Block, weitere Opern, Streichquartette, Lieder und der Zyklus Chiffre. Insgesamt über 100 zum ausufernde Werke komponierte Wolfgang Rihm in den 80er Jahren.

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Musik Wolfgang Rihm: Leben und Werk (3/4)

Wolfgang Rihms Werke wuchern förmlich ineinander: Aus einem „Mutterwerk“ entstehen neue Werke und Formen. Sein Bild von der Form als nichts Festes, sondern als etwas permanent Veränderndes und Wanderndes zeigt sich auch in einer neuen Art von Musik. Rihms Kompositionen der 1990er Jahre, wie beispielsweise die Orchesterstücke „Vers une symphonie fleuve“, haben etwas Schwebendes, Fließendes, was im Kontrast zu seinen vorherigen Werken steht.

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Musik Wolfgang Rihm: Leben und Werk (4/4): Über Linien

Musikalische Frage zu Linien und Kontrasten, zu Vertikalen und Horizontalen, beschäftigen Wolfgang Rihm seit Beginn seiner Arbeit. Er hat der „Linie“ sogar einen eigenen Zyklus gewidmet, der 1999 mit einem Cellosolo beginnt und sich in Kompositionen für viele weitere Instrumente fortsetzt. Auch eine Beschäftigung mit religiösen Themen wird für Rihm in einer Phase schwerer Krankheit wichtiger. Dies zeigt sich in seiner Komposition „Stabat Mata“ für Bariton und Viola.

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

STAND
AUTOR/IN
Martina Seeber