Musik

Wolfgang Rihm – Leben und Werk (1/4): Beseelt und besessen

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AUTOR/IN
Martina Seeber

Anfang der 1970er Jahre revolutioniert der junge Wolfgang Rihm aus Karlsruhe die Musikszene. Die Kraft und Direktheit seiner Tonexzesse, aber genauso die Kraft der Stille in seiner Musik beschäftigen Hörer*innen bis heute. In der ersten Folge der vierteiligen Reihe geht es um die Lehrjahre Rihms, sein Studium, seine klangliche Wunschvorstellung, um die Personen, die ihn in seinen Werken inspiriert haben und um die Thematik seiner Werke.

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Klangvorstellung zwischen Schroffheit und glühender Sinnlichkeit

Es sind elementare Kräfte, mit denen Wolfgang Rihm Anfang der 1970er Jahre die Musikszene überrascht. Und das betrifft, finde ich, sowohl die Gewalt der Töne als auch die Stille zwischen den Eruptionen. Der junge Karlsruher weiß, was er will: „Ich habe eine Wunschvorstellung“, sagt er: ein Klang, der „ganz seltsam zwischen Härte und Überschwang, dröhnender Kargheit und stählerner Üppigkeit, zwischen Schroffheit und glühender Sinnlichkeit angesiedelt ist.“Abgesehen von diesen Extremen überrumpelt er seine Hörerschaft mit einer Musik, die „Ich“ sagt in einer Zeit, als alles Subjektive mehr als misstrauisch betrachtet wird.

Der Klang der in den Boden gerammten Stahlträger

Wolfgang Rihm ist Anfang 20, als er in den 1970er Jahren gleich mit einer ganzen Reihe von groß besetzten Werken aufhorchen lässt. Er komponiert, seit er 11 Jahre alt ist. Studiert hat er bei Wolfgang Fortner, bei Karlheinz Stockhausen, der überrascht feststellte, dass der Schüler zwar etwas suchte, aber sich nichts vorschreiben ließ, und schließlich bei Klaus Huber. Wolfgang Rihm hatte schon tiefe Prägungen erfahren. 1952 in die Wiederaufbaujahre hineingeboren, läuft er an der Hand der Mutter durch Karlsruhe und hört und spürt die Dampframmen, die Stahlträger für die Fundamente der großen Kaufhäuser in den Boden hämmern. „Die Detonation ist am Körper angekommen“, sagt der heute gut 1 Meter 90 große Komponist. Ihm wurde klar, dass er so etwas in der Musik suchte.

„Klänge von beklemmender Direktheit“

„Klänge von beklemmender Direktheit“, ist in den Zeitungen zu lesen, „ein junger Meister“ oder auch „Noch nicht 30 und schon reif fürs Musiklexikon“. Der junge Wilden aus dem bundesrepublikanischen Westen legt in den Siebzigerjahren einen Senkrechtstart hin. Ein Werk folgt dem anderen, Kammerbesetzung, Gesungenes, Instrumentales, viel Orchestrales, in dem widerhallt, was Wolfgang Rihm begeistert: Büchner, Celan und Hölderlin, Mahler, Brahms und die Theorie des Theaters der Grausamkeit von Antonin Artaud.

Durchbruch 1979 mit der Kammeroper „Jakob Lenz“ nach Georg Büchner

Wollen kann man nichts, aber müssen schon. Den Kritiker der Zeit, Heinz-Josef Herbort jedenfalls, verlangte es nach seinem ersten Rihm-Erlebnis nach einem Schnaps, wie er in der Zeitung schrieb. Zwischen brutalistische Geräuschexzesse schieben sich Anklänge an die damals gering geschätzten Werke von Mahler und Sibelius. Dazwischen tun sich immer wieder Pausen auf wie Abgründe. Als 1979 in Hamburg seine Kammeroper über den irren, irrenden und scheiternden Jakob Lenz von Georg Büchner uraufgeführt wird, verschafft sie Wolfgang Rihm die endgültige Anerkennung. Wanderer, Suchende, auch scheiternde Menschen werden die Hauptfiguren aller seiner Musiktheaterwerke.

Karlsruhe

Musik Wolfgang Rihm zum 70. Geburtstag – Karlsruher Komponist mit Weltwirkung

Wolfgang Rihm ist einer der bedeutendsten, produktivsten und meistgespielten Komponisten zeitgenössischer Musik. Beinahe täglich wird irgendwo auf der Welt eines seiner über 600 Werke aufgeführt, darunter Opern, große Orchesterstücke, Vokalkompositionen und Kammermusik. In Karlsruhe geboren und aufgewachsen, lebt, arbeitet und unterrichtet er nach wie vor in seiner Heimatstadt. Seit Beginn seiner Karriere in den siebziger Jahren ist der Komponist eng mit dem SWR und seinen Orchestern verbunden. Am 13. März 2022 feiert Wolfgang Rihm seinen 70. Geburtstag.

Serie Wolfgang Rihm: Leben und Werk (1/4)

Anfang der 1970er Jahre revolutioniert der junge Wolfgang Rihm aus Karlsruhe die Musikszene. Die Kraft und Direktheit seiner Tonexzesse, aber genauso die Kraft der Stille in seiner Musik beschäftigen Musikkritiker*innen bis heute. In dieser Folge geht es um die Lehrjahre Rihms, sein Studium, seine klangliche Wunschvorstellung, um die Personen, die ihn in seinen Werken inspiriert haben und um die Thematik seiner Werke.

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Serie Wolfgang Rihm – Leben und Werk (2/4) : Völlig irre Zustände

Wolfgang Rihm sagt über sich selbst, er könne in seiner Musik nicht einfach akademische Dialoge oder Alltagsszenen abbilden. Stattdessen geht es in seiner Musik um essenzielle Fragen und Gefühle. Jedes neue Werk wirft Fragen auf, die er im nächsten zu beantworten versucht. So entstehen Werkgruppen: In den 1980er Jahren sind dies die werkgruppe „Tutuguri“, der Paul Celan Zyklus, ein Nietzsche-Block, weitere Opern, Streichquartette, Lieder und der Zyklus Chiffre. Insgesamt über 100 zum ausufernde Werke komponierte Wolfgang Rihm in den 80er Jahren.

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Musik Wolfgang Rihm: Leben und Werk (3/4)

Wolfgang Rihms Werke wuchern förmlich ineinander: Aus einem „Mutterwerk“ entstehen neue Werke und Formen. Sein Bild von der Form als nichts Festes, sondern als etwas permanent Veränderndes und Wanderndes zeigt sich auch in einer neuen Art von Musik. Rihms Kompositionen der 1990er Jahre, wie beispielsweise die Orchesterstücke „Vers une symphonie fleuve“, haben etwas Schwebendes, Fließendes, was im Kontrast zu seinen vorherigen Werken steht.

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Musik Wolfgang Rihm: Leben und Werk (4/4): Über Linien

Musikalische Frage zu Linien und Kontrasten, zu Vertikalen und Horizontalen, beschäftigen Wolfgang Rihm seit Beginn seiner Arbeit. Er hat der „Linie“ sogar einen eigenen Zyklus gewidmet, der 1999 mit einem Cellosolo beginnt und sich in Kompositionen für viele weitere Instrumente fortsetzt. Auch eine Beschäftigung mit religiösen Themen wird für Rihm in einer Phase schwerer Krankheit wichtiger. Dies zeigt sich in seiner Komposition „Stabat Mata“ für Bariton und Viola.

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