Brüggemanns Klassikwoche

Warum mehr Musiker*innen auf Festanstellungen verzichten

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Christian Thielemann, Joana Mallwitz, und viele andere: Ist die feste Anstellung für Musiker*innen immer noch das ultimative Ziel? Aktuelle Entwicklungen lassen daran zweifeln. Es geht um Personalführung, Diplomatie, und den Chefposten in der Musikbranche. Unser Kolumnist Axel Brüggemann denkt darüber nach, warum Freiheit wieder wichtiger wird.

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Befreit durch verlorene Anstellungen?

Es muss ein Rausch gewesen sein, wie Christian Thielemann seinen Bayreuther „Parsifal“ dirigiert hat. Von „Meilenstein“ war da zu hören, von „Perfektion“ — es wurde sogar gefragt, ob Wagners letzte Oper je zuvor derart eindringlich aus dem „Mystischen Abgrund“ in Bayreuth erklungen sei.

Christian Thielemann spielte wie befreit auf – ausgerechnet am Ende eines Jahres, in dem klar wurde, dass er alle drei Führungspositionen verlieren würde: zunächst die Salzburger Osterfestspiele, dann seinen Chef-Posten bei der Staatskapelle in Dresden und schließlich auch den Job als „Musikdirektor“ der Bayreuther Festspiele.

Überall hatte sich die Erkenntnis eingestellt, das Management, Personalführung und Diplomatie vielleicht nicht zu Thielemanns Kernkompetenzen gehören.

Chefposten sind nicht das Wichtigste in einer Karriere

In Salzburg hatte Thielemann noch mit Schlamm geworfen, in Dresden und Bayreuth reagierte er stiller, souveräner. Vielleicht, weil er erkannt hatte, dass Chefposten nicht unbedingt das Wichtigste in einer Musikerkarriere sein müssen — dass es in Wahrheit um die Musik geht. Thielemann ist nicht der einzige Musiker, der neuerdings nach dem Motto zu leben scheint: „Die Freiheit nehm ich mir!“

Der Entschluss von Nürnbergs Generalmusikdirektorin Joanna Mallwitz, ihren Vertrag nicht zu verlängern, las sich auf den ersten Blick als würde sie sich mehr um ihre Familie kümmern wollen. Aber ist das alles?

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Die Schattenseiten einer Anstellung als Generalmusikdirektor*in

Ist es wirklich noch erstrebenswert, sich als Generalmusikdirektorin mit Orchester-Vorständen, Betriebsräten und Gewerkschaften, mit Probe-Plänen und Reise-Regularien und mit künstlerischer Dauer-Legitimation gegenüber oftmals kultur-uninteressierten Provinz-Politiker*innen herumzuschlagen? Mit Finanz-Engpässen, diplomatischen Scharmützeln um eine weitere Orchesterstelle, um Corona-Maßnahmen und, und, und?

Wäre es nicht viel schöner, regelmäßig irgendwohin als Gast eingeladen zu werden? Dorthin, wo Publikum und Orchester sich auf einen freuen? Wo es nur um die Arbeit an der Musik geht, um die gemeinsame Begeisterung – um die perfekte Aufführung, den Rausch, den Flow?

Auch junge Musiker*innen lehnen feste Stellen ab

Neulich erzählte mir eine junge Dirigentin, dass sie das Angebot abgelehnt habe, Musikdirektorin in einem bedeutenden Deutschen Opernhaus zu werden: „Ich habe mich ein bisschen als Quotenfrau gefühlt“, sagte sie, „und war ernüchtert, wie wenig künstlerischen Spielraum ich haben sollte.“

In Heidenheim habe ich mich vor einigen Wochen mit dem Erfinder der Opernfestspiele unterhalten, mit dem Musikdirektor aus Rostock und dem Vorsitzenden der GMD-Konferenz, mit Markus Bosch.

Auch er erklärte mir: Es sei immer gängiger, Orchesterstellen nicht mehr ganz zu besetzen, weil immer mehr Musiker*innen zwar noch mit 50 Prozent Sicherheit in einem großen Orchester suchen würden, gleichzeitig aber 50 Prozent Zeit haben wollten, um eine künstlerische Freiheit zu erleben, die in vielen Orchestern viel zu selten geworden sei.

Eine neue Sehnsucht nach künstlerischer Freiheit

Diese neue Sehnsucht mag gerade nach der Corona-Zeit verwundern. Ist Sicherheit nicht das neue „Erstrebenswert“? Oder haben Musikerinnen und Musiker gerade in der Krise gelernt, warum sie ihren Job machen — nicht wegen des Egos, nicht wegen des Postens oder des Prestiges.

Die Wahrheit ist: Kein Musiker hat seinen Job auf Grund der Sicherheit ergriffen (denn die gibt es in der Kunst nicht). Die meisten sind Musiker*innen aus Leidenschaft geworden, auf der ewigen Suche nach dem genialen Moment, dem Flow, der Erfüllung, dem Stehenbleiben der Zeit.

Ein Denkzettel für unsere Kultur-Institutionen

Es sollte unseren Opernhäusern und Orchestern zu denken geben, dass sie diese Kriterien oft nicht mehr erfüllen, dass sie zu bürokratisch geworden sind, zu steif, zu „unmusikalisch“.

Gleichzeitig ist die Erkenntnis beruhigend: Nach der Krise scheint es endlich wieder und das zu gehen, was auch uns als Publikum begeistert — die existenzielle Freiheit, die nötig ist für jede Kreativität und große Kunst!

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