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Wer hat eigentlich die Macht in der Klassik? Die Labels behaupten noch Macht, aber Julia Fischer hat gerade ausgeteilt, und auch viele Orchester kommen längst ohne Labels aus. Die Einnahmen haben sich verschoben: Stars haben früher 70 Prozent aus CDs gewonnen, heute sind echte Auftritte wichtiger. Es profitieren die, die gerade in der Krise sind: Veranstalter! Ihre Zeit wird kommen!

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Die „Plattenbosse" in den 70er und 80er Jahren

Früher war die Welt noch in Ordnung: Selbst auf die Besetzungspolitik der Metropolitan Opera in New York hatten die Plattenbosse Einfluss: Pavarotti? – Der tritt natürlich nur mit Joan Sutherland auf: beides DECCA-Künstler. Und Placido Domingo? Na klar: mit Katia Ricciarelli – darauf bestand die EMI. In den 70er und 80er Jahren waren die Platten-Bosse quasi die Alleinherrscher der Musik-Szene: Sie haben Karrieren gemacht, begleitet und – wenn nötig – auch beendet.

Aber wer hat eigentlich heute die Macht in der Klassik? Egal, mit welchem Künstler man redet – alle sagen das Gleiche: Früher war ein Exklusiv-Plattenvertrag quasi eine Lebensversicherung, hat zum Teil über die Hälfte aller Einnahmen ausgemacht. Das hat sich radikal verändert: Von den Verkäufen einer CD lebt lägst niemand mehr. Im Gegenteil: Manche Künstler*innen bringen – etwa für Aufnahmen bei der SONY – noch Kohle mit. Eine Aufnahme – sie dient höchstens noch der Vermarktung, der PR – und ist, wenn man so will: allenfalls „umwegrentabel“.

Neue Geschäftsmodelle für die Labels: Live-Auftritte statt Klang-Konserven

All das hält Plattenlabels nicht davon ab, noch immer mit stolzgeschwellter Brust durch die Klassik-Welt zu schreiten. Und so zu tun, als hätten sich die Zeiten nie geändert. Dabei haben Labels wie die Deutsche Grammophon längst neue Geschäftsmodelle entwickelt und  begriffen: das Geld liegt im Live-Auftritt nicht in der Klang-Konserve: sie übernehmen das Künstlermanangement für große Namen: unter anderem für Anna Netrebko oder Rolando Villazón.

Auf jeden Fall an letzterem ist zu sehen, wohin das führt: zum Ausquetschen einer Stimm-Zitrone bis auf den letzten Tropfen. Inzwischen muss Rrrrrrrrrolando nicht einmal mehr selber singen, sondern nur noch CDs mit seinen Lieblingsarien zusammenstellen. Und, mit Verlaub: Jonas Kaufmann, vertreten und promotet von Sony Classical - ist auf einem ähnliche Weg: Italia-, Vienna- und Christmas-Album! Ähnlich wie Villazon nehmen auch bei Kaufmann inzwischen die Absagen auf Grund von Indisponiertheit oder anderen PR-Verpflichtungen zu!

Exklusiv-Deals für Fernseh-Produktionen: ein andauernder Klassik-Kindergarten-Streit

Einige Zeit lang waren es dann die Fernseh-Produzenten, die um neue Macht-Positionen rangen. Allen voran die UNITEL von Leo-Kirch-Freund Jan Mojto. Er hatte schon die Exklusiv-Rechte an Herbert von Karajan und wollte gleiches mit Christian Thielemann durchsetzen. Kein bewegtes Bild des Maestro ohne das Abnicken der UNITEL – und der Deal schien zunächst zu funktionieren: Thielemann im ORF, Thielemann im ZDF, und immer dabei: die UNITEL. Eintönig? und wie!

Die Grammophon zog nach, mit der Video-Plattform „DG Stage“. Und – wie in guten alten Zeiten pocht auch sie auf Exklusivrechte: Pianist Rudolf Buchbinder – ja, aber bitte nur bei uns! Und so spielen UNITEL und Deutsche Grammophon ein Spiel, als wäre die Zeit stehen geblieben: ein andauernder Klassik-Kindergarten-Streit um die Frage, wer denn nun der größte Musik-Bestimmer ist.

„Labels und Produzenten sind so schwach wie nie"

Das wirklich Absurde: All das interessiert schon lange niemanden mehr. Nicht nur, weil Thielemann eben doch kein Karajan ist, sondern, weil auch kein Geld mehr fließt. Die Wahrheit ist: Labels und Produzenten sind so schwach wie nie. Sie machen keine Trends mehr, sondern laufen ihnen höchstens hinterher. Oder: sie programmieren am Publikum vorbei.

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Orchester und Künstler*innen produzieren selbst

Die Bayreuther Festspiele haben die Unitel längst rausgeworfen und produzieren inzwischen selber. So wie alle wirklich großen: Egal, ob die Berliner Philharmoniker mit der Digital Concerthall und eigenen CD-Produktionen – ähnlich handhaben es inzwischen viele Orchester, unter anderem Franz Welser-Mösts Cleveland Orchestra – egal ob Opernhäuser wie die MET, Wien oder München mit eignen Streams – die Technik ist so überschaubar geworden, dass selbst sololebständige Künstler*innen wie das Geigen-Duo „The Twiolins“ inzwischen profitabel streamen – um ihre Kosten zu denken, brauchen sie nicht viele zahlende Zuschauer.

Macht-Allüren ohne Macht

All das hält Labels und Produzenten nicht davon ab, ihren „Exklusivkünstler*innen“ Auftritte in freien Produktionen zum Teil zu verbieten – was ihnen langfristig wohl mehr schaden als nützen wird.

Wenn wir in diesen Tagen darüber reden, dass bald nichts mehr sein wird, wie es einmal war – dann hat das auch etwas Gutes: die Macht der Klassik kehrt langsam zurück zu jenen, die gerade die größte Krise ihrer Geschichte durchmachen. Die in Wahrheit aber die eigentliche, neue Macht der Musik sind: zu den Veranstaltern! Derzeit geht es ihnen vielleicht nicht so gut – aber: Kopf hoch! Ihre Zeit wird kommen!    

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