Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts

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In Paris wurde Musikgeschichte geschrieben, vor allem im 19. Jahrhundert, vor allem in der Oper. Die „Grand Opéra“ war das große Ziel vieler Komponisten; wer hier reüssierte, zählte zu den wichtigsten Musikern in ganz Europa. Gleichzeitig wurde der musikalische Salon zu einem Treffpunkt der einflussreichsten Agenten, Interpreten, Komponisten. Im kleinen Raum wurde viel Neues ausprobiert, bevor die Musik dann in den großen Konzertsaal wanderte. Autor Volker Hagedorn hat sich auf Spurensuche begeben und das musikalische Paris im 19. Jahrhundert erkundet.

Anfang Mai 1864 stirbt Giacomo Meyerbeer, und ganz Paris scheint auf den Beinen:

Es ist eine der letzten Episoden in Volker Hagedorns Buch „Der Klang von Paris. Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts“ – und diese Szene zeigt noch einmal, was den Leser bis dahin rund 350 Seiten lang in Atem gehalten hat: Die enge Verzahnung von Stadthistorie und Musikgeschichte, so unmittelbar erzählt, als sei der Leser selbst dabei. Am Vorabend des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 endet dieses Buch, also noch deutlich vor der Jahrhundertwende. Aber das macht Sinn. Denn nach dem Krieg beginnt ein neues Kapitel, und, wer weiß, vielleicht lässt Hagedorn irgendwann noch einen zweiten Band folgen, der den Impressionismus einschließt. Das vorliegende Buch beginnt im Oktober 1821, als Hector Berlioz erstmals die Metropole Paris erreicht.

Hector Berlioz wird in diesem Buch zu einer Art Reisebegleiter, er ist nicht ständig präsent, aber er taucht immer wieder auf, bei Großereignissen und bei Begegnungen im Salon.

Hagedorn schildert die einzelnen Episoden mit einer geradezu filmischen Intensität, als laufe er mit einer kleinen Kamera neben den Figuren her. Alles fängt er haarscharf ein, und alles kleidet er in eine sehr lebendige, anschauliche Sprache. So gelingen ihm immer wieder erhellende Verzahnungen zwischen Stadt-, Mentalitäts- und Musikgeschichte. Hagedorn, bekannt vor allem als Autor der Wochenzeitung „Die Zeit“, zeigt Paris als einen Jahrmarkt der Eitelkeiten, aber auch als eine Stadt neuer Entwicklungen – mit der Musik als dem wahren Zentrum. Er verzichtet auf genauere Werkbetrachtungen, schildert dafür detail- und kenntnisreich Stimmungen und Atmosphären, kleine Begebenheiten und große Veränderungen, die sich in und um Paris ereignet haben – etwa eine Zugfahrt des Frédéric Chopin:

Hagedorn hat viele Quellen genau ausgewertet und bringt sie nun in eine fast romanhafte Erzählung. Das heißt, er fügt durchaus fiktionale Momente ein, ohne dadurch die Gültigkeit seiner Quellen zu konterkarieren. Dass er gelegentliche Schlenker in die Gegenwart vornimmt, schärft zwar das Auge des vergleichenden Betrachters – wäre aber nicht zwingend notwendig gewesen. Denn auch so ist das Buch packend erzählt, es hält die Neugierde des Lesers konstant hoch und liefert ein sehr plastisches Bild von den musikalischen Hauptdarstellern auf der Theaterbühne Paris. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja wirklich eines Tages eine Fortsetzung, die sich dann der Zeit ab 1870/71 widmet…

Buch-Tipp vom 27.2.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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